Giftige Atmosphäre: Fans von Hansa Rostock werden in Leipzig von der Polizei eskortiert Foto: dpa

Verletzte, vorläufige Festnahmen, polizeiliche Ermittlungen: Wieder einmal missbrauchen Randalierer die Bühne Fußball für ihre Zwecke. Vor allem die Massenschlägerei am Rand des Oberligaspiels SSV Reutlingen gegen KSC II wirft Fragen auf.

Reutlingen - Thaya Vester beschäftigt sich am Institut für Kriminologie der Uni Tübingen mit dem Gewaltphänomen im Fußball. Sie ist sowohl beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) als auch beim Württembergischen Fußball-Verband (WFV) in der Kommission für Gewaltprävention. Zuletzt schockierten auch sie die brutalen Ausraster von Spielern und Spielervätern in Oberboihingen, Reutlingen und Mengen. Am Wochenende kamen wüste Fan-Krawalle hinzu, doch die Expertin behauptet: „Alle Analysen zeigen, dass die Zahl der Ausschreitungen relativ konstant ist. Die Randale auf und außerhalb des Platzes ballen sich nur immer im November und Dezember, wenn sich Enttäuschungen über nicht erfüllte Erwartungen breitmachen.“ Die jüngsten Brennpunkte:

Kaiserslautern: Nach dem Zweitligaspiel des 1. FCK gegen Union Berlin (3:0) trafen im Bahnhof gewaltbereite Anhänger beider Clubs aufeinander. Es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen, bei denen auch ein Bahn-Mitarbeiter angegriffen wurde. Fünf Polizeibeamte wurden durch Glasflaschen, Tritte und Schläge verletzt. Zwei von ihnen mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

Magdeburg: Rund um die Oberliga-Partie 1. FC Magdeburg gegen Lok Leipzig (3:1) wurden bei Ausschreitungen elf Polizisten und eine unbekannte Zahl von Fans verletzt. Leipzig: Vor dem Drittligaspiel RB Leipzig gegen Hansa Rostock (1:2) erlitten 22 Polizisten durch Flaschenwürfe und Böller leichte Verletzungen. Vier Personen wurden vorläufig festgenommen.

Reutlingen: Bereits am Freitagabend hatte es rund um das Oberligaspiel SSV Reutlingen gegen Karlsruher SC II (2:2) schwere Krawalle mit vier Verletzten gegeben. Ein Polizist bekam einen Faustschlag ins Gesicht und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Polizei ermittelt wegen Landfriedensbruchs gegen Karlsruher Anhänger. Rund 100 teils vermummte und mit Stöcken bewaffnete KSC-Fans hatten sich vor dem Stadion-Haupteingang eine Schlägerei mit Reutlinger Anhängern und der Polizei geliefert. Es müsse noch geprüft werden, ob den Fans weitere Straftaten wie gefährliche Körperverletzung nachgewiesen werden könnten, sagte ein Polizei-Sprecher.

SSV-Fußballchef Eberhard Spohn war am Sonntag noch fassungslos über die nicht enden wollende Spirale der Gewalt: „Wir sind entsetzt über den Gewalttourismus der KSC-Anhänger. Wir sind traurig und betroffen darüber, dass der Fußball für solche Auseinandersetzungen missbraucht wird.“

Die Ausschreitungen an der Kreuzeiche werfen Fragen auf. Die Polizei war zunächst nur in kleiner Besetzung am Stadion – trotz der hinlänglich bekannten Rivalität der Anhänger, die auch mit der Freundschaft der SSV-Fans zu den VfB-Ultras vom Commando Cannstatt zusammenhängt. Der SSV-Fanbeauftragte Peter Kappler hatte am vergangenen Dienstag mit der Karlsruher Polizei Kontakt aufgenommen und die Rückmeldung bekommen, dass keine potenziellen Randalierer anreisen würden.

Die Ausschreitungen machen auch die Verantwortlichen der Stuttgarter Kickers nachdenklich. Die Blauen werden in der Vorrunde der Saison 2014/15 für ihre Heimspiele so gut wie sicher nach Reutlingen umziehen. Das Kickers-Präsidium befindet sich bereits in Gesprächen mit der Stadt Reutlingen und dem SSV, um möglichen Auseinandersetzungen vorzubeugen.

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