Bis vor wenigen Jahren war der Friseurladen von Dieter Böttcher ein Treffpunkt. Foto: Uli Fricker

Dieter Böttcher hat über Jahrzehnte die Schönen von Konstanz frisiert. Corona bremste ihn. Heute lebt er mit Terrier und Flügel in seinem früheren Friseursalon.

Er sitzt quasi den ganzen Tag im Schaufenster seines Friseursalons. Dieter Böttcher – weiße Hose, rote Sneakers – kann nicht von seinem Geschäft in einem Stadtteil von Konstanz lassen. In alten Zeiten standen Frauen Schlange, um sich ihre Haare verlängern, tönen oder ondulieren zu lassen. Ausschließlich zum Haareschneiden kam keine. Sein Geschäft mit 17 Plätzen und 17 Spiegeln war ein Ort der Eleganz inmitten des biederen Konstanz. Heute ist es still geworden, der Meister ist bereits 87 Jahre alt – und sitzt in den Relikten des alten Ruhmes.

 

„Bis in die Coronazeit habe ich noch Kunden empfangen“, sagt der alte Herr im breiten Sächsisch und schaut aus dem Panoramafenster. Im Februar 2020 musste auch er sein Geschäft schließen, danach wollte es nicht mehr anspringen. Auch er selbst kommt jetzt schwerer in die Gänge. Langsam bewegt er sich zwischen Waschtischen und Kasse, wo er früher federleicht von einer Kundin zur nächsten eilte und bei jeder ein gutes Wort hinterließ.

An einer Stelle seiner Fotoalben wird Dieter Böttcher traurig

Das waren seine Markenzeichen: Höflichkeit und Diskretion – eine Mischung aus Distanz und Nähe, die den Friseurbesuch zu etwas Besonderem machen. Auf einem der vielen Biedermeiertische standen französische Aperitifs. Für gute Stimmung war gesorgt. In den Siebzigerjahren trafen sich hier die Frauen der französischen Offiziere, um sich die Haare verschönern zu lassen.

Wie man einen Film zurückspult, um eine gute Stelle erneut zu sehen, so blättert der Friseurmeister in seinen Fotoalben. „Über mich wurde schon viel geschrieben“, sagt er stolz. Da er sich als Persönlichkeit des Konstanzer Lebens sieht, hat er zwei Memoiren-Bände verfasst. Am stärksten sind die Fotos, für die er sich häufig in Fotostudios begab. Darauf sieht man einen schönen Mann mit perfekten Zähnen, sorgfältig gekleidet, lässigem Lächeln. Nur an einer Stelle wird Dieter Böttcher traurig. Das sind jene Seiten, auf denen man ihn und seinen verstorbenen Freund sieht. Das schmerzt noch immer. Aus seiner Homosexualität machte er nie einen Hehl – auch nicht in einer Zeit, als diese Lebensform noch unter Strafe stand.

Deftig erotische Bilder an der Wand

Auch wenn sich mittlerweile feiner Staub über die Gerätschaften des Salons legt, lebt Böttcher weiter dort. Aus dem Salon ist sein Wohnzimmer geworden – ein Museum der Eleganz. Er weiß bis heute, welche Madame wo saß. An den Wänden stehen teure Stilmöbel, auf den Tischen Porzellan. Besonders fällt der große schwarze Flügel der Marke Blüthner aus Leipzig auf – so etwas gab es nur bei ihm. Und manch deftig erotisches Bild ziert die Wand. Kundinnen konnte so den Blick nach oben wandern lassen, während sie unter der Trockenhaube saßen.

Ab und zu klopfen alte Bekannte an das große Fenster. Das freut den Friseurmeister. Ihm entgeht kein Passant, der an der Fensterfront vorbeistreicht. Er ist der letzte Figaro vom alten Schlag – ein Meister der vergänglichsten aller Schönheiten.