Das Wasenstadion ist die Heimat des SGV Freiberg. In der neuen Regionalliga-Saison wird der Aufsteiger dort wohl spielen können. Wie es künftig weitergeht, ist aber offen. Foto: Baumann/Britsch

Die Stadt Freiberg am Neckar und die Fußballer vom SGV sind sich nicht grün. Das Wasenstadion als Spielstätte habe keine Zukunft, meint die Verwaltung. Gibt es Alternativen?

Die Vorbereitung auf die erste Regionalliga-Saison des SGV Freiberg läuft auf Hochtouren. In den vergangenen Wochen hat der Club in schöner Regelmäßigkeit Neuzugänge präsentiert, mit denen man sich in der vierthöchsten deutschen Spielklasse etablieren will. Bescheidenheit ist dennoch erst einmal angesagt. „Wir haben Qualität in der Mannschaft und hoffen, dass sie für den Klassenverbleib reicht“, sagt Präsident Emir Cerkez.

 

An diesem Samstag steht das erste Pflichtspiel beim SV Allmersbach im Verbandspokal an, zwei Wochen später kommt zum Ligaauftakt der VfR Aalen. Gleich eines von fünf Hochrisikospielen.

Das Problem mit dem Zaun und mit der Kommunikation

Dass deshalb der Gästebereich mit einem Zaun von der Haupttribüne abgetrennt wird und die Partie überhaupt im Wasenstadion stattfinden kann, darauf hatten sich Verein und Stadtverwaltung gerade noch einigen können. Der Gemeinderat muss an diesem Dienstag das Okay geben, dass das Provisorium die Saison über bleiben kann. „Wir sind guter Dinge, dass der Gemeinderat positiv entscheidet und damit zum SGV und dem großen Erfolg steht“, sagt Cerkez. Vorbehaltlich einer Zustimmung dort, ist zumindest die aktuelle Spielzeit nicht gefährdet.

Um auf lange Sicht in der Regionalliga spielen zu können, sind aber größere Veränderungen am Stadion unweit des Neckars notwendig. So müsste beispielsweise das Spielfeld samt Tartanbahn komplett eingezäunt werden und eine Flutlichtanlage installiert werden. Große Eingriffe also, die die Stadt – und auch Teile des Gemeinderats – nicht mitgehen wollen. In der Vorlage heißt es dazu: Der SGV könne „davon ausgehen, dass spätestens ab der Saison 2024/2025 eine andere Spielstätte gefunden werden muss“.

Dass es zwischen Verein und Rathausspitze schon länger knirscht, ist ein offenes Geheimnis. Teile des Gemeinderats, wie etwa Thomas Baum (FDP), sehen das Problem eher aufseiten des Sports. „Die Leistungen im kommunikativen und sozialpolitischen Bereich können leider nicht mit den sportlichen Leistungen mithalten“, sagt Baum.

Großer Einsatz, aber kein Konzept?

Dass einiges im Argen liegt, zeigt auch die Tatsache, dass die Stadt dem Verein im Zuge der Entscheidung über das Provisorium vorwirft, „nicht annähernd professionell“ mit den Sportstätten, insbesondere den Umkleiden, umzugehen. Zudem habe es der Club versäumt, bei der Stadt anzumelden, dass die erste Mannschaft die Trainingsplätze am Wasen auch tagsüber nutzt. Cerkez weist zumindest Ersteres zurück. Bis Ende September soll immerhin der Trainingsbetrieb tagsüber möglich gemacht werden. Anschließend müssten die Rasenflächen eventuell wegen Schäden auch mal gesperrt werden, so die Stadt.

„Wir wollen niemand brüskieren“, sagt Bürgermeister Dirk Schaible, die Missstände in „aller Deutlichkeit“ anzusprechen, halte er aber für geboten. Schaible und Teile des Gemeinderats verweisen darauf, dass der SGV schon seit Langem anspruchsvolle sportliche Ziele verfolge – der Aufstieg in die Regionalliga sei kein Zufall gewesen. Der finanzielle und persönliche Einsatz der Verantwortlichen der vergangenen Jahre sei „bewundernswert“, sagt Michael Frey von der Offenen Grünen Liste (OGL). Umso unverständlicher ist es für ihn, dass der Verein „völlig ohne Konzept“ in die Regionalliga gehe. Cerkez beteuert, dass er seit Langem Vorschläge unterbreite, die die Stadt aber allesamt abgelehnt habe. Aus Sicht der Verwaltung aus gutem Grund.

