Für Pendler in der Region bedeutet der erste von drei Tagen Streik der Lokführergewerkschaft GDL Stress. Am Stuttgarter Hauptbahnhof geben Fahrgäste der Bahn die Schuld.
Dörte Muré wird am Mittwoch auf die Geduldsprobe gestellt. Es ist klirrend kalt und die 79-Jährige steht um 7 Uhr in der Früh vor der blau flimmernden Anzeigetafel der Eingangshalle am Stuttgarter Hauptbahnhof. Über den Bildschirm tickert eine Zugabsage nach der anderen. Schlechte Nachrichten für die frühere Erzieherin, die auf die Bahn angewiesen ist. Die Seniorin pendelt zweimal in der Woche ins etwa 30 Bahnminuten entfernte Backnang, wo sie die Regale eines Supermarkts auffüllt.
Doch an diesem Mittwoch dauert der Weg zur Arbeit länger, dafür sorgen die Lokführer, die seit 2 Uhr in der Nacht den Personenverkehr in weiten Teilen lahmgelegt haben. Der Streik hatte am Dienstagabend um 18.00 Uhr zunächst im Güterverkehr begonnen. Geplantes Ende des Arbeitskampfes ist Freitagabend um 18 Uhr. Mit einem Ersatzfahrplan bietet die Bahn im Fernverkehr nur 20 Prozent ihres üblichen Angebots an, auch Regionalzüge und S-Bahnen sind massiv betroffen. Am Morgen verkehrte am Hauptbahnhof lediglich die S1 im Stundentakt. Dörte Muré hofft auf eine andere Verbindung: In einer knappen Stunde um 7:52 Uhr soll eine Regionalbahn auf Gleis 3 fahren. Die 79-Jährige nimmt es gelassen: „Irgendwie kommt man ja immer ans Ziel.“
Ärger über die Bahn: „Das ist eine Farce“
Gereizter reagiert ein Bahnreisender, der mit einem dampfenden Kaffee-Pappbecher in der Hand auf Gleis 5 steht. Der Geschäftsmann muss dringend zu einem Termin nach Kassel. Doch gerade ertönt die Durchsage, dass der ICE 614 in Richtung Köln ausfällt. Jetzt wird es umständlich: Mit der Regionalbahn geht es nach Würzburg, von dort sollen dann Ersatz-ICEs fahren. Der Zorn des Autohändlers richtet sich nicht gegen die Lokführer. „Ich nehme es den Streikenden nicht übel“, sagt er. Sein Ärger gilt vielmehr den Chefetagen der Bahn: „Die Züge kommen absolut nicht pünktlich, aber die Bahnvorstände kassieren Boni, dass es knallt. Das ist eine Farce.“
Die Bahn und die GDL verhandeln seit Anfang November über neue Tarifverträge. Hauptknackpunkt ist die Forderung der GDL nach einer Senkung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Dies lehnt die Bahn ab. GDL-Chef Claus Weselsky erklärte die Verhandlungen daher für gescheitert und kritisierte, dass mit dem bundeseigenen Konzern keine Kompromisse zu finden seien.
Verständnis für Bahn-Lokführer
Mittlerweile ist es halb acht, Feierabend für einen Go-Ahead-Lokführer, der neun Stunden Nachtschicht auf dem Buckel hat und gerade inmitten einer Menschenschar aus einer auf Gleis 6 eingetroffenen Bahn steigt. Sein Arbeitgeber einigte sich erst vor Kurzem mit der GDL auf eine Absenkung der Arbeitszeit auf eine 35-Stunden-Woche für Schichtarbeiter. „Das wünsche ich auch meinen Kollegen von der Bahn“, sagt der 25-Jährige, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.
Nach erfolgreichen Tarifverhandlungen mit der Lokführergewerkschaft GDL sind die Bahnen der Go-Ahead BW nicht vom Streik betroffen. Größtenteils in Betrieb sind auch Züge der Südwestdeutschen Landesverkehrs-GmbH (SWEG), der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), der Mannheimer Rhein-Neckar-Verkehr GmbH (RNV) und des Anbieters Agilis.