Wer hat hier Vorfahrt? In diesem Fall natürlich das rote Auto Foto: dpa

Im Südwesten scheitert jeder dritte Fahranfänger bei der Theorieprüfung und jeder vierte beim Praxistest. Für den Fahrlehrerverband sind einige Gründe offensichtlich.

Stuttgart - Jeder Fahranfänger kennt diese Situation: Obwohl er in der Fahrschule zuletzt alles richtig gemacht hat, flattern dann doch die Nerven, wenn es zur Führerscheinprüfung geht. Doch daran allein kann es nicht liegen, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Fahrschüler sowohl in der Theorie als auch in der Praxis im ersten Anlauf durchfallen. Bundesweit etwa lag die Durchfallquote bei der Theorieprüfung 2013 mit 29,1 Prozent noch unter 30 Prozent. 2014 waren es 32,3 Prozent, 2016 schon 34,8 Prozent und im vergangenen Jahr sogar 36,8 Prozent.

Eine Entwicklung, die auch vor Baden-Württemberg nicht Halt macht. Bei mehr als jeder dritten Theorieprüfung scheiterten 2017 die Prüflinge, wie aus aktuellen Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes hervorgeht. Die Durchfallquote lag demnach im Südwesten bei 37,8 Prozent (2016: 35,8 Prozent). Die Praxis-Prüfung war für fast jeden vierten Führerscheinanwärter zu schwer. Das entspricht einem Anteil von 24,1 Prozent (2016: 22,4 Prozent).

Bewerber mit Migrationshintergrund

Für Jochen Klima, Chef des baden-württembergischen Fahrlehrerverbands, sind es vor allem zwei Gründe, die für die negative Entwicklung verantwortlich sind. Zum einen habe der Führerschein „bei den Jugendlichen nicht mehr den Stellenwert wie früher“. Dementsprechend locker würden etliche in die Prüfung hineingehen. Zumal man beliebig oft wiederholen kann. Klima: „Viele verfahren nach dem Motto: Ich probiere es jetzt halt mal.“ Erst, wenn man durchgefallen sei, werde richtig gepaukt. Zumal eine Theorieprüfung nur etwas mehr als 20 Euro koste. Ein weiterer Grund sind für ihn die Bewerber mit Migrationshintergrund. „Sie sind nicht mit unserem Verkehrssystem aufgewachsen, und das macht es für sie schwieriger.“ Kinder, die von Geburt an in Deutschland leben, erfahren dagegen schon im Kindergartenalter die erste Verkehrserziehung. Ein Polizist zeigt ihnen, wie man richtig über den Zebrastreifen und die Fußgängerampel geht. In der 3. Klasse folgt die Radfahrprüfung. Zudem lernen diese Kinder als Mitfahrer im Auto der Eltern, wie die Verkehrsregeln zu beachten sind.

Viele Ausländer, die eine Umschreibung wollen, fallen durch

Andere Fahrlehrer führen die seit 2014 gestiegene Durchfallquote auf die 15 Sekunden langen Videos zurück, die seither fester Bestandteil der Theorieprüfung sind. Klima teilt diese Einschätzung nicht: „Diese Filmchen sind frei zugänglich und in der Lernsoftware enthalten.“ Die Fahrschüler könnten sich somit gut vorbereiten. Zudem dürfe man das Video in der Prüfung fünfmal ansehen. „Das kommt der handyaffinen Jugend sogar eher entgegen“, glaubt Klima.

Was ihm allerdings Bauchschmerzen bereitet: Die Zahl der Umschreibungen von ausländischen Führerscheinen ist in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr um 6700 auf 16 200 angestiegen. Damit ein Ausländer auch den deutschen Führerschein erhält, muss er die Theorie- und Praxisprüfung bestehen. Allerdings kann er sich zur Prüfung ohne eine einzige Unterrichtsstunde bei einer Fahrschule anmelden. Die meisten Ausländer machen davon rege Gebrauch. In der Theorie wird dies noch erleichtert, da man inzwischen in elf Fremdsprachen die Prüfung ablegen kann. Diese Möglichkeit gibt es seit Jahrzehnten und wurde erstmals für italienische Gastarbeiter geschaffen. Zuletzt kam laut Klima vor etwa anderthalb Jahren Hocharabisch hinzu. Laut Klima fallen aber viele Ausländer, die eine Umschreibung wollen, bei der Prüfung durch. Er sagt deshalb: „Es wäre wünschenswert, wenn sie zunächst ein paar obligatorische Fahrstunden machen müssten und sie nur zur Prüfung zugelassen werden, wenn ein Fahrlehrer sein Okay gegeben hat.“

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