Der Abschied von Goldberg-Sternekoch Philipp Kovacs könnte einen Wechsel für die gesamte Gastronomie des Fellbacher Kongresszentrums bedeuten. Ob der Catering-Unternehmer Jörg Rauschenberger seinen Pachtvertrag verlängert, ist zweifelhaft.
Beim Startschuss für sein Nobellokal Goldberg hatte Gastro-Unternehmer Jörg Rauschenberger den Fellbachern vor ziemlich genau zwölf Jahren noch eine glorreiche Zukunft versprochen. Das nach der größten Weinlage am Kappelberg benannte Restaurant im Kongresszentrum Schwabenlandhalle sollte nicht nur zu einem kulinarischen Aushängeschild für junges und weltoffenes Publikum werden. Nein, Rauschenberger wollte in Fellbachs guter Stube auch eine gastronomische Ära begründen, die selbst die stattliche 33 Jahre währende Tradition des Vorgängerbetriebs in den Schatten stellt. „Ich hoffe, dass OB Christoph Palm hier im Goldberg eines schönen Tages seinen 80. Geburtstag feiern kann“, sagte Jörg Rauschenberger in seiner launigen Eröffnungsrede am 29. März 2010 vor gut 350 geladenen Gästen aus Lokalpolitik und Gesellschaft über sein langfristig angelegtes Engagement.
Nun ist es bis zum Seniorenkaffee des einstigen Rathauschefs noch ein gutes Stück, der Vorgänger der aktuellen Ober-bürgermeisterin Gabriele Zull zählt gerade mal 55 Lenze. Und das hinter der schlichten Betonfassade der Schwabenlandhalle in einer geradezu atemberaubenden Pracht erstrahlende Restaurant Goldberg ist samt seiner exklusiven Wine-Lounge schon so gut wie Geschichte. Nur noch bis Anfang Juli wird der scheidende Philipp Kovacs seine Gäste auf Zwei-Sterne-Niveau bekochen, dann wird im Goldberg der Schlüssel rumgedreht – nichts war es mit dem Traum von dauerhafter kulinarischer Glückseligkeit.
Der Verlust des Aushängeschilds wird mit großem Bedauern quittiert
Das Aus für das Sterne-Lokal, in Fellbach schon wegen des gastronomischen Imageverlusts mit großem Bedauern quittiert, stellt auch die Stadt vor Denkaufgaben. Denn der unverhoffte Abschied des Spitzenkochs wirft nicht nur die Frage auf, wie die sonst vor allem für Wein und Kultur bekannte Kommune ihr Profil als Genuss-Metropole am Tor zum Remstal schärfen will, wenn binnen weniger Monate gleich zwei Haubenträger den Löffel hinwerfen. Mit dem Verlust des Aushängeschilds ist auch offen, wie es generell mit der Gastronomie in der Schwabenlandhalle weitergehen soll. Zwar hat das Nobelrestaurant nicht direkt mit dem Kongressgeschäft zu tun, eine derartige Kombination ist in Veranstaltungshäusern eher selten. Auch werden die bei Theaterabenden gereichten Häppchen nach wie vor nicht vom Küchenchef persönlich belegt.
Doch dass eine Restaurantküche und ein Catering-Betrieb gerade beim Personaleinsatz eine ideale Ergänzung darstellen können, ist in der Branche kein Geheimnis. Nicht umsonst hatte sich Rauschenberger, 1982 mit einem Spaghetti-Haus in Winnenden gestartet, um den Pachtvertrag für das Fellbacher Kongresszentrum eifrig bemüht. Der 66-jährige Geschäftsmann ist nach Eigenaussage zwar „ein Gastronom mit Leib und Seele“, als Unternehmer aber auch ein kühler Rechner.
Der Gastronom mit Leib und Seele ist auch ein kühler Rechner
Als er sich 2009 im Rennen um die Schwabenlandhalle gegen immerhin sieben Mitbewerber durchsetzte, machte sein 150-Mitarbeiter-Betrieb einen Jahresumsatz von gut zwölf Millionen Euro. Als er drei Jahre später im früheren Druckgusswerk von Mahle in der Schaflandstraße neben Verwaltung und Logistik eine sehenswerte Event-Location schuf, waren 100 Köpfe mehr an Bord, der Umsatz nahe der 20-Millionen-Euro-Marke. Der Gastronom durfte sich auf Augenhöhe mit Kochidolen wie Alfons Schubeck sehen und vom Tag träumen, an dem er Branchengrößen wie Feinkost-Käfer überflügelt.
