Die Gamescom findet in diesem Jahr nur digital statt. Dennoch bleibt die Frage: Sind Videospiele ein Kulturgut? Foto: AFP/INA FASSBENDER

Am 27. August startet wieder die Videospielmesse Gamescom – in diesem Jahr jedoch nur digital. Passend dazu beschäftigen sich Kulturrat und Gamesverband eingehend mit der kulturellen Bedeutung von Computerspielen.

Köln - Im vergangenen Jahr besuchten insgesamt 373.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern die Gamescom in Köln – die weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele. Hinzu kamen Millionen Gamer weltweit, die die Veranstaltung online verfolgten. 2020 ist auf der Gamescom coronabedingt alles anders. Erstmals findet die Messe rein digital statt.

Der Deutsche Kulturrat und der Game-Verband, ein Zusammenschluss von Spieleentwicklern und weiteren Akteuren der Branche, brachten im Vorfeld der Gamescom ein Handbuch zur Gameskultur heraus: „Über die Kulturwelten von Games“. Es diskutiert das Computerspiel als Kulturgut. Die Herausgeber Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Kulturrates, und Felix Falk, Geschäftsführer des Game-Verbandes, sind sich schon im Vorwort einig: Games sind Teil der Kulturfamilie. Der Game-Verband ist sogar bereits seit gut einem Jahrzehnt Mitglied des Deutschen Kulturrates.

„Die Kulturfamilie ist groß, wächst beständig und aus so manchem zuerst ungeliebten, misstrauisch beäugten Kind wird mit der Zeit dann doch ein akzeptiertes und oft sogar später besonders umschwärmtes Mitglied der Kulturfamilie“, schreiben sie. Genau das gilt ihrer Ansicht nach auch für Computerspiele. In den einzelnen Kapiteln des Handbuches werden Games unter anderem als Teil von Kunst, Theater, Literatur oder zum Beispiel der Erinnerungskultur hervorgehoben. Das Globalstrategiespiel „Civilization VI“ etwa stehe stellvertretend für „einen breiten Korpus an Games mit historischem Setting“, heißt es.

Unterschiede zwischen Game und Roman?

Die Meinung von Zimmermann und Falk scheint sich zunehmend durchzusetzen: Die „New York Times“ erklärte 2018 gar das Spiel „Red Dead Redemption 2“, das die Geschichte einer Bande im Wilden Westen erzählt, zum „Kulturprodukt der Saison“. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich bei einem Besuch der Gamescom 2017 für die Anerkennung von Computerspielen als Kulturgut aus. „Computer- und Videospiele sind als Kulturgut, als Innovationsmotor und als Wirtschaftsfaktor von allergrößter Bedeutung“, so die Kanzlerin.

Was ist der Unterschied zwischen einem Computerspiel und beispielsweise einem Roman oder einem Spielfilm - die beide ganz selbstverständlich als Kulturgüter angesehen werden? Ein Roman verfasst von einem Autor erzählt eine Geschichte und wird von einem Leser konsumiert. Ist das Buch gut, taucht er ab in das Geschehen und lässt sich von der Geschichte tragen. Gleiches gilt für den Film. Ein Computerspiel erzählt oft ebenfalls eine Geschichte - mit dem Unterschied, dass der Nutzer sich eben nicht nur in die Handlung hineinversetzt, sondern auch daran teilnimmt und sie mitunter sogar verändern kann.

DOSB spricht sich gegen eSports aus

Auch Bücher und Filme waren und sind immer wieder wegen ihrer Inhalte umstritten, sie stehen jedoch nicht als Gattung am Pranger. Games hingegen werden regelmäßig in breiten öffentlichen Debatten diskutiert. Besonders umstrittenen sind nach wie vor sogenannte Ego-Shooter-Spiele, bei denen der Spieler aus der Ich-Perspektive in einer dreidimensionalen Spielwelt mit Schusswaffen andere Spieler bekämpft. Nach dem rechtsradikalen Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle im vergangenen Jahr forderte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) beispielsweise, die Gamerszene „stärker in den Blick zu nehmen“, weil der Attentäter nachweislich solche Ego-Shooter-Games gespielt hatte.

Die viel geübte und in den Medien breit diskutierte Kritik an Games ist nach Ansicht von Zimmermann und Falk jedoch nicht mehr zeitgemäß. Wer immer noch glaube, dass Computerspiele Menschen negativ beeinflussten, einzig für Spaß sorgten und „die echte Ernsthaftigkeit und Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft sowie dem Wahren, Guten und Schönen, also der Kunst“ vernachlässigten, habe die letzten Jahre der Games-Entwicklung verschlafen, so die Autoren.

Weniger offen als der Deutsche Kulturrat sind zum Beispiel auch die traditionellen Sportler gegenüber den Computerspielen. Der Deutsche Olympische Sportbund beispielsweise sprach sich deutlich gegen eine Anerkennung des eSports als Sport aus. Bis Computerspiele in allen Bereichen als gleichwertig anerkannt werden, müssen ihre Fürsprecher also noch einige Überzeugungsarbeit leisten.

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