Am Ostermontag 1969 fanden Spaziergänger auf einer Waldlichtung bei Zimmern die fünf Leichen. Foto: Fabian Zocher/ Shutterstock

1969 werden im Wald bei Zimmern ob Rottweil eine Frau und vier kleine Kinder tot aufgefunden - zunächst weiß niemand, wer sie sind. Als der Mörder später verurteilt wird, kommt es im Rottweiler Landgericht zu Tumulten.

Edeltraut Kraus kann nicht mehr. Schon mehrfach ist die 29-Jährige vor ihrem gewalttätigen Ehemann Josef geflohen, wollte sich und die vier kleinen Kinder vor weiteren Brutalitäten schützen – vergeblich. Doch jetzt, im Frühjahr des Jahres 1969, soll es endgültig sein. Die junge Frau, die im bayrischen Geretshausen bei Landsberg verheiratet ist, beschließt, zurück in die Heimat, zu ihrer Mutter nach Rottweil zu gehen, sich dort eine Arbeit zu suchen und mit ihren Kindern ein neues Leben zu beginnen. 

 

Ende März kommt sie mit ihren Kindern in Rottweil an, findet bei der Mutter Unterschlupf und berichtet, ihr Mann habe sie mehrfach verprügelt, ihre vier kleinen Kinder "darben" lassen. Schnell findet die junge Frau in Rottweil eine Stelle und blickt wieder etwas optimistischer in die Zukunft. Doch die Flucht vor dem Ehemann findet schon bald ein schreckliches Ende: Am 6. April, es ist ein schöner Ostermontag, entdecken Spaziergänger auf einer Lichtung bei Zimmern o.R. fünf Leichen: Edeltraut Kraus und ihre vier Kinder wurden aus nächster Nähe erschossen.

Die beiden jüngsten Opfer liegen noch im Kinderwagen

Doch zunächst weiß niemand, wer die fünf Toten sind, die im Riederwald auf der Lichtung liegen. Die beiden jüngsten, ein Junge und ein Mädchen, liegen noch in ihrem Kinderwagen. Die junge Frau trägt keinerlei Papiere bei sich, Befragungen in den umliegenden Orten bringen kein Ergebnis. Der Schock in der beschaulichen Gemeinde ist groß.

Als am Abend Lautsprecherwagen der Polizei durch Rottweil und die umliegenden Dörfer fahren, um die Bevölkerung von dem Verbrechen in Kenntnis zu setzen, steht die Mutter von Edeltraut Kraus gerade in einer öffentlichen Telefonzelle. Sie will sich in Geretshausen nach dem Verbleib ihrer Tochter erkundigen, die vom Sonntagsspaziergang nicht mehr zurückkam. Ist sie etwa wieder mit ihrem Mann nach Bayern zurückgegangen? Die Lautsprecherdurchsage trifft sie bis ins Mark. Sie meldet sich bei der Polizei.

Täter drohte damit, die ganze Familie "auszurotten"

Schnell zeichnet sich ab, wer für die grausame Tat verantwortlich sein dürfte. Die Mutter berichtet den ermittelnden Kriminalbeamten, dass der verlassene Ehemann, Josef Kraus, am Ostersonntag in Rottweil aufgetaucht sei. Über Verwandte in Wehingen hatte er vom Aufenthaltsort seiner Frau erfahren, vorgegeben, sie nur wegen der Möbel sprechen zu wollen. Er passt Edeltraut Kraus vor dem Haus der Mutter auf der Straße ab, als sie mit den Kindern spazieren gehen will. Die Mutter sieht noch, wie alle zusammen die Straße hinuntergehen – es soll der letzte Blick auf ihre Tochter und die Enkel sein.

Die Fahndung der Polizei nach dem 29-jährigen Baggerfahrer aus Geretshausen verläuft zunächst ergebnislos. Weitere Verwandte der erschossenen Frau, die in Schramberg und Lauterbach leben, sagen der Presse gegenüber, sie hätten Angst, der Täter könnte auch bei ihnen auftauchen. Der Mutter gegenüber habe er gesagt, er werde die ganze Familie seiner Frau "ausrotten". Josef Kraus wird über Interpol im In- und Ausland gesucht, der Fünffachmord macht bundesweit Schlagzeilen. Bilder vom mutmaßlichen Täter, seiner Frau und vom Tatort werden veröffentlicht.

Vor der Tat noch Süßigkeiten für die Kinder gekauft

Am 9. April dann die Nachricht aus Fulda: Der Flüchtige ist geschnappt. Kraus kam mit seinem Wagen von der Straße ab, er stand unter den Einfluss von Schlaftabletten, was die Polizei als Selbstmordversuch wertet. Im Krankenhaus wird ihm der Magen ausgepumpt. Bei dem 29-Jährigen wird ein Brief an seine Mutter gefunden, in dem er die Tat zugibt. Er habe seine Frau zurückgewinnen wollen und sei in große Wut geraten, als diese über ihn gelacht habe. "Dann habe ich alle umgelegt."

