Das Führungstrio um den SV Bonlanden lässt mit 19 Toren die Muskeln spielen. Derweil ist beim Spitzenreiter die Trainerentscheidung gefallen und sieht der Cannstatter Topscorer Frust-Rot. Und in Stammheim bestätigt sich, dass der Kader auseinanderbricht.
Die drei Titelanwärter im Torrausch, Rot für einen frustrierten Torjäger, ein neuer Trainer für Türkspor Stuttgart und ein amtierender Vizemeister, bei dem sich die Gerüchte vom personellen Zerfall bewahrheiten – das sind die Schlagzeilen rund um den 19. Spieltag der Stuttgarter Fußball-Bezirksliga. Angeführt wird die Tabelle weiterhin vom SV Bonlanden, der in seiner Trainerfrage für die nächste Saison ebenfalls eine Entscheidung vermelden kann. Auf dem Rasen haben der Spitzenreiter sowie seine beiden Verfolger TSV Plattenhardt und TSV Bernhausen am Sonntag zusammen bemerkenswerte 19-mal eingenetzt. 5:1, 9:3, 5:0. Nächster Teil also im Wettschießen um den Aufstieg.
SC Stammheim – SV Bonlanden
Der Vorteil des SV Bonlanden: Er hat gegenüber seinen Mitbewerbern unverändert drei Punkte mehr auf dem Konto. Oder müsste es treffender heißen: nur drei? Der Spielertrainer Timo Stehle empfindet es jedenfalls eher so. Was auch immer er und die Seinen gerade machen, die Verfolger bleiben wie zwei Kletten dran. „Alle drei Teams haben einen Riesenlauf“, merkt Stehle schulterzuckend an, im zunehmenden Wissen, was das womöglich heißen wird. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Meisterschaft in Showdown-Manier entschieden wird, nämlich in den beiden noch ausstehenden direkten Duellen des Filderstädter Triumvirats. Beide Male werden Stehles Bonlandener beteiligt sein. Die schon jetzt im Kalender rot unterstrichenen Termine: Christi Himmelfahrt, 9. Mai, in Bernhausen. Und dann am letzten Spieltag, 2. Juni, in Plattenhardt.
Einstweilen nahmen die Mannen von der Humboldtstraße auch die hohe Hürde beim SC Stammheim ungestreift. Endstand: 5:1. Schon zur Pause lag der Favorit vier Tore vorn. „Eine überragende erste Halbzeit von uns – die überhaupt beste dieser Rückrunde“, sagt Stehle, „wir haben den Gegner nicht zum Atmen kommen lassen.“ Und wie es so ist, wenn’s dann mal läuft: Dann klappen auch die tollsten Dinger. Der Kapitän Andreas Pottmeyer sowie Tobias Hornung steuerten zwei Traumtore bei – der eine volley aus 18 Metern, der andere mit Wums diagonal in den Dreiangel.
Stehles persönliche Bilanz seit Übernahme des Traineramts ist damit unverändert makellos: sechs Ligapartien, sechs Siege. Umso größer die Zufriedenheit im Verein über eine nun behobene Baustelle hinter den Kulissen. Fix ist: Der 34-Jährige wird seine Tätigkeit in der nächsten Saison fortsetzen. Die von beruflicher Seite aufgekommenen Fragezeichen hat er ausgeräumt. Wie berichtet ist Stehle Mitinhaber eines Unternehmens in der IT-Branche, das aktuell nach Wien expandiert. Jedoch hat er sich mit seinen zwei Geschäftspartnern darauf verständigt, dass vor allem jene den Österreich-Part übernehmen. Heißt: für Stehle selbst weiterhin Bonlanden-Zeit.
Demgegenüber ist in Stammheim nach wie vor ungeklärt, wer die Nachfolge des derzeitigen Interimscoachs Marc Wegner antreten wird. Nicht nur das: Auch in puncto Kaderplanung kommen auf den amtierenden Vizemeister mächtige Aufgaben zu. Denn bestätigt hat sich mittlerweile das, worüber bereits vor einigen Wochen gemunkelt worden war: Die Mannschaft wird im Sommer auseinanderbrechen. Der Enz/Murr-Bezirksliga-Nachbar TSV Münchingen bestätigt inzwischen auch offiziell, dass gleich acht Stammheimer Kicker zu ihm wechseln, darunter nahezu alle bisherigen Leistungsträger der Nord-Stuttgarter. Definitiv sind die Transfers der Brüder Marco und Christian Schwalb sowie von Steffen Scheck, Tobias Oesterwinter, Paul Beck, Tom Schneider, Kevin Hachenbruch und Marko Jovanovic.
