Schön voll hier: Ein Blick auf das Woodstock-Areal. Das Musikfestival fand vom 15. bis 17. August 1969 in White Lake nahe der Kleinstadt Bethel, USA, statt. Entnommen ist das Foto dem prächtigen Bildband von Mike Evans und Paul Kingsbury: Woodstock - Chronik eines legendären Festivals (288 Seiten, 24,99 Euro), erschienen im Riva-Verlag. Foto: Barry Z Levine_woodstockwitness.com

Wahrer Mythos speist sich auch aus der nachträglichen Verklärung. Ganz besonders gilt dies für Woodstock. Chaos regierte das größte Festival aller Zeiten, bei der ganzen legendenumrankten Strahlkraft ist auch viel geschönt worden.

Stuttgart - Durch und durch friedfertig, wie es das Festivalmotto „Three Days of Peace & Music“ glauben machen will, ging es in Woodstock beileibe nicht zu. Die Band Canned Heat betrat bereits total zerstritten das Gelände, der Manager von Blood, Sweat & Tears vertrieb brachial die Kameramänner von der Bühne, weil sie Filmaufnahmen der Auftritte unbedingt verhindern wollten. Pete Townshend von The Who trat zunächst einem Kameramann in den Hintern und stieß ihn anschließend von der Bühne, ehe er später dem Politaktivisten Abbie Hoffman seine Gitarre über den Schädel zog. In der zweiten Festivalnacht brannten aufgebrachte Besucher aus Wut über die Wucherpreise, mit denen die Verpflegungsbetreiber auf die Nahrungsmittelknappheit reagierten, zwei Essensstände nieder.

 

5162 medizinische Maßnahmen wurden in den drei Tagen vom 15. August 1969 an nötig, davon 797 nach Drogenmissbrauch. Ein Besucher wurde tödlich von einem Traktor überrollt, ein zweiter starb nach Insulinproblemen, ein Dritter vermutlich nach einer Heroinüberdosis, wobei es angesichts des dilettantischen Umgangs mit der Elektrizität und den hastig verlegten Kabeln an ein kleines Wunder grenzte, dass nur drei Menschen ums Leben kamen.

Das blanke Chaos regiert

Von irgendeiner Ordnung konnte ohnehin nicht mal ansatzweise die Rede sein. Die wegen des Verkehrschaos per Helikopter eingeflogenen Musiker mussten angesichts eines schon vor dem Festivalbeginn aus den Fugen geratenen Zeitplans teils ohne Soundcheck auf die Bühne kommen. Einige sagten mehr oder weniger kurzfristig mit teils erstaunlichen Begründungen ab (Ian Anderson von Jethro Tull wird mit den Worten „Ich möchte nicht für Nackte und Bekiffte im Schlamm spielen“ zitiert), einige spielten in völlig neu zusammengewürfelten Konstellationen – für Crosby, Stills, Nash & Young war es erst der zweite öffentliche Auftritt. Andere wie John Sebastian (der nur zu seinem Privatvergnügen nach Woodstock kam) traten auf, obwohl sie gar nicht gebucht waren, wieder andere wie Iron Butterfly erschienen erst gar nicht; sie saßen in einem New Yorker Hotel und warteten vergeblich darauf, abgeholt zu werden.

Als Jimi Hendrix, der Star in Woodstock, zum Finale am Montagmorgen auftrat, sollte das Festival längst zu Ende sein. Zu Beginn hingegen trat Richie Havens nur deshalb auf, weil die für das Auftaktkonzert geplante Band Sweetwater noch gar nicht eingetroffen war. Tim Hardin stand wie viele andere Musiker so sehr unter Drogen, dass ihm mehrfach die Stimme versagte, Ravi Shankar brach seinen Auftritt wegen zu starken Regens ab. Wesentliche Teile der Technik versagten, die Rollen der eigens für zügige Umbaupausen installierten Drehbühne brachen bereits nach einem Tag. Und auch die Verstärkertechnik ließ stark zu wünschen übrig. „So schlecht hatten wir noch nie gespielt“, bilanzierte Mickey Hart von Grateful Dead, nachdem sich die Band auf der Bühne von Stromschlägen malträtieren lassen musste.

Woodstock war siebzig Kilometer entfernt

Das Festival fand ja nicht einmal wie geplant in Woodstock im Bundesstaat New York statt, sondern 70 Kilometer entfernt nahe der Kleinstadt Bethel, nachdem der Veranstalter sich zuvor aus mehreren Örtchen Absagen eingehandelt hatte, weil deren Bewohner Angst vor einem Hippie-Ansturm hatten. Geplant wurde es vom gerade mal 24-jährigen Michael Lang, der eigentlich einen Laden für Cannabis-Zubehör betrieb und erst kurz zuvor finanziell desaströs mit der Ausrichtung eines Festivals in Miami gescheitert war.

Der endgültige Veranstaltungsort wurde erst einen Monat vor Festivalbeginn gefunden, sodass hektisch die Logistik auf die Beine gestellt werden musste und ein solider Absperrungszaun nachrangig war. Zunächst war gar keine Polizei vor Ort, was in einem 27 Kilometer langen Stau auf der Zufahrtsstraße mündete; allein 250 000 potenzielle Besucher sollen es gar nicht erst bis zum Festivalgelände geschafft haben.

Der zunächst fehlende und – als er endlich stand – prompt überrannte Zaun nährte später den Mythos von einem philanthropischen Gratisspektakel, doch Woodstock war beileibe nicht frei von Kommerz. In Bethel konnte das Festival letztlich nur stattfinden, weil die besorgten Bürger der Kleinstadt mit üppigen Schecks ruhiggestellt wurden. Zwei wohlhabende Risikokapitalinvestoren steuerten die nötigen 50 000 Dollar (45 000 Euro) bei, um überhaupt die Miete für das Festivalgelände zu zahlen.

