„Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ ist als Gastspiel der Berliner Volksbühne an der Staatsoper zu sehen – vom bildenden Künstler Ragnar Kjartansson auf die Bühne gebracht. Der weiß selbst nicht, was er davon halten soll– er will die Interpretation seiner Kunst offen halten.
Vorhang auf. Eine düstere Küstenlandschaft: Wellen schlagen an graue Klippen. Blitze zucken, und es donnert. Die Natur mit sich allein. Kein Mönch am Meer zu sehen. Aus dem Graben dringen schwer melancholische Streicherklänge. Nach ein paar Minuten: Vorhang zu. Erster Akt vorbei.
Die Oper „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ ist gerade zu Gast an der Stuttgarter Staatsoper. Die Umsetzung des Musikparts liefert das Haus freilich selbst, es spielt die Streicherfraktion des Staatsorchesters, es singt der Opernchor – nicht immer intonationssicher. Ansonsten ist es eine Produktion der Berliner Volksbühne von 2014, auf die Bühne gebracht vom bildenden Künstler Ragnar Kjartansson, wohlbekannt in Stuttgart, weil er hier 2019 im Kunstmuseum mit seiner Ausstellung „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ Furore machte. Der für seine Performances und Videoinstallationen berühmt gewordenen Isländer hat sich für den „Klang der Offenbarung des Göttlichen“ mit Kjartan Sveinsson, Komponist und Gründungsmitglied der isländischen Slo-Mo-Rocker Sigur Rós, zusammengetan. Inspirieren ließen sich die beiden vom Roman „Weltlicht“ des isländischen Nobelpreisträgers Halldór Laxness, aus dem im Chorpart dezent zitiert wird.
Schönklang pur
Noch dreimal wird sich der Vorhang an diesem Abend öffnen und den Blick auf Naturszenen freigeben: Auf einen eisig erstarrten Wald, auf dessen kahle Bäume Schneeflocken fallen. Auf eine Felsenformation, in deren Mitte die letzten Flammen einer abbrennende Hütte flackern. Auf eine Tropfsteinhöhle vor dem Hintergrund aufglimmender Morgenröte. Vier jeweils zehn Minuten lang belebte Bühnenbilder, die wirken, als seien sie bei Caspar David Friedrich höchstpersönlich in Auftrag gegeben worden. Kein Mensch, kein Tier ist zu sehen. Und alles wird unterlegt von Musik aus dem Orchestergraben: von Streicherklängen und ab dem zweiten Akt kirchenchoralartigen Gesängen – in einfacher Harmonik, in Wiederholungsschleife, Schönklang pur, ruhig und meditativ fließend. Das ist alles.
Ironie? Irgendwas mit Romantik? Und was will uns der Titel sagen? Klang: ja, Offenbarung: naja, des Göttlichen: Oha! Und Oper? Da will sich Kjartansson im vorgeschalteten Künstlergespräch vor noch geschlossenem Vorhang aber nicht festlegen. Da kommt die Moderatorin Ulrike Groos, Leiterin des Stuttgarter Kunstmuseums, nicht sehr weit mit ihren Fragen. Schaue er sich das Ganze selbst an, denke er sich: „Das ist doch lächerlich, aber auch sehr schön.“ Er wisse selbst nicht, was er davon halten solle. Das wolle er halt offen halten in seiner Kunst, wie man sie zu interpretieren habe. Der Mann, der in eine Theaterfamilie hineingeboren wurde, sagt: Im Theater müsse die Botschaft klar sein, in der bildenden Kunst und der Musik nicht. Da ginge es halt abstrakter zu. Überhaupt sei das Theater die manipulativste der Künste: Man sperre die Leute da ein und sage ihnen: Du wirst etwas fühlen! In diesem Sinne sei „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ keine „Theaterkunscht“, schwäbelt er lachend, sondern „bildende Kunscht“. Und was die Ironie angeht: Da zitiert der Meister seine Landsmännin Björk, die gesagt habe, dass ein Song für sie als Witz beginne und sie dann den Witz wegmodelliere. So wie ein Marmorblock ein Witz sei, und dann forme man ihn weg und habe das Kunstwerk. Er sei froh, dass Kjartan Sveinsson das auch alles so sehe. Der Komponist wiederum, auch anwesend, aber im Vergleich zu seinem Kumpel recht wortkarg, antwortet auf die zahlreichen Nachfragen, ob er den Ausführungen seines Kollegen noch etwas hinzuzufügen habe, stets mit „Nein“. Und als der Opernintendant Viktor Schoner ihn fragt, wie sein Verhältnis zu Richard Wagner sei (dessen „Ring“ die Staatsoper gerade komplett zur Aufführung bringt), erwidert er: „Oh, he’s allright“ – also „Oh, der ist in Ordnung“.
Das gute alte Sehnsucht-Gefühl
Schade, dass das Gespräch auf Englisch geführt wird, Ragnar Kjartansson also nicht deutsch reden darf, was er so gut kann. Familiäre Bande führten ihn schon als Kind nach Kempten im Allgäu, wo seine Tante, die Künstlerin Inga Ragnarsdóttir, damals in einer Hippie-WG lebte, erzählt er grinsend. Er sei ganz verliebt in Worte wie „Weltschmerz“. Tja, und in das „gute alte Sehnsucht-Gefühl“ der deutschen Romantik!
Alles also offen, in diesem Hymnus an die „Schönheit“, von der im Schlusschor ausführlich die Rede ist. Draußen vor der Oper laufen dann die Diskussionen heiß über den Sinn und Unsinn dieser Produktion. Und mal ganz ehrlich: Was will man mehr?