TSV Plattenhardt – SV Vaihingen
Das sportliche Kracherergebnis des Spieltags kommt indes vom TSV Plattenhardt. Es ist eines, das am Sonntagabend manch einen wohl erst einmal ungläubig aufs Tableau schauen lassen hat. Ein Übermittlungsfehler? Nein, hatte alles schon seine Richtigkeit. Der Tabellenzweite feierte gegen den SV Vaihingen ein 9:3-Schützenfest – dies mit gleich mehrfachem Staunen seines eigenen Coachs. Jener, Sascha Blessing, wähnte sich zunächst „im falschen Film“, als nach nicht einmal 100 Sekunden die Gäste führten. Dann wunderte er sich kaum weniger über „ein gegnerisches Fehlerfestival“. „Das“, sagt Blessing, „haben wir eiskalt bestraft.“ Allen voran einer. Fatih Özkahraman baute mit einem Toredreierpack seine Führung in der Schützenliste aus. Zu drei weiteren Treffern leistete er die Vorarbeit.
Mit Spannung warten sie im Weilerhau nun die Zukunftspläne des Oldies ab. Klar, der Verein würde gerne verlängern. Doch eine Antwort Özkahramans steht noch aus. Ein Thema, das die Plattenhardter wiederum mit ihrem aktuellen Kontrahenten eint. Auch jener bangt um den Verbleib seines Knipsers vom Dienst, in diesem Fall Fabijan Krpan. Der Youngster, 16 Jahre jünger als Özkahraman, wartete am Sonntag immerhin mit etwas Vaihinger Ergebniskosmetik auf – was am erschütterten Spielfazit seines sportlichen Leiters Benjamin Schiffner gleichwohl nichts ändert. Jenes lautet: „Es hat beim Zuschauen weh getan.“
Höher haben die Seinen letztmals vor sieben Jahren verloren. Damals erlebten die Schwarzbachkicker gegen den SV Bonlanden gar ein 1:10-Debakel.
SG Untertürkheim – TSV Bernhausen
Eitel Sonnenschein hingegen auch von der Personalfront beim Dritten im Bunde der Gipfelanwärter, dem TSV Bernhausen. Jener baute nicht nur mit einem standesgemäßen 5:0 bei der SG Untertürkheim seine Pflichtspiel-Siegesserie aus. Inzwischen steht der Zähler bei 14. Nicht minder flutscht es am Fleinsbach beim Spielerpuzzle für die Folgesaison. „Das gestaltet sich gerade relativ einfach“, konstatiert der Spielleiter Danijel Baric. Denn offenbar hat jeder Bock, weiter Teil dieses nach dem letztjährigen Abstieg entfachten Hurrafußball-Projekts zu sein. Baric geht davon aus, dass „die 14, 15, die wir in jedem Fall halten wollen“, weiter Lila tragen werden. Zwei der wichtigsten Bausteine sind bereits mit den Zusagen des aktuell auf der Bank geschonten Kapitäns Ivan Matanovic und von Oliver Lujic gesetzt. In Letzterem sieht Baric „unseren Dreh- und Angelpunkt“. Mehrere höherklassige Vereine hatten um die Dienste des 21-Jährigen gebuhlt.
Dass der Trainer Roko Agatic weitermacht, war zuvor schon festgestanden. Wobei: Wo war Agatic am Sonntag eigentlich? Die Antwort ist: rund 1400 Kilometer Luftlinie entfernt – dort nicht unter etwa 200, sondern knapp 80 000 Zuschauern. Er erfüllte sich einen kurzfristig ermöglichten „Kindheitstraum“, wie er sagt. Agatic weilte bei „El Clásico“ in Madrid. Bernabeu-Stadion, Real gegen Barca.