Eigentlich wollten der Festivalchef Michael Lang und sein Kompagnon Artie Kornfeld ohnehin nur ein Konzert veranstalten, um ihr geplantes Tonstudio in Woodstock zu bewerben. Am Ende gründeten sie eigens eine Firma, engagierten zwei PR-Profis, die mit ihrem Reklamefeldzug maßgeblich den Andrang hervorriefen, während mehrere Anwälte mit allen Rechtsfragen betraut waren. Das gesamte Konzept wurde in Monterey abgekupfert, wo zwei Jahre zuvor das weltweit erste Rockfestival stattfand. Inklusive diverser Künstler, die dort schon spielten, allerdings ohne das schöne kalifornische Wetter und die hochklassige Soundanlage in Monterey, die von den Musikern in höchsten Tönen gelobt wurde.

Vergleichsweise hohe Eintrittspreise

Und ein Gratisevent war Woodstock wirklich nicht. Der Eintritt kostete auf heutige Verhältnisse umgerechnet rund 120 Dollar (107 Euro) und wurde im Vorverkauf von knapp 190 000 Ticketkäufern auch bezahlt. Sie hatten das Pech, Opfer der Umstände zu werden, denn die ersten Besucher reisten schon zwei Wochen vor dem Festival an, als noch überhaupt kein Zaun stand. Zwei Tage vor Beginn fanden sich schon 30 000, am Freitagmorgen bereits 150 000 Gäste ein, da waren die Kartenhäuschen noch gar nicht aufgestellt.

Aus Angst vor einem finanziellen Fiasko ließen sich Grateful Dead und The Who ihre Gagen vorab auszahlen, Lang musste dafür mitten in der Nacht per Helikopter gedeckte Barschecks herbeischaffen. Diese Stars waren aber immerhin dabei; die damalige Crème de la crème aber – die Beatles, die Stones, Bob Dylan, die Doors, Eric Clapton, Chicago und Frank Zappa – glänzte wie viele große schwarze Musiker durch Abwesenheit.

Am Ende schloss das Festival mit einem millionenschweren Dollarminus ab. Die Insolvenz der Organisatoren konnte nur durch einen Blitzkredit reicher Gönner abgewendet werden. Erst im Jahr 1980 war der riesige Schuldenberg komplett abgetragen. Seitdem erwirtschaftet Woodstock allerdings Gewinne in Millionenhöhe, vor allem durch Merchandising. Auch so strahlt dieses Festival bis in die Jetztzeit hinein.

Pleiten, Pech und Pannen

Verblüffend also, dass bei so viel Pleiten, Pech und Pannen der legendäre Ruf von Woodstock ungebrochen fortwährt. Als Sehnsuchtsort, was man sich angesichts der katastrophalen Versorgungslage, den im Morast fast ertrinkenden Menschen und den Strapazen der An- und Abreise kaum vorstellen mag. Als Paradies der libertären Sexualität, was, glaubt man den Augenzeugen eines auch in Woodstock immer noch vergleichsweise prüden Amerikas der sechziger Jahre, als reichlich überhöhtes Love-and-Peace-Klischee vor allem durch den gleichnamigen Dokumentarfilm befördert wurde, in dem die Kameras dankbar auf jede blanke Frauenbrust gehalten wurden. Als symbolische Zusammenkunft einer durch den Vietnamkrieg und die Morde an Martin Luther Kingund Robert Kennedy traumatisierten Gegenöffentlichkeit, die hier für Bürgerrechte, gesellschaftliche Befreiung, eine liberalere Drogenpolitik und gegen Gewalt protestierte. Die sich aber von dankbar von den Verpflegungspaketen verproviantieren ließ, die von den Helikoptern der gleichen Armee über Woodstock abgeworfen wurden, die im vietnamesischen Dschungel auch Napalm regnen ließ.

Höhepunkt und Endpunkt zugleich

Woodstock sei der musikalische Höhepunkt und zugleich der Endpunkt der Hippie-Bewegung gewesen, heißt ein viel zitierter Satz der Kritiker. Das letzte Refugium einer heilen Hippiewelt, Chiffre für den gesellschaftlichen Wandel, aber auch der Beginn eines Weges, auf dem sich politisches Engagement in drogengeschwängertem Eskapismus verlor und aus Subkultur Mainstream wurde.

„Das war keine Revolution, das waren nur drei Tage, an denen die Leute anständig miteinander umgegangen sind“, fasste Joan Baez später jenes Hochamt des Gemeinschaftsgefühls zusammen, das Woodstock allemal war. Die Dabeigewesenen schwärmten noch lange von jener „Stadt mit einer halben Million Einwohnern, aber ohne Kriminalität“. Marty Balin von Jefferson Airplane brachte das auf ewig unerreichte Woodstockflair perfekt auf einen Nenner: „Alle nahmen sich in acht bei allem, was so abging.“

Eine Wegmarke in der amerikanischen und somit weltweiten Musikhistorie war Woodstock definitiv, ein Meilenstein wie Bill Haleys „Rock around the Clock“, Elvis‘ Aufstieg vom Fernfahrer zum Superstar, die Eroberung der USA durch die Beatles oder die Elektrifizierung des Dylan’schen Oeuvres. Die zuvor leidlich unbekannten Musiker Joe Cocker und Carlos Santana, die für im Nachhinein lächerliche 1300 und 2500 Dollar (1160 bis 2230 Euro) Gage auftraten, begründeten in Woodstock ihre Weltkarrieren. Alle anderen Musiker können auf ewig vom Nimbus zehren, dabei gewesen zu sein. Und alle Besucher dürfen sich, bei allen Unbilden, letztlich doch als echte Glückspilze fühlen.