Die meisten Stuttgarter umgehen die Streikfalle: Sie haben sich auf den Ausstand vorbereitet. Zudem fahren die S-Bahnen häufiger als zunächst erwartet. Der Streik endet um 21 Uhr.

Stuttgart - Der siebte Streik innerhalb der vergangenen zehn Monate läuft für die meisten Stuttgarter beinahe schon routiniert ab: Viele haben ihren Tagesablauf an den seltener fahrenden S-Bahnen und ausfallenden Regional- und Fernverkehrszügen ausgerichtet. Doch die Streikwirkung verpuffte nicht vollends: Auf den Straßen stauten sich die Autos, den Gewerbetreibenden an den Bahnhöfen blieben Kunden weg, und auch OB Fritz Kuhn (Grüne) schaltete sich ein.

„Solch einen Streik kann sich niemand leisten. Es darf nicht zu einem Verkehrskollaps kommen“, warnte Kuhn. Auf den Autobahnen um Stuttgart kam es zu Staus, besonders betroffen war die A 81 Singen Richtung Stuttgart. Im Kessel blieb es ruhiger: ein Rundgang in einer Stadt, die in der Vergangenheit gelernt hat, mit dem Streik von Nah- und Fernverkehr umzugehen.

Die Betroffenen

Brigitte Weimar öffnet die Kasse ihres Kiosks am Bahnhof Vaihingen und gibt einem Kunden Rückgeld. Draußen hinter den Fenstern stehen nur wenige Menschen auf dem Bahnsteig. „Der Streik wirkt sich unmittelbar auf das Geschäft aus. Es sind sehr viel weniger Kunden hier als normalerweise“, sagt die Kiosk-Mitarbeiterin. „Viele unserer Stammgäste fahren heute ­offenbar mit dem Auto zur Arbeit“, sagt Weimar.

Über die Infotafeln auf dem Bahnhof läuft: „Aufgrund eines GDL-Streiks kommt es zu erheblichen Einschränkungen“. Die nächste Bahn zum Flughafen, die S 3, fährt erst in 59 Minuten. Mit einem Rollkoffer an seiner Seite steht Michael Schoppol am Gleis. Der Streik würfelt seine Reiseplanung durcheinander, gleich an zwei Tagen.

Der Geschäftsreisende muss eine kleine Unmöglichkeit möglich machen: Zunächst auf eine Messe nach Karlsruhe gelangen, im Anschluss kehrtmachen und zurück nach Stuttgart reisen, von hier aus im Flugzeug nach Hannover, um dann schließlich irgendwie zu Hause in Bremen anzukommen. „Ich habe mit meiner Firma schon abgesprochen, dass ich mir einen Mietwagen nehme“, sagt Schoppol. Doch dort sei das Angebot dieser Tage sehr begrenzt. „Ich bin natürlich nicht der Einzige mit dieser Idee.“

Die Streikenden - Das Gewerbe

Die Streikenden

Norbert Quitter, der stellvertretende Bundesvorsitzende der GDL, schlendert über den Bahnsteig 4 des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Um ihn herum stehen ­Männer und Frauen, die Transparente in der Hand halten und Plastikhemden mit den drei Buchstaben der Lokführer-Gewerkschaft übergeworfen haben.

Quitter, der zweite Mann nach GDL-Chef Claus Weselsky, trägt blaues Oberhemd und Schlips und will an diesem Tag trotzdem Flagge zeigen, sagt er: „Wir sind über die Reaktion der Bahn sehr überrascht. Es gab keinerlei ­belastbare Zwischenergebnisse bezüglich Gehalt und Arbeitszeiten der Mitarbeiter.“

Es sei ein Spiel auf Zeit, das die Bahn da spiele. Abgesehen von dem kleinen Haufen Streikender, rund zwei Dutzend Lokführer, sind die Stühle auf den Bahnsteigen unbesetzt. Der deutschlandweite Streik lähmt auch den Betrieb am Stuttgarter Hauptbahnhof: Nur wenige Fernverkehrszüge fahren bis zum heutigen Donnerstag um 21 Uhr.

Das Gewerbe

Satten Profit aus dem Bahn-Ausstand schlagen wie bereits bei den sechs vorigen Streikaktionen die Fernbusunternehmer, die an den Bahnhöfen in Zuffenhausen und am Flughafen ihre Busse auf die Straßen bringen.

Die Passagiere weichen offenbar im großen Stil auf die Busse aus: Laut der Reisesuchmaschine „GoEuro“ nahmen die Buchungen seit der Ankündigung des Streiks um 216 Prozent zu. Die Zahl der Flugbuchungen kletterte demzufolge um 82 Prozent nach oben.

Bei dem Autovermieter Europcar am Hauptbahnhof stehen einige Kunden in der Filiale. Der Andrang ist nicht größer als an anderen Tagen. „Wir sind so gut wie ausgebucht. Die Kunden waren offensichtlich vorbereitet und haben die Buchungen schon im Vorfeld vorgenommen“, sagt ein Mitarbeiter.

In der Haupthalle des Bahnhofs ist ein Tombola-Stand aufgebaut. „Die wenigen Leute, die kommen, sind zu frustriert, um ein Los zu kaufen“, sagt Mitarbeiter Immanuel Schäfer. Draußen vor dem Bahnhof kurbelt der Taxifahrer Volker Lenschow das Fenster herunter und wartet auf Kunden. „Es ist weniger los an solchen Tagen. Viele sind mit dem Auto unterwegs.“ Und auch von ihm der fast unvermeidliche Satz: „Die Leute waren vorbereitet.“

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