Studenten der Sporthochschule Köln analysieren die griechischen Fußballspieler. Foto: dapd

Bundestrainer überlässt nichts dem Zufall: Studenten der Sporthochschule Köln analysieren jeden Gegner.

Danzig - Wenn die Nationalmannschaft im Viertelfinale am Freitag (20.45 Uhr/ZDF) in Danzig auf Griechenland trifft, dann liegt der Gegner vor ihr wie ein offenes Buch. Es gibt wenig bis nichts, was Bundestrainer Joachim Löw dann nicht über den Gegner weiß. Zumindest dann, wenn er es überhaupt wissen will. Denn alles interessiert ihn gar nicht. Das ist verständlich bei der Flut an Informationen, die das Scoutingteam der Sporthochschule Köln seit rund sechs Monaten über jeden denkbaren Gegner bis zum Finale am 1. Juli analysiert und ausgewertet hat und nun je nach Bedarf dem deutschen Trainerteam in leicht verdaubaren Happen serviert. Was bei den Spielern ankommt, sind Häppchen davon. „Lieber einige wenige Informationen, die knackig kurz serviert werden, als ellenlange Vorträge, die nur ermüden“, sagt Teammanager Oliver Bierhoff.

Damit das Studenten-Futter der besonderen Art Löw und seinen Spielern schmeckt, haben 50 kluge Köpfe in Köln, allesamt Absolventen der Sporthochschule, über Wochen und Monate die Köpfe zusammengesteckt. Je fünf Mann nehmen sich einen Gegner wie Griechenland vor, legen bis zu zehn seiner Spiele zugrunde und zerlegen die Auftritte so lange, bis die Charakteristik seiner Spielweise offenkundig ist. „Wir arbeiten Handlungsmuster der Gegner heraus, kanalisieren die Informationen und präsentieren sie dem Bundestrainer“, sagt Stephan Nopp. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Sporthochschule hält im Mannschaftsquartier in Danzig die Stellung und den kurzen Draht zur Kölner Zentrale. Dort steht Professor Jürgen Buschmann dem Projekt vor, das der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann 2005 initiiert hat. „Wir können keine Tore schießen, aber wir können zwei, drei Prozent Informationsvorsprung liefern, die auf diesem Niveau entscheidend sein können“, sagt Buschmann. Auch Einzelspieler-Analysen sind möglich, wenn von Löw gewünscht. „Aber nicht von Cristiano Ronaldo und seinesgleichen. Da weiß doch eh jeder, wie sie spielen“, sagt Buschmann.

Angriffs- und Abwehrverhalten jeder Mannschaft wird erfasst

Die Kölner Studenten gehen tiefer, viel tiefer in ihrer Analyse. Sie erfassen das Angriffs- und Abwehrverhalten jeder Mannschaft und suchen Antworten auf Fragen wie: Was zeichnet den Spielaufbau aus, wie funktioniert das Umschaltspiel, wer sind die entscheidenden Strategen, welche Eigenheiten gibt es ? Wie verhält sich die Mannschaft bei Ballgewinn und Ballverlust, wie reagiert sie auf einen Rückstand, wie geht sie mit einer Führung um? „Wir wollen uns nicht an den Gegnern ausrichten, aber ihre Stärken und Schwächen zu kennen ist schon wichtig“, sagt Löw und präzisiert: „Ob einer 1,94 Meter groß oder 85 Kilo schwer ist, interessiert mich nicht. Wir wollen alles über die Charakteristik der Spieler wissen.“

Der Bundestrainer überlässt nichts dem Zufall. Nur ein Beispiel: Löw geht von einem bestimmten Abstand aus, in dem die Verteidiger zueinander stehen. „Wenn diese Abstände beim Gegner enger oder weiter sind, wird das taktische System entsprechend angepasst, um die Lücke zu finden“, sagt Buschmann. So wird verständlich, warum das Kölner Team in manchen Spielanalysen jeden einzelnen Ballkontakt bewertet. Das macht 1500 bis 2000 pro Spiel und ist erst der Anfang. Allein das Dossier über den ersten Gruppengegner Portugal umfasste 600 Seiten Papier und 60 Stunden Video-Material.

Zur Vorbereitung auf den zweiten Gegner sezierten sieben Studenten das erste Gruppenspiel des Teams aus den Niederlanden und fassten ihre Erkenntnisse auf knapp 40 Seiten zusammen. Damit Löw sie den Spielern auch schön anschaulich näherbringen konnte, musste jede Aussage mit einer passenden Videosequenz belegt sein.

Vor so viel Akribie zieht Oliver Bierhoff nur den Hut: „Wir sind unheimlich froh über diese Unterstützung“, sagt der Teammanager, „wir beobachten seit 2004 in dieser Intensität den Weltfußball, sind auch beim Afrika-Cup und der Copa America vor Ort. Dadurch sind wir nahezu lückenlos informiert.“ Vor allem einer: Urs Siegenthaler (64). Der Chefscout aus der Schweiz beobachtet normalerweise weltweit Spiele, erstellt Analysen und Kurzfilme für den internen Gebrauch und ist ständig in Kontakt mit der Sporthochschule. Doch ausgerechnet bei der EM fehlt er jetzt wegen eines grippalen Infekts. Vorerst wird er von Nopp vertreten, die Spielbeobachtung hat Christopher Clemens übernommen, der seit September 2010 die Scoutingabteilung beim Hamburger SV leitet. Bisher war das kein Problem. Siegen­thalers Helfer lieferten Löw auch ohne ihren Chef wertvolle Hinweise. Griechenland soll da keine Ausnahme bilden.

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