Der Gemeinderat der Landeshauptstadt hat einer zweiten Finanzspritze für den Neubau der Haupttribüne zugestimmt. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagt Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann. Denn die Zeit bis zur Fußball-Europameisterschaft drängt.
Nur drei Monate nach der ersten nachträglichen Finanzspritze hat der Gemeinderat der Landeshauptstadt am Donnerstag einem weiteren Zuschuss für den Neubau der Haupttribüne in der MHP-Arena zugestimmt. Es gab acht Gegenstimmen aus dem Linksbündnis und der Fraktion Puls sowie zwei Enthaltungen.
Die Stadion Neckarpark GmbH & Co KG erhält sofort 20 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt. Nur damit kann sie die Nachforderungen des Generalunternehmers (eine Arbeitsgemeinschaft (AG) von Züblin und ROM Technik) in dieser Höhe begleichen. Laut Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) hat die AG vorige Woche einen Baustopp angedroht. Es habe ein Gespräch gegeben, das „eskaliert“ sei. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte Fuhrmann vor dem Gemeinderat. Die Gesamtkosten für die neue Tribüne steigen damit auf 139,5 Millionen Euro. Der Beitrag des VfB Stuttgart bleibt bei 61 Millionen.
Fraktion Puls sieht „Pflichtverletzung“ des Bürgermeisters
Fuhrmann selbst wurde für sein Vorgehen als Aufsichtsratsvorsitzender der Stadion KG scharf kritisiert. Verena Hübsch von der Fraktion Puls sprach von einer „Pflichtverletzung“. Es sei ein Skandal, innerhalb von 48 Stunden der Zahlung zustimmen zu müssen. Weitere Bürgervertreter fordern von Fuhrmann Aufklärung und Aufarbeitung. Man zahle für die Fußball-EM – am 16. Juni soll das Spiel Slowenien gegen Dänemark in der Arena angepfiffen werden – einen „zu hohen Preis“, sagte Grünen-Stadtrat Florian Pitschel. Die Spiele zurückzugeben oder ohne nutzbare Haupttribüne abzuhalten seien aber keine Optionen.
Auch Dejan Perc zeigte sich für die SPD „fassungslos“. Wenn, wie dem Gremium mitgeteilt worden sei, 70 Prozent der Summe schon verbaut seien, müsse man sich fragen, warum man erst diese Woche von der Entwicklung erfahre. Sie könne „nicht erst in den letzten Tagen eingetreten sein“, nun sei es unmöglich, mit den Unternehmen zu verhandeln.
Frühere Kenntnis in der Verwaltung vermutet auch Luigi Pantisano (Linksbündnis). Es sei nicht nachvollziehbar, dass der Generalunternehmer Millionen über das Budget hinaus verbaue, ohne dass der Auftraggeber Stadion KG informiert werde. Bei der Bewerbung um die EM 2017 sei man von einem siebenstelligen städtischen Kostenbeitrag ausgegangen. Pantisano sagte, das Vorgehen sei „nicht transparent und unehrlich“.
Einige Räte waren telefonisch informiert worden
„Die Erkenntnisse zum Stadion hätten wir uns schon bei den Haushaltsplanberatungen am 15. Dezember gewünscht“, sagte CDU-Fraktionschef Alexander Kotz. Er zog Parallelen zu anderem alten Gebäudebestand wie Wagenhallen und Theaterhaus, der teuer umgebaut worden sei. „Die Europameisterschaft ist es uns wert“, signalisierte Kotz Zustimmung. Auch FDP, Freie Wähler und AfD stimmten zu, jede Alternative wäre eine Blamage, sagte Frank Ebel (AfD).
Fuhrmann verwahrte sich gegen den Vorwurf der Intransparenz und Unehrlichkeit. Er habe selbst erst letzte Woche von der Entwicklung erfahren. Natürlich werde der Vorgang gegenüber dem Aufsichtsrat „dezidiert dargestellt und aufgearbeitet“. Einige, aber nicht alle Aufsichtsräte der Stadion KG – zum Gremium zählen vier Stadträte und vier Vertreter des VfB – erfuhren nach Informationen unserer Zeitung am vergangenen Freitag telefonisch durch einen KG-Geschäftsführer von der neuerlichen Misere.
Bereits am 26. Oktober 2023 hatte der Gemeinderat wegen unerwarteter Probleme für das Stadion einen Nachschlag von 22,5 Millionen Euro gewähren müssen. Begründung damals: Die Fundamente der alten Tribüne lagen anders als dokumentiert, teils musste die Gründung unterfüttert und die Statik neu berechnet werden.
1,775 Millionen als Erfolgsprämie für Baufirma
Nun geht es weiterhin um Bau-, aber vor allem auch Terminprobleme. Die Karten für die EM sind verkauft. Um den Neubau im Betrieb testen zu können, wird die Fertigstellung für das Bundesliga-Spiel am Freitag, 8. März, angepeilt, dann empfängt der Stadionmieter VfB das Kellerkind 1. FC Union Berlin. 1,755 der 20 Millionen Euro sind als Erfolgsprämie an die Fertigstellung zu diesem Spiel geknüpft. Die 20 Millionen will die Stadt über eine „voraussichtliche Verbesserung der Liquidität im Jahresabschluss 2023“ aufbringen.
In der jetzigen Beschlussvorlage heißt es, die Stadt werde „eine angemessene Aufteilung der Nachtragskosten“ zwischen Stadt, Stadion KG und VfB verhandeln. Das dürfte schwierig bis unmöglich werden. Nur wenn im Stadion „Fußballspiele weiterhin unter Vollauslastung“ stattfänden, heißt es im Beteiligungsbericht 2022 zur Stadion KG, sei diese „finanziell handlungsfähig“. Auch beim VfB sind die Mittel trotz des Porsche-Einstiegs knapp.