Deutsches Häubchen trifft Glitzerwelt: Annina Baur und Maira Schmidt (von rechts) waren einen Abend lang in historischen Kleidern auf dem Frühlingsfest. Foto: Michael Steinert

Wadenlang und hochgeschlossen: die Autorinnen Maira Schmidt und Annina Baur waren in württembergischer Tracht auf dem Frühlingsfest unterwegs. Auch ohne Glitzerdirndl oder pinkfarbene Ledershorts war den beiden die Aufmerksamkeit der Besucher sicher.

Bad Cannstatt - Dirndl und Lederhosen bestimmen wieder das Stadtbild: In Scharen strömen die jungen Bayern, die eigentlich Schwaben sind, zurzeit aufs Stuttgarter Frühlingsfest. Mit ihnen kehrt eine Diskussion wieder, die ebenso viele Jahre lang geführt wird, wie der Trachtentrend auf dem Cannstatter Wasen zu beobachten ist: Was sollen eigentlich bayerische Trachten auf einem schwäbischen Volksfest, fragen die Kritiker dieses Modetrends. In der Stuttgarter Innenstadt gehen einige Wirte und Clubbetreiber inzwischen sogar so weit, Dirndl- und Lederhosenträger bereits an der Tür abzuweisen. Doch was wäre eigentlich, würden auf dem Wasen württembergische Trachten getragen? Das wollten die Autorinnen Maira Schmidt und Annina Baur einmal ausprobieren und haben sich einen Abend lang in traditionellen Gewändern ins Wasen-Getümmel gestürzt.

Der zierliche, blonde Teenager trägt pinkfarbene Ledershorts

Der Abend beginnt mit einem Paukenschlag, der sitzt: „Die sehen aus wie Nonnen“, sagt ein Mädchen zu ihrer Freundin, nachdem sie uns ausgiebig und unverhohlen von Kopf bis Fuß gemustert hat. Im Vergleich mit ihr stimmt das wohl sogar: Der zierliche, blonde Teenager trägt pinkfarbene Ledershorts, die ebenso wenig Raum für Fantasie lassen wie seine weit ausgeschnittene weiße Bluse. Nun ja, immerhin spricht die junge Dame aus, was wohl viele denken, die uns zuvor auf den Straßen von Bad Cannstatt und dem Festplatz angestarrt haben wie die Zootiere.

Der Grund für die Blicke ist die gefühlt hundertfache Menge Stoff, die wir im Vergleich zu vielen anderen an diesem Abend auf dem Frühlingsfest am Körper tragen: Wadenlang und hochgeschlossen sind unsere württembergischen Trachten, die uns das Trachtenmuseum in Pfullingen dankenswerterweise für diesen Tag ausgeliehen hat. Mit ihren voluminösen Röcken, Unterröcken und Schürzen lassen unsere Kleider, die ursprünglich aus Herrenberg und von der Schwäbischen Alb stammen, sehr viel Raum für Fantasie und rücken die Figur nicht unbedingt in ein gutes Licht. Auffälligstes Merkmal ist das deutsche Häubchen, das wie ein kleines Dreieck auf unseren Köpfen thront.

Immerhin gefällt dem Kellner unser Look richtig gut

Erstaunlicherweise finden wir trotz unseres eher biederen Aufzugs schnell einen Platz an einem Tisch voll gut aussehender junger Männer. Sie wollten keine Verrückten, sondern ganz normale Menschen um sich haben, werden sie uns später zur Begründung sagen. Nicht übermäßig schmeichelhaft. Aber jedenfalls erkennen die jungen Lehrer und Kirchendiener, an deren Tisch wir gelandet sind, auf den ersten Blick, dass wir ursprüngliche und traditionelle Trachten tragen. Sie flirten dann aber doch lieber mit den Damen in den rosa und mintgrün karierten Mini-Dirndl. In unserem Stoffberg sind wir eher für die ernsthaften Gespräche zuständig – zumindest so lange der Alkoholpegel unserer neuen Bierzelt-Freunde solche noch zulässt.

Immerhin gefällt dem Kellner unser Look richtig gut: „Ich mag diese auf sexy gemachten Dirndl nicht“, sagt er, als er unser Hähnchen serviert und lässt seinen Worten Taten folgen: Wir werden an diesem Abend bestimmt niemals auf dem Trockenen sitzen, so oft wie er an unserem Tisch vorbei schaut und uns Komplimente über unsere hübschen Gesichter macht. Klar, was anderes sieht man auch nicht. Die württembergischen Trachten sorgen in jedem Fall dafür, dass der Mann der Frau zuerst in die Augen schaut.

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