Zu denken geben – das ist Lebenswerk und Lebensaufgabe des Professors, Künstlers und selbsternannten Schwätzers Bazon Brock. Das versucht er auch mit 78 Jahren noch. Foto: dpa

Er nennt sich Schwätzer und gilt in akademischen Kreisen als herausragender Denker. Das 78 Jahre alte Gesamtkunstwerk Bazon Brock besucht das Wortkino.

S-Mitte - Bazon Brock. In dem Namen schwingt der Beiklang einer sich rasch nähernden Gewitterfront – allerdings nicht für Griechen, denn von ihrer Sprache ins Deutsche übersetzt, bedeutet Bazon „Schwätzer“. Was insofern bemerkenswert ist, als der Namensträger ihn nicht unwissenden Eltern zu verdanken hat. Er hat ihn als Künstlernamen selbst gewählt. „Herr Brock pflegt ein hohes Maß an Selbstironie“, sagt Norbert Eilts.

Bürgerlich Jürgen Johannes Hermann Brock war – und ist noch – vieles: Professor, Ästhet, Kunstkritiker und -erklärer, selbst Künstler, Autor, Philosoph, Denker, Mahner. Mittlerweile ist er 78 Jahre alt und „eine Art Gesamtkunstwerk“, sagt Eilts. Eilts ist Schauspieler des Wortkinos, eines kleinen Theaters, das „eigentlich ein mittelständisches Unternehmen ist“, wie Eilts sagt, denn es überlebt seit 30 Jahren ohne Subvention und betreibt unter dem Dach eines Vereins sogar zwei Kindergärten. Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.

Der Anspruch ist, auch schwer Verdauliches zu verarbeiten

Schauspieler war Brock nie. Dennoch tritt er nächsten Donnerstag im Wortkino auf. Er hält einen Vortrag, „weil er zu uns passt“, sagt Eilts. Was eher philosophisch als praktisch zu verstehen ist. Wohl hat das Wortkino die leichte Muse im Repertoire – schließlich muss ein mittelständisches Unternehmen Geld verdienen. Der Anspruch ist aber, auch zumindest vordergründig schwer Verdauliches zum Bühnenstück zu verarbeiten. Das Ensemble möchte im Wortsinn zu denken geben. Eben dies hat Brock sich zur Lebensaufgabe gewählt.

Theaterstücke zum Leben von Philipp Melanchthon, Dietrich Bonhoeffer oder Rose Ausländer taugen als Beispiel. Derlei gilt dem Ensemble geradezu als gesellschaftliche Verpflichtung. „Die höchste Einschaltquote darf nicht der einzige Maßstab sein“, sagt Eilts, „sonst schauen wir alle nur noch Mario Barth.“ Die Frage, wie viele Freunde der Comedy die drei oben erwähnten Namen korrekt zuzuordnen wissen, möge jeder selbst beantworten.

Bazon Brock ist ohne Frage schwer verdaulich. Ebenso erschlagen wie gefesselt von der Wortgewalt des Alten, schrieb der „Welt“-Redakteur Joachim Bessing vor fünf Jahren kein Interview, sondern einen Essay darüber, wie er am Brock-Interview scheiterte. Dies samt der Anmerkung, dass allein die Antwort auf die Frage, warum Brock in Wuppertal wohnt, 18 Minuten und 42 Sekunden Zeit verzehrte. Dennoch ist Brock kein Schwätzer, eher tatsächlich eine sich rasch nähernde Wort-Gewitterfront, denn seine Gedanken haben Gehalt. Er verknüpft nur eben alles und jedes zu einem verborgenen Zusammenhang.

Das Denken ist eben aus der Mode gekommen

Letztlich „tut er etwas, was niemand mehr tut, wenn er es nicht mehr tut“, sagt Eilts. Es ist eben aus der Mode gekommen, das Denken abseits der Gedanken, die dem Alltag nützlich sind oder dem Gelde entgegenstreben. Einst hegten es berühmtere Zeitgenossen und Freunde von Brock gemeinsam mit ihm. Friedensreich Hundertwasser und Joseph Beuys waren die prominentesten. Aber die sind eben längst verstorben. Gewiss ist der Moderne vieles Spinnerei, was der alte Denker verkündet. Etwa, wenn er das Internet mit einem nationalsozialistischen Konzentrationslager vergleicht, zumal er – nebenbei bemerkt – seine eigene Internetseite betreibt. Aber er kann derlei begründen und überzeugt zumindest noch in manchem akademischen Kreise. Erst im vergangenen Jahr ernannte ihn einmal wieder eine Universität zum Professor, die Kunsthochschule Saarbrücken, passenderweise zum ersten Professor für Prophetie.

Über den Inhalt seines Vortrags im Wortkino lässt sich ohne visionäre Fähigkeiten selbstredend nicht allzu viel vorhersagen. „Er möchte den Bogen spannen von den alttestamentarischen Propheten zu den heutigen Prognoseinstituten“, sagt Eilts. Fest steht ansonsten: Die Dauer ist auf drei Stunden angesetzt, und das Wortkino-Publikum beabsichtigt, das Gesamtkunstwerk Brock zu würdigen. Wegen der Zahl der Anfragen wird zusätzlich bestuhlt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: