Der frühere VfB-Profi Maurizio Gaudino war 1994 bei der WM in den USA dabei, die auch nicht gut lief. Im Interview zieht er Parallelen zum frühzeitigen Aus, das die deutsche Elf jetzt ereilt hat. Foto: Baumann

Der frühere Nationalspieler Maurizio Gaudino sieht in der Zusammenstellung des Kaders den Hauptgrund für das Aus des DFB-Teams bei der Fußball-WM.

Stuttgart – Maurizio Gaudino war 1994 WM-Teilnehmer. Auch damals enttäuschte die deutsche Nationalmannschaft. Nun spricht der frühere VfB-Profi über das Ausscheiden von Joachim Löws Team. -
- Herr Gaudino, sind Sie überrascht vom WM-Aus der deutschen Mannschaft?
Nein. Man hat es ja kommen sehen. Es wurde vom ersten Spiel an deutlich, dass es nicht die Weltmeisterschaft der Deutschen ist. Südkorea war der Tiefpunkt. Da gab es noch weniger Tempo und noch weniger Ideen als davor, sondern nur Ratlosigkeit. Man hatte den Eindruck, die Spieler trügen eine Waschmaschine auf ihrem Rücken.
Haben Sie eine Erklärung für dieses kollektive Versagen?
Den Hauptgrund sehe ich in der Zusammenstellung des Kaders. Die Mannschaft hat nicht funktioniert, es waren von Beginn an keinerlei Strukturen erkennbar. Nach meinem Eindruck war nicht die Leistung das wichtigste Kriterium für eine Nominierung.
Sondern?
Alte Verdienste. Ich habe es nicht verstanden, warum etwa Leroy Sané zu Hause bleiben musste, obwohl er in der vergangenen Saison bei Manchester City einer der überragenden Spieler war. Da frage ich mich, was mehr zählt: Ob er einer in seinem Verein jede Woche Topleistung bringt, oder ob einer vor vier Jahren Weltmeister war.
Sehen Sie Parallelen zu Ihrer WM-Teilnahme 1994 in den USA? Auch damals trat die deutsche Nationalmannschaft als Titelverteidiger an – und scheiterte frühzeitig.
Es war auch damals so, dass wir keine Mannschaft waren, sondern nur ein Kader von 22 Mann. Es gab viele Grüppchen. Auf der einen Seite war die Gruppe der Weltmeister, die entsprechend auftraten. Und auf der anderen der Rest, der gerne Weltmeister werden wollte. Außer dem Training haben wir nicht viele Dinge gemeinsam gemacht. Ich war jetzt nicht dabei, aber ich kann mir vorstellen, dass es in Russland ähnlich war.
Woran machen Sie das fest?
Gerade die Führungsspieler haben bitter enttäuscht und sind ihrer Rolle nicht ansatzweise gerecht geworden. Schauen Sie sich noch einmal die Nachspielzeit gegen Südkorea an: Nach dem 0:1 waren noch einige Minuten zu spielen – und was passiert? Manuel Neuer verdribbelt sich an der Mittellinie und leitet das 0:2 ein! Ich glaube nicht, dass Neuer das auch vor vier Jahren gemacht hätte. Das hat auch mit Überheblichkeit zu tun. Es ist bei einem Turnier die Hauptaufgabe des Trainers, eine Einheit zu bilden. In Brasilien hat das 2014 perfekt geklappt – diesmal nicht. Es gibt viele Dinge, die man jetzt hinterfragen kann und muss.
Glauben Sie, dass Joachim Löw Bundestrainer bleiben wird?
Daran habe ich keinen Zweifel.
Nach dieser historischen Pleite?
Mag sein, dass es in Deutschland jetzt Millionen von Bundestrainern gibt, die es besser gemacht hätten. Für mich ist Löw noch immer der richtige Trainer, nicht nur weil er gerade erst seinen Vertrag verlängert hat. Nach dem WM-Titel sind wir wieder bei null, was auch positive Seiten hat.
Welche?
Der Bundestrainer muss jetzt auf niemanden mehr Rücksicht nehmen und kann eine neue Mannschaft aufbauen. Wir haben genügend gute junge Spieler, die von unten nachdrängen. Jetzt ist ihre Stunde gekommen, weil hoffentlich wieder allein nach Leistung nominiert wird. Nach unserem WM-Aus 1994 ist Berti Vogts auch im Amt geblieben – und zwei Jahre später Europameister geworden.
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