Nationalcoach Luis Enrique geht ohne Spieler von Real Madrid ins EM-Turnier – dafür musste er harsche Kritik hinnehmen. Der ausgebootete Sergio Ramos (35) verpasst vorerst die Bestmarke für die meisten Länderspiel-Einsätze.
Stuttgart/Sevilla - Am 13. Juni jährte sich zum 65. Mal der erste Triumph von Real Madrid im Europapokal der Landesmeister, 4:3 hatten die Königlichen Stade Reims besiegt, Kapitän Miguel Munoz durfte den neuen Pokal im Pariser Prinzenpark in die Luft stemmen. 13-mal war Real Madrid bisher die beste Fußballtruppe Europas. Wenn an diesem Montag (21 Uhr/ZDF) die EM-Partie zwischen Spanien und Schweden angepfiffen wird, ist der Club aus der Hauptstadt erneut eine Erwähnung wert. Es ist wieder eine Premiere. Erstmals in der 87-jährigen Geschichte des spanischen Verbandes ist kein Profi des Rekordmeisters (34 Titel) mit von der Partie, wenn La Furia Roja bei einem großen Turnier aufs Feld läuft.
Luis Enrique vollzog bei der Bekanntgabe seines EM-Kaders vor gut drei Wochen diesen höchst bemerkenswerten Schritt. Der Nationaltrainer verzichtete komplett auf Profis des Starensembles – und in dieser Konsequenz verzichtete er auf die Dienste von Sergio Ramos. Die Institution war seit 2006 bei jedem WM- oder EM-Turnier am Ball, er prägte die Glanzzeiten der Selección mit den EM-Titeln 2008 und 2012 sowie dem WM-Triumph von 2010. Mit dieser Entscheidung verbaute Enrique dem langjährigen Kapitän vorerst einen Rekord, den der um sein Leben gerne erreichen möchte. Der 35 Jahre alte Abwehrspieler hat 180 Länderspiele auf dem Buckel, die internationale Bestmarke hält der Ägypter Ahmed Hassan mit 184 Einsätzen – und es wäre recht wahrscheinlich gewesen, dass Sergio Ramos bei diesem europäischen Turnier zumindest mit dem Afrikaner hätte gleichziehen können. Lesen Sie aus unserem Angebot: Deshalb wurden die Spanier geimpft
Doch der beinharte Routinier war in der abgelaufenen Runde lange verletzt, er war nicht mehr unbedingt erste Wahl für Trainer Zinédine Zidane bei den Königlichen, absolvierte nur 21 Pflichtspiele und fehlte im Endspurt der Liga wegen einer Sehnenreizung. Sein Vertrag endet am 30. Juni. Enrique hatte vielleicht nicht 1000 gute Gründe, aber doch einige, um Sergio Ramos nicht zu berücksichtigen. „Ich weiß, es ist hart. Es hätte die Möglichkeit bestanden, dass er sich bis zur EM regeneriert hätte, aber ich halte das für schwierig“, erklärte der Nationalcoach. Dass er dafür in Spanien hart kritisiert wurde, ließ den 51 Jahre alten Asturier kalt – er gilt als Mann, der seinen Weg geht, auch wenn heftiger Gegenwind herrscht.
Enrique wurde dabei sogar eine Abneigung gegen Real-Profis angekreidet, weil er 1996 aus Madrid unter lautem Getöse und mit bösem Blut zum ungeliebten Erzrivalen FC Barcelona abgewandert war. Es sei eine verspätete Abrechnung, wurde ihm unterstellt, was Enrique freilich abstritt.
Viele Real-Profis haben Probleme
Nicht nur Ramos wurde ausgebootet, auch die Offensivkräfte Marco Asensio und Isco wurden vom Nationalcoach ignoriert, wobei in diesen beiden Fällen deren Formschwäche als Begründung diente, was eine ordentliche Anzahl von Experten nachvollziehen konnten. Aber auch der überzeugende Nacho Fernandez, Ramos’ Stellvertreter bei Real, wurde nicht berücksichtigt ebenso wie Daniel Carvajal, der aber auch mit Verletzungen kämpfte. Spaniens größte Sportzeitung „Marca“ nahm die ganze Diskussion mit Humor und schrieb: „Luis Enrique ist nicht verrückt geworden. Er ist so.“
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Nun steht die Begegnung mit Schweden an. Immerhin wird das Match nicht zum befürchteten Coronagipfel, nachdem sowohl die Iberer als auch die Skandinavier je zwei Fälle gemeldet hatten. Kapitän Sergio Busquets (FC Barcelona) und Diego Llorente (Leeds United/bis 2015 bei Real) wurden mehrfach negativ getestet und befinden sich wieder beim Team und stehen in Sevilla zur Verfügung. Das Spielergebnis dürfte entweder zur weiteren Befriedung führen oder den Zwist erneut befeuern.
Ramos hat die emotionale Geschichte längst zu den Akten gelegt, er hat mit Enrique ein ausgiebiges Gespräch geführt. „Es tut weh, aber man muss ehrlich sein“, teilte der 35-Jährige in den sozialen Medien mit, „in diesem Fall ist es besser auszuruhen, vollständig zu genesen und nächste Saison zurückzukommen.“ Das Verhältnis, darauf legte der Real-Profi großen Wert, sei nach wie vor intakt. Schließlich geht das internationale Fußball-Leben nach der EM weiter, es werden weitere Länderspiele der Spanier folgen – und Sergio Ramos wäre da liebend gerne noch wenigstens fünfmal mit dabei.