Julian Nagelsmann soll die deutsche Nationalmannschaft zur EM im Sommer 2024 führen. Foto: dpa/Robert Michael

Julian Nagelsmann führt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zur EM 2024. Ob die Mission eine erfolgreiche wird, ist offen. Doch bietet diese Personalie dem DFB eine Chance, die er nutzen sollte, kommentiert unser Autor Dirk Preiß.

Im Grunde ist Julian Nagelsmann ja genau der Richtige, um die Nationalmannschaft in das EM-Turnier zu führen. Das Eröffnungsspiel des Turniers steigt für das deutsche Team in München. Nagelsmann ist Bayer, kennt die Allianz-Arena und auch viele der Nationalspieler, da er ja schon den FC Bayern trainiert hat. Perfekte Wahl, also.

 

Wenn es doch so simpel wäre.

Einfach geht den Verantwortlichen im Deutschen Fußball-Bund (DFB) schon lange nichts mehr von der Hand. WM-Turniere wurden verbockt, die Fan-Liebe ist erkaltet, über ein Nachwuchskonzept wird gestritten, auch das Frauenteam ist zuletzt bei der WM gescheitert und die Finanzlage wird als mindestens ernst beschrieben. Dazu kommt, dass ein konsequenter Neuanfang zuletzt immer wieder verwässert wurde. Das „Weiter so“ hat – mal strukturell, mal personell – dann meist doch irgendwie die Oberhand behalten.

Die Folge ist eine riesige Flickschusterei. Mit einer bereits wieder aufgelösten Taskforce samt beleidigten Ex-Beteiligten, einem entlassenen Bundestrainer Hansi Flick, einem noch unbesetzten Direktorenposten, einem Sportdirektor auf Zeit, einem Plan für Talente, der öffentlich torpediert wird, und einem neuen Bundestrainer, der vorerst auch nur für rund neun Monate zur Verfügung steht. Dem größten Sportfachverband der Welt, der als Motor und Trendsetter auch über die eigenen Disziplinen hinaus funktionieren sollte, wird das vorne und hinten nicht gerecht.

Nun also wird Julian Nagelsmann die wichtigste sportliche Aufgabe der kommenden Monate zugeschoben. Der ehemalige Hoffenheimer, Leipziger und Münchner Coach soll den sanften Stimmungsaufschwung des bislang letzten Länderspiels (2:1 gegen Frankreich unter Sportdirektor Rudi Völler) nutzen, die Aufbruchstimmung weiter schüren und am Ende eine starke EM spielen. Es gibt nicht wenige, die das als nationalen Auftrag sehen.

Wenig Alternativen neben Nagelsmann

Unbelastet geht Nagelsmann schon aufgrund seiner Zeit beim FC Bayern und seinen Erfahrungen mit den dortigen Nationalspielern und Funktionären nicht an die Sache heran. Sein noch junges Alter, 36, was ihn einst zum Trainer-Wunderkind machte, wird Thema bleiben, und keiner weiß, ob sich die Einzelkönner in kurzen Hosen tatsächlich dazu entschließen können, sich konsequent und selbstlos hinter dem selbstbewussten Nagelsmann versammeln. Ob die zunächst zeitlich beschränkte Amtszeit bei der Mission ein Vorteil ist, muss sich noch zeigen. Klar ist aber auch: Viele Alternativen gab es nicht für den DFB. Und im Engagement von Julian Nagelsmann liegt auch eine große Chance.

Der DFB benötigt eine Frischzellenkur, neue Köpfe und aktuelle Ideen anstelle sturer Verteidiger alles Vergangenen. In Hannes Wolf (Sportdirektor für den Nachwuchs) und Sandro Wagner (Nachwuchstrainer) waren in Völlers Schatten jüngst zwei zu sehen, die dafür stehen können. Mit Nagelsmann (Wagner wird ihm assistieren) wird die Riege der Tonangebenden weiter verjüngt. Eine routinierte Bundestrainer-Übergangslösung hätte zwar auch Charme und ihre Argumente gehabt, womöglich wäre ein neuer, frischer Geist erneut vertröstet worden.

Von daher ist Julian Nagelsmann eine gute Wahl – und eine notwendige.