Baut der Verein ein neues Stadion?

Im Kern zielten die Vorschläge alle darauf ab, „dass der Verein das Wasenstadion von der Stadt übernehmen und schrittweise zu einem Fußballstadion umbauen kann“. Das lehnt die Stadt deshalb ab, weil auch andere Vereine in Freiberg das Stadion nutzen.

Die Verwaltung hat den Fußballern nach eigener Aussage stattdessen ein Grundstück – in direkter Nachbarschaft zum jetzigen Stadion – angeboten, auf dem der SGV ein reines Fußballstadion bauen könnte. Dies wiederum habe der SGV abgelehnt. Michael Frey stellt generell infrage, ob Veranstaltungen in der Größenordnung eines Regionalliga-Spiels am Wasen stattfinden können. Das eigentliche Problem sei der Verkehr. Tatsächlich sind die Straßen rund um das Wasenstadion eng, Parkplätze rar. Und von der S-Bahn läuft man mindestens eine Viertelstunde.

Den SGV finanziell dabei unterstützen, in der Regionalliga Fuß zu fassen, will die Stadt nicht. „Förderung von Profisport ist keine kommunale Aufgabe“, heißt es. In Anbetracht von millionenschweren Schulbauprojekten und anderen Aufgaben habe man gar keine Möglichkeit, sagt Schaible. Auch für das Provisorium gibt es deshalb kein Geld.

Zuschüsse für den Sport gibt es in Freiberg auf zehn Prozent der Gesamtsumme eines Projekts, allerdings sind sie gedeckelt bis maximal 100 000 Euro. Bei der Frage danach, wer den Zaun bezahle, spiele das aber gar keine Rolle, sagt Schaible, da „Zuschaueranlagen“ ohnehin ausgenommen seien. Cerkez vertritt den Standpunkt, dass der SGV gemeinnützig sei. „Es hat sich doch seit Jahren nichts geändert.“ Und: Der größte Teil des Vereins bestehe immer noch aus Jugendmannschaften. „Es geht mir aber nicht um ein paar Tausend Euro, sondern jetzt erst einmal um die Genehmigung.“

Will der Clubchef vielleicht zu viel?

Dass Stadt und Verein nicht an einem Strang ziehen, ist für Willi Zimmer, als CDU-Stadtrat zugleich SGV-Mitglied, „einfach traurig“. Einen Schuldigen für den Streit gibt es aus seiner Sicht nicht: „Jeder tut dem anderen ein bissle weh.“ Er hofft, dass die beiden Parteien zueinanderfinden, um an einem Gesamtkonzept zu arbeiten. Cerkez – „ein Fußballverrückter“, wie Zimmer sagt – wolle viel, „vielleicht mehr, als die Stadt machen kann“. Der Dachbau-Unternehmer und Geldgeber signalisiert aber, dass er verstanden hat, dass es ohne das Rathaus nicht geht. „Wir wollen der Stadt die Hand reichen und den Weg gemeinsam gehen“, so Cerkez. Eine Zukunft am Wasen sichert das allein nicht.

Der lange Weg in die Regionalliga

Verein
 Der Vorgängerclub des SGV wird 1913 als Spartania Heutingsheim gegründet. 1973 fusioniert der SGV Heutingsheim mit dem TSV Beihingen und gibt sich einen neuen Namen: SGV Freiberg. 2010 spaltet sich die Abteilung – wie weitere auch – vom Hauptverein ab.

Sportliche Erfolge
 Im Jahr 2001 steigt der SGV Freiberg erstmals in die Fußball-Oberliga auf – und spielt dort bis 2011 ununterbrochen. Auf den Abstieg folgt der direkte Wiederaufstieg. Dieses Kunststück wiederholt der SGV im Jahr 2017 noch einmal.

Regionalliga
 In der Saison 2020/21 stehen die Freiberger auf Platz eins der Oberliga, wegen Corona wird die Spielzeit annulliert. Im darauffolgenden Jahr kommt es zum Herzschlagfinale, das der SGV am letzten Spieltag gegen die Stuttgarter Kickers entscheidet.