Chilenischer Jubeltanz nach dem Finaleinzug. Foto:  

Chile feiert den Finaleinzug bei der Copa America – und sein herausragendes Team. Der erste Titel beim ältesten Nationen-Turnier der Welt wäre der Ritterschlag für Arturo Vidal, Alexis Sanchez und Claudio Bravo.

Santiago - Chiles goldene Generation darf auf so etwas wie Unsterblichkeit hoffen: Der erste Titel beim ältesten Nationen-Turnier der Welt wäre der Ritterschlag für Arturo Vidal, Alexis Sanchez und Claudio Bravo. Hinter dem Erfolg der Gastgeber der Copa America steht vor allem das Glück, dass das südamerikanische Land an der Pazifikküste über eine so große Auswahl an hervorragenden Individualisten verfügt wie noch nie zuvor in seiner Geschichte. Überragende Einzelkönner gab es auch früher: Ivan Zambrano oder Marcelo Salas aber waren einzigartig zu ihrer Zeit. Jetzt aber gibt es gleich eine ganze Handvoll überdurchschnittlich starker Akteure. Beim schwer erkämpften 2:1-Sieg im Halbfinale über Peru tauchte Arsenal-Star Alexis Sanchez ab. Zu früheren Zeiten hätte das bedeutet, dass das Team dann nicht mehr über die Substanz verfügt, solche Formschwankungen auszugleichen.

Doch das moderne Fußball-Chile ist breiter aufgestellt. Selbst die drei Bundesliga-Profis im Team, Marcelo Diaz vom Hamburger SV, der inzwischen für seinen Po-Grapscher im Viertelfinale gegen Uruguay gesperrte Mainzer Gonzalo Jara und Hannovers Miiko Albornoz haben ihren Platz nicht sicher. Bundesliga-Durchschnitt reicht in Santiago nicht mehr aus, um sich einen Platz in der wohl besten chilenischen Mannschaft der Geschichte zu sichern.

Nun stehen der Wahl-Niedersachse Albornoz und der HSV-Retter Diaz vor dem Spiel ihres Lebens. An diesem Samstag um 17 Uhr Ortszeit (22 Uhr MESZ) wird das Finale im Estadio Nacional angepfiffen. Vier Tage Zeit haben die Gastgeber zur Regeneration, also einen Tag mehr als der Gegner, der in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ermittelt wurde: Argentinien oder Paraguay. „Wir haben noch nichts gewonnen“, sagte Hannover-Profi Albornoz nach dem Halbfinale.

Chile jedenfalls steht derzeit kopf. Noch Stunden nach dem mühsam erkämpften Sieg feierten die Menschen mit Hupkonzerten von Feuerland bis zur bolivianischen Grenze. Die Spieler machten derweil die Nacht zum Tage. Bei der Ankunft im Mannschaftsquartier „Juan Pinto Duran“ feierten die Chilenen gegen Mitternacht mit ihren Landsleuten gemeinsam. Die Fans trauten ihren Augen nicht, als Arturo Vidal und Kollegen noch einmal auf die Straße kamen und mit den Anhängern ausgelassen tanzten. Es sind historische Tage in Chile. Der unbändige Wille des Teams trifft auf die unbändige Freude der Fans.

Bei all der Euphorie darf allerdings auch nicht vergessen werden, dass Chile von einem ganz auf das Team der Gastgeber zugeschnittenen Spielplan profitiert. Die Mannschaft von Trainer Jorge Sampaoli war die einzige Nation, die in der Vorrunde nicht reisen musste, sondern in Santiago bleiben durfte. Zur Analyse gehört auch, dass Chile zweimal von der Nervenschwäche der Gegner profitierte. Uruguays Edinson Cavani und der Frankfurter Peruaner Carlos Zambrano sahen jeweils Rot. Im eigenen Stadion ranzudürfen, mit dem Rückenwind der Fans, und dann auch noch in Überzahl – das waren die Prunkstücke. Allerdings kann Chile auch Spiele dominieren.

Vater des Erfolges ist dabei Trainer Jorge Sampaoli. Bereits bei der WM 2014 in Brasilien überraschte der argentinische Coach mit einer sehr effektiven Spielweise, die vor allem auf einer starken Defensive basiert. Dabei mauert Chile keineswegs, Ziel des chilenischen Spiels ist es, eigene Chance zu kreieren und den Gegner stets unter Druck zu setzen. Dazu hat Sampaoli das Werkzeug, das er benötigt, um die Gegner zu bearbeiten. Der in Brasilien bei Palmeiras tätige Spielmacher Jorge Valdivia glänzt als Vorbereiter, Vidal ist eine Pressing-Maschine, und Eduardo Vargas ist der Vollstrecker. Zusammengehalten wird die Mannschaft von Torhüter Claudio Bravo. Der Rest der Fußball-Welt schaut genau hin nach Chile, selbst Bundestrainer Joachim Löw lässt sich immer genauestens informieren – und bisweilen vom chilenischen Fußball inspirieren.

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