Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Deutschland trauert um das HSV-Idol.
Weil er nie aufgehört hat, seinem HSV die Daumen zu drücken, weil er nie seinen Optimismus verloren hatte – deshalb war Uwe Seeler auch kürzlich voller Zuversicht. Als sein Hamburger SV sich anschickte, über die Relegation in die Fußball-Bundesliga zurückzukehren, war auch Uwe Seeler wieder voller Hoffnung für den gebeutelten Club. Für seinen Verein.
„Es wird allerhöchste Zeit nach so vielen Jahren“, sagte Hamburgs große Fußballlegende und klärte auf: „Ich werde das Spiel von zu Hause aus gucken und die Daumen drücken. Da sitze ich fester.“ Sein Tipp an die Mannschaft der Rothosen: „Unsere Jungs müssen einfach ein Tor mehr schießen. So einfach ist das.“ So einfach war es dann nicht.
Ganz Hamburg trauert um Uwe Seeler
Hertha BSC hat den Klassenverbleib gepackt. Der HSV ist wieder nicht aufgestiegen und tritt eine fünfte Saison in der zweiten Liga an. „Ich hoffe, dass ich den Wiederaufstieg erlebe“, hatte Uwe Seeler nach dem Abstieg 2018 noch gesagt. Das Bittere ist nun: Eine mögliche Rückkehr des einstigen Bundesligadinos wird „Uns Uwe“ nicht mehr miterleben.
Am Donnerstag bestätigte der HSV unter Berufung auf die Familie des früheren Stürmers: Uwe Seeler ist im Alter von 85 Jahren gestorben.
Der HSV, ja ganz Hamburg trauert nun um sein größtes Sport-Idol, das zu Hause in Norderstedt vor den Toren der Stadt friedlich eingeschlafen ist. Der HSV, die Hansestadt, ganz Deutschland und die Fußballwelt müssen Abschied nehmen von „Uns Uwe“, einer der ganz großen Sport-Legenden dieses Landes. Der Fußball nimmt Abschied von einem Spieler, der den Sport geprägt hat wie nur wenige vor ihm und auch nach ihm.
Aufrichtigkeit – Uwes höchstes Gut
„Uns Uwe“ war nicht irgendein lustiger Spitzname, den man sich ausdachte wie beispielsweise bei seinem Fußballerkollegen Willi „Ente“ Lippens. „Uns Uwe“ bedeutete, dass da ein Kämpfer auf dem Platz stand, mit dem sich die Menschen identifizieren konnten. Weil er einer von ihnen war. Weil er Tugenden vertrat, an die sich die Menschen in den 50-er und 60-er Jahren halten wollten. Einsatz, schweißtreibende Arbeit – was Seeler auf dem Platz zeigte, machte neben dem Spielfeld das Wirtschaftswunder in Deutschland erst möglich. „Die Werte des Lebens habe ich von meinen Eltern mitbekommen“, betonte er stets.
Dabei stellte er einen Menschen dar, für den Aufrichtigkeit, Dankbarkeit und Treue die höchsten Güter waren. Uwe Seeler war wirklich das, was die Fußballer von heute immer sein sollen und womit sie hin und wieder überfordert sind: ein Vorbild. Für die Jugend. Vielleicht für jeden.
Sein rechter Fuß ist in Bronze gegossen
Uwe Seeler hatte Prinzipien. Als ihm ein Gegenspieler mal ohrfeigenähnlich ins Gesicht gegriffen hatte, nahm der HSV-Stürmer seine Arme hinter den Rücken und brüllte den Schlägertypen so lautstark an, dass man es auch noch auf den letzten Rängen vernehmen konnte. Zurückzuschlagen wäre dem Ehrenspielführer der Nationalmannschaft und Vizeweltmeister von 1966 niemals in den Sinn gekommen. Seeler war Sportsmann durch und durch. Seeler galt seinerzeit als aufrechter Anführer des HSV und der Nationalmannschaft. Einer, der seine Jungs mitriss auf dem Platz, einer, für den Sportsgeist und Fairplay keine Worthülsen waren. Aber vor allem krempelte er die Arme hoch, wenn der HSV zurücklag. Dann erzielte er wieder und wieder eines seiner wunderbaren Tore – mit Kraft, imposanter Schnelligkeit und Cleverness. Und manchmal sogar mit dem Hinterkopf.
