Blickfang im Gotischen Chor: das Kunstwerk mit dem Titel „Kugel“ Foto:  

Mitten in der Galerie der Stadt Backnang ist eine riesige Kugel gelandet. Das Werk ist Teil einer Ausstellung von Katja Pfeiffer. Die Schau wird am Freitag um 20 Uhr eröffnet.

Backnang - Dieses eindrucksvolle, übergroße Werk aus unzähligen, zusammengeleimten Dachlatten und vielen knallbunten Spanngurten muss unbedingt im Gotischen Chor der ehemaligen Michaelskirche in Backnang gezeigt werden. Dieser Gedanke ging Martin Schick, dem Leiter der Galerie der Stadt Backnang, sofort durch den Kopf, als er ein Foto des Kunstwerks „Kugel“ erstmals gesehen hat. Das ist rund zwei Jahre her. Jetzt also ist diese Kugel gelandet – mitten im Chor, der zur Kunstgalerie gehört.

Der Besucher kommt, guckt, staunt. Bei diesem Vorab-Rundgang durch die Ausstellung mit dem Titel „Divers“, die am Freitag (17. Mai) um 20 Uhr eröffnet wird, ist die 45-jährige Künstlerin Katja Pfeiffer mit von der Partie. Und sie erzählt, erzählt, erzählt. Vom Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf unmittelbar nach dem Abi. Von ihrer Berufung zur Professorin für Kunst an der Bergischen Universität Wuppertal mit gerade mal 33 Jahren. Vom Leben mit ihren Mann und den drei Kindern in Berlin.

Szenen zwischen Zerfall und Aufbau

Die Frau Professorin hat – ganz offenkundig – ein Faible für sogenannte Lost Places. Spanngurte, die ganze Gebäude zusammenhalten, habe sie bei einem Besuch in der italienischen Stadt L’Aquila gesehen, die 2009 von einem wüsten Erdbeben heimgesucht und größtenteils zerstört worden war.

Kurz vor dieser Visite in Italien hatte sie ein altes Schwarz-Weiß-Foto von 1969, das das Stahlgerippe des Ost-Berliner Fernsehturms zeigt, gefunden. Ein Nachbau aus Holz, bunte Gurte: fertig war die Kugel, die aus knapp 100 Einzelteilen besteht und nach jedem Aufbau ein bisschen anders aussieht. Die Farben der Gurte wähle sie „so zufällig wie möglich“ aus, erzählt Pfeiffer und sagt mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Ich habe einen Hang zu prekären Bauwerken“. Ihr gefielen Szenen „zwischen Zerfall und Aufbau“ – was der Besucher gleich nebenan in einem Raum im Erdgeschoss der Galerie unschwer erkennen kann.

Alte Holztreppe bei E-Bay ersteigert

Die alte Holztreppe hat die Künstlerin bei E-Bay ersteigert. Auch dieses Werk sei nach dem Besuch in L’Aquila entstanden. Die Treppe wird gestützt von mehreren hundert übereinander gestapelten Holzlatten. Es ist ganz bestimmt ein mühsamen Unterfangen, das zerlegte Werk, das oft daheim in Berlin in einem Keller gelagert ist, aufzubauen. Der Galerieleiter Schick betrachtet die skurrile Komposition aus der Distanz – einige Holzlatten sind gelb eingefärbt – und sagt dann: „Das hat etwas von Malerei.“ Die Frau Professorin spricht mit Blick auf die Treppe von „leiser Ironie“ und sagt dann: „Ich finde Ernst in der Kunst anstrengend.“

Im ersten Stock erlaufen sich die Besucher der Ausstellung ein Rund-Panorama mit gemalten Filmszenen, die Katja Pfeiffer größtenteils nach einem Besuch bei Dreharbeiten des Films „Silberhochzeit“ von Oliver Berben erschaffen hat. Die Künstlerin spricht von „einer wilden Mischung aus Vorlagen“.

Die neueste Arbeit, die in Backnang zu sehen ist, dürft auch die persönlichste der Künstlerin sein. Das acht mal zwei Meter große Bild mit dem Titel „Backyard Whispers“ (Hinterhofgeflüster) zeigt den Hof jenes alten Gebäudes mitten in Berlin, in dem die Familie Pfeiffer lebt. Die neuen Eigentümer des Wohnhauses verlangten nach der Sanierung deutlich höhere Mieten, weshalb viele Bewohner ausziehen müssten – also auch ein Lost Place.

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