Ausgezahlt hatte sich, dass der Caterer den 1000 Quadratmeter großen Küchentrakt des Kongresszentrums auch für sein lukratives Außer-Haus-Geschäft nutzen konnte – vom Mittagstisch fürs Führungskräfte-Seminar bis zum Galadiner fürs Firmenjubiläum wurden aus dem Bauch der Schwabenlandhalle heraus bis zu 800 Veranstaltungen pro Jahr mit Köstlichkeiten made in Fellbach bestückt.
Ein Sterne-Restaurant war ursprünglich gar nicht geplant
Bei so gut laufenden Geschäften konnte es sich Rauschenberger auch leisten, für sein Steckenpferd tief in die Tasche zu greifen. In den Umbau des angejahrten Restaurants investierte er einen hohen siebenstelligen Betrag, um das „Eduard M.“ zum schmucken Goldberg zu machen. Die Stadt Fellbach ließ sich nicht lumpen und steuerte 250 000 Euro bei. Eine Küche auf Michelin-Niveau hatte Rauschenberger nicht im Sinn: „Wir streben kein Sternerestaurant an, sondern haben die Vision, unseren Gästen ein komplettes Ausgeherlebnis zu bieten“, kündigte er bei der Eröffnung an.
Die Ausrichtung änderte sich, als Philipp Kovacs 2012 den Herd übernahm. Drei Jahre später gab’s unter seiner Regie den ersten Stern, 2021 stuften die Michelin-Tester das Goldberg in den erlauchten Kreis der bundesweit nur 46 Zwei-Sterne-Lokale ein. Jetzt aber stehen die Zeichen auf Trennung – und zwar nicht nur beim bereits definitiven Abschied des Spitzenkochs, sondern auch bei der Bewirtschaftung der Schwabenlandhalle.
Der Abschied aus der Schwabenlandhalle wäre ein logischer Schritt
Caterer Rauschenberger hat sich noch nicht endgültig entschieden, ob er den Ende 2024 laufenden Pachtvertrag noch mal verlängern will. Wahrscheinlich aber ist, dass er mit Blick auf die Neuausrichtung seines Betriebs auch das Fellbacher Kongresszentrum abstößt. Wegen des Personalmangels in der Branche hat sich Rauschenberger schon von den Stadthallen Filderstadt und Reutlingen getrennt, der Abschied aus der Fellbacher guten Stube wäre ein logischer Schritt.
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Für die Schwabenlandhalle käme ein Abschied vom geschätzten Gastro-Partner zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Schon durch das Aus fürs Goldberg muss das Kongresszentrum überlegen, wie die im Juli frei werdende Fläche gastronomisch bespielt werden soll. Ob die Bewerber wie in früheren Zeiten erneut Schlange stehen, ist eher zweifelhaft. „Nach Corona ist in der Gastronomie nichts mehr, wie es einmal war“, sagt der für den Betrieb der Schwabenlandhalle verantwortliche Jens Mohrmann.
Die Lokalpolitik macht sich bereits Gedanken um die drohende Vakanz
Die Lokalpolitik scheint sich jedenfalls auf eine neue Ära einzustellen. Dass die lokalen Vereine immer mal wieder über das von Rauschenberger aufgerufene Preisniveau murrten, ist nicht ungehört verhallt, mitunter stieß in Fellbach auch sauer auf, dass das gastronomische Pflichtprogramm eher nebenher erledigt wurde. „Rauschenberger ist ein absoluter Profi, hat vielleicht aber an der Schwabenlandhalle etwas die Lust verloren“, urteilt Ulrich Lenk, Chef der FW/FD-Fraktion. Die Suche nach einem gastronomischen Ersatz-Partner nennt er „schade, aber keinen absoluten Beinbruch“. Ähnlich äußert sich Franz Plappert von der CDU über die drohende Vakanz: „Bei Rauschenberger wusste man, was man hat – aber auch, was man nicht hat.“
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