Die Generation nach Uwe Seeler um HSV-Größen wie Manfred Kaltz, Horst Hrubesch und Felix Magath wurde dreimal deutscher Meister und gewann sogar den Europapokal der Landesmeister. Doch das große HSV-Idol war immer „Uns Uwe“, zu dem selbst diejenigen aufschauten, die im Hinblick auf Pokale erfolgreicher waren als der Sohn eines sportverliebten Hafenarbeiters aus Hamburg. Seelers rechter Fuß steht ja auch vor dem HSV-Stadion – imposante 3,5 Meterhoch, in Bronze gegossen.
Top-Angebote aus dem Ausland schlug er aus
Auch Seelers älterer Bruder Dieter kickte beim HSV, mit dem die beiden 1960 deutscher Meister wurden. Von 1953 bis 1972 erzielte Uwe Seeler in 476 Spielen stramme 404 Tore für den einst ruhmreichen HSV – unvergessen in der Hansestadt. In Erinnerung werden die Kopfbälle des nimmermüden Angreifers bleiben, auch jene, die er für die Nationalmannschaft erzielte. Besonders das Hinterkopftor 1970 im WM-Viertelfinale in Mexiko zum 2:2 für Deutschland gegen England. Der DFB hat ihn längst zum Ehrenspielführer ernannt, er gehört der Hall of Fame des deutschen Fußballs an. 72 Länderspiele hat er bestritten, 1970 wurde er WM-Dritter, 1966 Vizeweltmeister. Der WM-Titel aber bliebt ihm versagt.
Seine große Liebe aber war der HSV – neben seiner Frau Ilka, mit der er 63 Jahre verheiratet war. Er hatte ein lukratives Angebot von Inter Mailand vorliegen, das ihm 1,2 Millionen Mark bot, doch ein Wechsel kam für den heimatbewussten Ehrenmann niemals in Frage. Uwe Seeler war der HSV – und der HSV war Uwe Seeler.
Reich wurde er wie viele seiner Zeitgenossen mit dem Fußball nicht. Nach seiner Zeit als aktiver Sportler arbeitete Seeler erfolgreich als Inhaber eines Unternehmens, das Sportbekleidung anbot, und auch als Repräsentant des Sportartikelherstellers Adidas war er im Einsatz. Überdies war er Inhaber einer Tankstelle. Mehr wollte er nie. „Das Schönste auf der Welt ist doch, normal zu sein“, sagte der Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes einst: „Ich bin stinknormal, und das gefällt mir.“
Kein Glück als HSV-Präsident
Von 1995 bis 1998 war Seeler dann aber doch noch Präsident des HSV. Obwohl ihm selbst keinerlei Unredlichkeiten unterstellt wurden, konnte er nicht verhindern, dass in dieser Zeit andere Funktionäre den Ruf des Vereins mit zweifelhaften Geschäften schädigten. Auf diesen Job hätte er im Nachhinein wohl gern verzichtet. Von Glück geprägt war sein Präsidenten-Dasein nicht.
Er hatte auch immer mitgelitten, wenn es um den HSV ging – in den vergangenen beiden Jahrzehnten gab es immer wieder Anlass zur Beunruhigung. „Kein Biss, keine Einstellung, beängstigend, was da auf dem Rasen abläuft. Beim Hamburger SV sehe ich im Moment keine Mannschaft“, sagte Seeler im August des Jahres 2003.
Und neben dem Fußballer gab es da noch den Familienmenschen Uwe Seeler. „Ich entscheide die großen Dinge und meine Frau die kleinen. Welche Dinge groß und welche klein sind, entscheidet meine Frau“, sagte er einmal mit einem Lächeln. Sein Enkelsohn Levin Öztunali spielt derweil beim 1. FC Union Berlin in der Fußball-Bundesliga – darauf ist die HSV-Ikone immer mächtig stolz gewesen. Nun trauert Levin Öztunali um seinen Großvater. Und mit ihm der HSV, ganz Hamburg und die Fußballwelt.