Pellegrino Matarazzo und Sebastian Hoeneß (rechts) haben beim VfB Stuttgart und 1899 Hoffenheim 34 Spieltage durchgehalten. Foto: Baumann

14 der 18 Erstligaclubs haben in nur einer Saison ihren Trainer gewechselt – das ist Bundesliga-Rekord. Zudem starten sieben der acht besten Teams der Vorsaison mit neuem Trainer. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Stuttgart - Vor dem Beginn der neuen Fußballsaison, die mit der ersten Hauptrunde im DFB-Pokal an diesem Wochenende ihre Pforten öffnet, hier zum Warmwerden eine mittelschwere Quizfrage: Was haben die Cheftrainer Pellegrino Matarazzo vom VfB, Christian Streich vom SC Freiburg, der Hoffenheimer Sebastian Hoeneß sowie Urs Fischer von den Eisernen des 1. FC Union Berlin gemeinsam? Trainieren sie a) allesamt einen Club aus Baden-Württemberg, waren sie b) alle als Spieler niemals in der ersten Bundesliga aktiv, oder sind sie c) die vier einzig verbliebenen Cheftrainer, die bereits zu Beginn der Vorsaison bei einem der 18 deutschen Erstligisten das sportliche Sagen hatten?

 

Die vier Überlebenden der Trainerzunft

Weil Berlin nicht in Baden-Württemberg liegt und Christian Streich als Einziger des Quartetts in der Saison 1989/90 immerhin zehn Bundesligaspiele für den FC Homburg absolviert hat, haben die Branchenkenner natürlich ihr Häkchen hinter der Antwort c) gesetzt, was die Bundesliga um ein weiteres Kuriosum reicher macht. Nur der Dino Streich, mit neun Jahren und sieben Monaten im Breisgau inzwischen in der Dienstzeit für Bundesligatrainer dem Rest des Feldes meilenweit enteilt, sowie Matarazzo, Hoeneß und Fischer haben die gesamte abgelaufene Erstligasaison bei ihrem Club „überlebt“.

In nur einer Saison haben 14 Vereine ihren Trainer gewechselt – das hat es in der Bundesligageschichte nie zuvor gegeben. Hinzu gesellen sich nun die Aufstiegstrainer Thomas Reis (VfL Bochum) und Stefan Leitl (SpVgg Greuther Fürth), die mit ihren Clubs jeweils in die dritte Saison gehen.

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Anderenorts drehte sich das Trainerkarussell derweil rasanter denn je – und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dabei war nicht immer der sportliche Misserfolg ausschlaggebend, sondern auch die persönlichen Interessen der Cheftrainer selbst: Oliver Glasner etwa nahm mit seinem Wechsel von Wolfsburg nach Frankfurt den Abstieg von der Champions- in die Europa League in Kauf, während der von der Eintracht nach Gladbach gewechselte Adi Hütter nun, anstatt Europa League zu spielen, mit der Borussia international komplett frei hat. „Wenn ich Erfolg habe, gehe ich doch nicht weg“, kritisiert der ehemalige Bayern- und VfB-Trainer Felix Magath: „Wenn ich mich für einen Verein entscheide, akzeptiere ich die Bedingungen dort.“

Sieben der acht besten Clubs mit neuem Trainer

Doch der Trend ist ein anderer: Und so sind es in diesem Sommer erstaunlicherweise sieben der acht besten Bundesligaclubs der Vorsaison, die mit einem neuen Trainer in die Spielzeit starten: Vorneweg die vier deutschen Champions-League-Vertreter, der FC Bayern (mit Julian Nagelsmann), RB Leipzig (mit Jesse Marsch), Borussia Dortmund (mit Marco Rose) sowie der VfL Wolfsburg (mit Mark van Bommel). Aber auch die beiden Europa-League-Starter Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen haben einen neuen Chefcoach (Oliver Glasner und Gerardo Seoane) sowie Borussia Mönchengladbach (Adi Hütter).

Zu ihnen gesellen sich die vier Kollegen Bo Svensson (FSV Mainz 05), Pal Dardai (Hertha BSC), Frank Kramer (Arminia Bielefeld) und Markus Weinzierl (FC Augsburg), die allesamt in der abgelaufenen Bundesliga-Rückrunde aufgrund der Abstiegssorgen ihrer Arbeitgeber – also quasi auf die klassische Art – ins Amt kamen. Das ist bei keinem länger als sieben Monate her. „Wir müssen einen neuen Impuls setzen“, sagte etwa der Kölner Manager Horst Heldt, ehe er Markus Gisdol nach 28 Spieltagen auf Platz 17 stehend entließ. Und tatsächlich belegt es die Statistik: neue Trainer bringen meist mehr Punkte. Nicht nur in Köln.

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Vereinstreue ist in der Riege der Cheftrainer diesmal also alles andere als Trumpf – und das hat im Tagesgeschäft Bundesliga diverse Gründe. Einer davon ist sicherlich die neue Macht der Spitzenkräfte der Zunft, die im Verhältnis zu ihrem Arbeitgeber oft die besseren Karten haben, weil für sie inzwischen sogar Ablösesummen bezahlt werden, wie es unter anderem bei Julian Nagelsmann (15 Millionen Euro), Adi Hütter (7,5) und Marco Rose (5) der Fall war.

Oft sitzt der Trainer am kürzeren Hebel

Doch abgesehen von den Topstars sind es weiter meist die Trainer, die am kürzeren Hebel sitzen. Zwar hat jede Trennung ihr eigenes Detail wie etwa in Wolfsburg, wo Oliver Glasner nicht mit dem Sportchef Jörg Schmadtke konnte. Doch generell hat einerseits der Trend zu jüngeren Übungsleitern den Konkurrenzdruck innerhalb des Berufsstandes erhöht; und auch der zunehmende öffentliche Druck und die gestiegene mediale Aufmerksamkeit auf der Showbühne Bundesliga machen den Trainern zu schaffen. Die Zeiten des Wiener Erfolgstrainers Ernst Happel etwa, der in den achtziger Jahren grantelnd und kettenrauchend den Hamburger SV zum Europapokalsieg der Landesmeister führte, sie sind längst passé.

Denn die Arbeit der Trainer ist auch dank Social Media viel gläserner geworden. Hinzu kommt der gestiegene Erfolgsdruck in Coronazeiten, in denen es für viele Clubs ohne Zuschauereinnahmen schlicht um die nackte Existenz geht.