Wie die Autopsie ergibt, hat Josef Kraus auf der Waldlichtung 16 Schüsse auf seine Familie abgegeben – alle auf die Herzen gerichtet. Die Waffe, ein Kleinkalibergewehr, hatte er laut den Ermittlungen der Polizei am Karsamstag in einem Landsberger Waffengeschäft gekauft, später in seiner Wohnung Schaft und Lauf abgesägt. Vor der Tat hat er noch Süßigkeiten für seine Kinder gekauft – kurz bevor er ihr junges Leben auslöschte.

Herzzerreißende Szenen auf Schramberger Friedhof

Der zweijährige Thomas, die vierjährige Martina, Sabine (sechs) und Bianca (sieben) werden am 12. April 1969 gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Friedhof in Schramberg beigesetzt. Bei der Beerdigung, die von zahlreichen Zeitungs- und Fernseh-Journalisten begleitet wird, spielen sich herzzerreißende Szenen ab. "Der 27-jährigen Mutter Edeltraut Kraus waren die dreijährige Martina und der eineinhalb Jahre alte Thomas in die Arme gelegt worden", berichtete die örtliche Zeitung. "Die siebenjährige Sabine und die sechsjährige Bianca waren gemeinsam in einen weißen Sarg gebettet." Ein überwältigend große Trauergemeinde nimmt Anteil. Die Mutter von Edeltraut bricht vor dem offenen Grab zusammen.

Unerträglich wird für die Angehörigen auch der Prozess gegen Josef Kraus. Der 29-Jährige zeigt keine Reue. Im Gegenteil: Er schafft es als "Mörder mit dem lachenden Gesicht" bundesweit in die Schlagzeilen. Vor Prozessbeginn am Landgericht Rottweil ist das Interesse der Öffentlichkeit derart groß, dass Eintrittskarten ausgegeben werden, um dem Ansturm noch Herr zu werden. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch.

Pfiffe und Buh-Rufe bei Urteilsverkündung

Dennoch sorgt der Angeklagte gleich am ersten der beiden Prozesstage für Aufsehen: Es war ihm im Gefängnis in Stammheim gelungen, sich ein Messer zu besorgen. Mit diesem will er im Gerichtssaal seine Schwiegermutte töten, der er die Schuld an der ganzen Tragödie gibt. Das Messer wird rechtzeitig entdeckt. Der Angeklagte behauptet außerdem, ein Verhältnis mit der Mutter von Edeltraut gehabt zu haben. Dies habe er seiner Frau bei der Aussprache im Wald – man habe gemeinsam gepicknickt – gestanden. Zudem habe er ihr von seinem Verhältnis mit einer 13-Jährigen berichtet. Als seine Frau mit den Kindern weggehen wollte, habe er die Waffe aus dem Auto geholt.

Das Urteil, das nach dem zweiten Prozesstag fällt, schockt die Öffentlichkeit: 15 Jahre Freiheitsentzug wegen Totschlags. Im Gerichtssaal kommt es angesichts des für viele deutlich zu milden Urteils zu Tumulten. Pfiffe und Buh-Ruhe begleiten die Verlesung der Urteilsbegründung. Gerichtspräsident Hartel erklärt, es sei erwiesen, dass Josef Kraus seine Frau und die Kinder vorsätzlich getötet hat. Der Oberstaatsanwalt hatte deshalb für eine Verurteilung wegen Mordes plädiert. Das Gericht habe aber "eine besondere Grausamkeit im Sinne der Rechtssprechung nicht erkannt". Merkmale solcher Grausamkeit seien die Zerstückelung einer Leiche oder die Tötung auf langsame und grausame Weise. Dies liege in diesem Fall nicht vor. Auch niedrige Beweggründe seien nicht gegeben. Es sei nicht erwiesen, dass Kraus das Gewehr gekauft habe, um seine Familie umzubringen. Kraus sei ein Mann, der sich "affektiv abreagiere". Für Totschlag sehe das Gesetz einen Freiheitsentzug von bis zu 15 Jahren vor.

Während der Urteilsbegründung spricht Josef Kraus leise mit einem Justizbeamten – und lacht dabei offen. Er wirkt gelöst. Derweil ist die Stimmung  im Gerichtssaal weiter aufgeheizt. Ein Bruder der getöteten Edeltraut erleidet einen Zusammenbruch. Einige Zuhörer drohen dem Verurteilten, die Polizei muss einen Schutzring um Josef Kraus bilden. Draußen wartet eine große Menschenmenge darauf, dass er aus dem Rottweiler Gerichtsgebäude zum Gefangenentransporter gebracht wird. Die Polizei schleust ihn daraufhin durch einen Nebeneingang hinaus. Der mittlerweile 30-jährige "Mörder mit dem lachenden Gesicht" wird mit 45 Jahren wieder ein freien Mann sein.