Vom eigenen nächsten Erfolg ließ er sich ebenso nur berichten wie von einer zwischenzeitlichen Elfmeter-Parade seines Keepers Matej Livancic. Der dazu gehörende Fehlschuss des Untertürkheimers Luis Spayes war für dessen Trainer Alexander Erne „ein Knackpunkt des Spiels“. Bitter zudem: Sein Abwehrmann Jannik Hinz sah für eine Notbremse Rot. „Das macht natürlich alles nicht einfacher“, schnauft Erne, der sein Engagement unabhängig vom Ausgang der Saison fortführen wird.
TSV Rohr – TSV Musberg
Ein inzwischen wieder hellerer Hoffnungsfunke aller im Abstiegskampf steckenden Teams ist der MTV Stuttgart. Schafft jener in der Landesliga noch den Klassenverbleib, müssen in der Bezirksliga nur drei Mannschaften absteigen. Dieses mögliche Szenario nährt auch die Lebensgeister des TSV Rohr, trotz der nächsten Enttäuschung in den eigenen Bemühungen. Nach dem Derby-0:1 gegen den TSV Musberg ist der Tabellenzwölfte im Jahr 2024 weiter ohne Sieg. Das schon bekannte Manko: „Wir haben vorne einfach keine Durchschlagskraft“, beklagt Holger Schroeder, der Rohrer Fußballchef.
Und auch keinen, der dann wenigstens bei ruhendem Ball mit Zauberfuß zur Stelle wäre – so wie auf der Gegenseite Julien Kappeler. Der 20-Jährige markierte für ersatzgeschwächte Gäste per Freistoß das Tor des Tages und heimste ein Extralob seines Trainers ein. „Der Junge hat ein überragendes Spiel gemacht“, sagt Denis Kühnle, übertüncht allerdings von der Sorge um einen anderen. Manuel Rath, eh schon ewiger Pechvogel in puncto Verletzungen, schied gegen seinen Ex-Verein mit Verdacht auf Bänderriss im Sprunggelenk aus.
SGM ABV/TSV 07 Stuttgart – TSV Münster
Großer Gewinner vom Sonntag im Kampf um den Klassenverbleib ist der TSV Münster. Jener vergrößerte mit einem 4:1 im Schlüsselspiel bei der SGM ABV/TSV 07 Stuttgart seinen Abstand zur Abstiegszone auf sechs Punkte. Dabei bewies der Trainer Stefan Schuon ein glückliches Händchen. Im Angriff verhalf er seinem zuletzt angeschlagenen Routinier Oliver Olenschuk zum Startelf-Comeback. Der kam, sah und traf, und zwar gleich doppelt. Zwei Abstaubertore von ihm drehten das Spiel.
„Es ist immer noch ein langer, steiniger Weg“, mahnt Schuon zwar, erkennt aber allemal einen „sehr wichtigen Sieg“. Und: dass das eigene Team offensichtlich verinnerlicht hat, was die geforderten Basics im Tabellenkeller sind. Oder, um es von der anderen Seite her mit dem ABV-Co-Trainer Alexander Schreck zu formulieren: „Wir waren nicht aggressiv und reif genug. Wir haben uns von Münster den Schneid abkaufen lassen.“
Sportvg Feuerbach – Türkspor Stuttgart
In der Tabelle verharren die Degerlocher trotz nun drei Niederlagen am Stück über dem Strich – während bei einigen Konkurrenten bereits zweigleisige Planungen laufen, für den schlechteren Fall in der Kreisliga A. Beispiel Türkspor Stuttgart. Am Neckarpark gibt es laut dem Abteilungsleiter Tarkan Bucak gerade „viele Gespräche.“ Wobei in einer Personalie keine Worte mehr nötig sind: Memik Erdogan, derzeit noch beim B-Kreisligisten SKV Palästina Al Q’uds, wird im Juli die Nachfolge von Spielertrainer Ismail Cangür antreten.
Die aktuelle 13. Saisonpleite, ein 1:4 bei der Sportvg Feuerbach, macht Bucak an Fatih Kalkan fest. Für den Abwehrchef war nach 45 Minuten wegen einer Bänderdehnung Schluss. „Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir ein 0:0 gehalten, mit seinem Ausscheiden ging die Stabilität verloren“, konstatiert Bucak. Dagegen sieht der Feuerbacher Coach Rocco Cesarano mehr das Unvermögen seiner Akteure im Abschluss als Ursache für den Zwischenstand. So viele eigene Chancen habe er noch in keiner Partie gezählt. Immerhin, nach der Pause lief es für seine Elf besser. Marin Pranjic (2) und der eingewechselte Emre Balci schossen eine Drei-Tore-Führung heraus. Darüber hinaus traf Andrii Shamenko. „Für ihn freut es mich besonders. Er ist so engagiert, und nun hat er sich endlich mit einem Tor belohnt“, sagt Cesarano.
Spvgg Cannstatt – SV Sillenbuch
Torlos endete unterdessen die Begegnung zwischen der Spvgg Cannstatt und dem Kellerkind SV Sillenbuch, allerdings nicht ohne Aufregung. 89 Minuten lang sei sein Team gegen eine Wand angerannt und habe den Ball bei vier Großchancen neben das Tor gesetzt, sagt der Cannstatter Trainer Carmine Napolitano. Dann klatschte der Defensivmann Michael Ziegler bei seinem Comeback (komplizierter Ellenbruch) nach fast einem Jahr Applaus für eine gelbe Karte – und sah gleich noch einmal Gelb sowie folgerichtig zudem Rot. Mehr noch. Nach dem Abpfiff kommentierte der Torjäger Behar Hasanaj die Leistung des vorbeilaufenden Schiedsrichters laut Napolitano mit: „Du bist eine Katastrophe.“ Die Konsequenz: für ihn sogar glatt Rot. „Unnötig, vielleicht war Behar gefrustet, weil er zwei dicke Möglichkeiten versemmelt hat“, mutmaßt Napolitano.
Derweil kann der abstiegsbedrohte Gegner Sillenbuch mit dem Punkt leben, der in der Endabrechnung noch Gold wert sein könnte, schätzt der Spielleiter Hans-Georg Spies. Wichtig für ihn: „Wir haben endlich mal zu Null gespielt. In der Rückrunde waren uns bisher immer jeweils mindestens drei Tore eingeschenkt worden.“
Die Statistik zum Spieltag
SG Untertürkheim – TSV Bernhausen 0:5. Tore: 0:1 Milic (3.), 0:2 Lujic (16.), 0:3 Milic (54.), 0:4 Walz (61.), 0:5 Milos (82.). Besonderes: Livancic (Bernhausen) wehrt Foulelfmeter von Spayes ab (45.+2); rote Karte für Hinz (Untertürkheim, 75./Notbremse)
Sportvg Feuerbach – Türkspor Stuttgart 4:1. Tore: 1:0 Pranjic (49.), 2:0 Pranjic (55.), 3:0 Balci (68.), 3:1 Güzelyavuz (84.), 4:1 Shamenko (90.+2). Besonderes: –
SGM ABV/TSV 07 Stuttgart – TSV Münster 1:4. Tore: 1:0 Hummel (13.), 1:1 Olenschuk (21.), 1:2 Olenschuk (29.), 1:3 Kreidl (60.), 1:4 Kauderer (78., Eigentor). Besonderes: –
SC Stammheim – SV Bonlanden 1:5. Tore: 0:1 Pottmeyer (18.), 0:2 Zugac (36.), 0:3 Hornung (37.), 0:4 Lebkuchen (41.), 1:4 Fall (80.), 1:5 Sinesi (90.). Besonderes: –
Spvgg Cannstatt – SV Sillenbuch 0:0. Tore: – . Besonderes: Gelb-Rot für Ziegler (Cannstatt, 89.); rote Karte für Hasanaj (Cannstatt, nach dem Spiel/Schiedsrichterbeleidigung)
TSV Rohr – TSV Musberg 0:1. Tore: 0:1 Kappeler (20.). Besonderes: Gelb-Rot für Nita (Musberg, 83.) und Kappeler (Musberg, 90.+2)
TSV Plattenhardt – SV Vaihingen 9:3.Tore: 0:1 Krpan (2.), 1:1 Hörz (3.), 2:1 Hofacker (4.), 3:1 Özkahraman (11.), 4:1 Hörz (35.), 5:1 Rippler (46.), 6:1 Özkahraman (48.), 7:1 Hofacker (50.), 8:1 Hörz (60.), 8:2 Krpan (70.), 9:2 Özkahraman (73.), 9:3 Ajvazi (84.). Besonderes: –