Der Friedensnobelpreisträger und kongolesische Arzt Denis Mukwege setzt sich seit Jahren gegen den sexuellen Missbrauch von Frauen ein. Eine Verantwortung im Kampf gegen die Gewalt sieht er auch bei den Deutschen.
Stuttgart - Es war ein ganz normaler Tag im Panzi-Krankenhaus, Ostkongo, Denis Mukwege war mitten in einer Operation. Auf einmal gab es Schreie, so, als sei ein Feuer ausgebrochen. Da stürmte die Anästhesistin in den Operationssaal und rief: „Du hast den Friedensnobelpreis.“ Im Hof des Krankenhauses hatten sich Patientinnen und Mitarbeiter versammelt. „Sie haben getrommelt und getanzt“, sagt der Gynäkologe aus dem Kongo. „Allen war in diesem Moment klar: Die Stimmen dieser Frauen werden endlich erhört.“ Denis Mukwege, ein groß gewachsener Mann im dunkelblauen Anzug, steht im Altarraum der Stuttgarter Stiftskirche und hebt die Hände, um zu bekräftigen, was er sagt. „Der Optimismus der Frauen und ihr Kampf sind beeindruckend.“ Dabei haben die Frauen, die zu Denis Mukwege und seinem Team in Behandlung kommen, Unvorstellbares erlebt.
Der kongolesische Arzt hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Opfern von sexueller Gewalt zu helfen – und ihnen eine Stimme zu geben. 1999 hat er das Panzi-Hospital in Bukavu gegründet, mitten im Krieg. Seither ist das Krankenhaus ein Zufluchtsort für Mädchen und Frauen geworden, die in den Wirren der Konflikte überfallen wurden, vergewaltigt, oft entführt und versklavt. Mehr als 50 000 Frauen hat das Team im Panzi-Hospital bislang medizinisch und psychologisch behandelt, doch das sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt Mukwege. Es heißt, dass jede dritte Frau im Ostkongo schon einmal vergewaltigt wurde. Unterstützung für die Arbeit von Denis Mukwege und seinen Team kam auch aus Deutschland, zum Beispiel vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission in Tübingen, das den Arzt nun zusammen mit anderen kirchlichen Hilfswerken nach Deutschland eingeladen hat.
Mukwege studierte Medizin in Burundi, später in Frankreich
Seit Jahren setzt Denis Mukwege sich außerdem auch politisch dafür ein, dass die Verbrechen an den Frauen im Kongo an die Öffentlichkeit kommen – und die Täter der zahllosen Vergewaltigungen zur Rechenschaft gezogen werden. Für sein Engagement hat Denis Mukwege im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis bekommen, gemeinsam mit der jesidischen Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad.
Den Optimismus und die Kraft, von denen Mukwege berichtet, strahlt er selbst aus. Seine Bewegungen sind ruhig, aber bestimmt, als er an diesem Tag in Tübingen und Stuttgart über die Situation im Kongo spricht. Hinter der Besonnenheit steckt ein starker Glaube. Als der Chor in der Stuttgarter Stiftskirche ein Lied auf Lingala anstimmt, einer kongolesischen Sprache, singt Denis Mukwege leise mit. „Was auch passiert, ich kann seinen Namen rufen, Messias“, singt der Chor. Mukwege wirft seiner Frau neben ihm auf der Kirchenbank einen Blick zu, bewegt den Kopf im Takt des Liedes.
Den Anstoß für den Wunsch, Arzt zu werden, bekam Mukwege durch seinen Vater – einen protestantischen Pfarrer. Einmal, erzählt er, sei er mit dem Vater bei einem sterbenskranken Jungen gewesen. Der Pfarrer habe mit ihm gesprochen, ihn gesalbt und für ihn gebetet – und sich dann verabschiedet. Mehr könne er nicht tun, habe er seinem damals achtjährigen Sohn erklärt: Er sei ja kein Arzt. Denis Mukwege studierte später im Nachbarland Burundi Medizin, arbeitete im Kongo – damals Zaire –, dann in einem kleinen Krankenhaus. Heute sagt er: Zu sehen, wie viele Frauen dort täglich starben, habe ihn schockiert. In Frankreich studierte er daraufhin Gynäkologie und Geburtshilfe, ging dann aber zurück in den Kongo.
Die Ursache für die Gewalt gegen Frauen liege in den jahrzehntelangen Konflikten
Immer häufiger suchten Mädchen und Frauen um Hilfe, die sexuelle Gewalt durch Rebellen oder Soldaten erlebt hatten. Die Geschichten seiner Patientinnen ähneln sich seit Jahren, sagt Denis Mukwege. Die Ursache liege in der Gewalt, die die Republik Kongo seit 20 Jahren beherrscht. Zwar ist der zweite Kongokrieg seit 2003 offiziell beendet, doch immer wieder gibt es Konflikte zwischen Rebellengruppen und zwischen Rebellen und der staatlichen Armee – vor allem im Ostkongo. Anfang Juni erst wurden 300 000 Menschen im Nordosten des Landes durch Kämpfe zwischen verfeindeten Volksgruppen aus ihren Dörfern vertrieben. Schießereien, Entführungen, Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Rachemorde seien an der Tagesordnung gewesen, heißt es vom UN-Flüchtlingshilfswerk. Bei den Konflikten, sagt Denis Mukwege, geht es meist um den Zugang und die Kontrolle von Rohstoffvorkommen.
Wird ein Dorf von bewaffneten Milizen überfallen, werden Frauen vergewaltigt, oft vor den Augen ihrer Familien, oft von mehreren Männern und mit Gegenständen. Manche werden verschleppt und als Sklavinnen missbraucht, Kinder müssen in Minen arbeiten oder als Kämpfer. Wer den Rebellengruppen entfliehen kann, wagt sich kaum in das alte Dorf und zur Familie zurück, meist aus Scham und aus Angst, verstoßen zu werden. Wegen der Gewalt verlassen die Menschen ihre Dörfer. Damit haben die Täter ihr Ziel erreicht: „Wer eine Frau zerstört, zerstört die Familie und die ganze Dorfgemeinschaft. Vergewaltigungen von Frauen werden systematisch als Kriegswaffe eingesetzt“, sagt der Arzt schon seit Jahren. „Diese Waffe ist viel effektiver als eine klassische Waffe – und sie ist billiger.“
Dabei sind viele Täter dieser Verbrechen bekannt, die Taten sind in einem 2010 veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen gelistet. „Es gibt aber kein Interesse an einer Aufklärung. Die Täter sind heute oft hohe Generäle, die Justiz und die Politik in dem Land sind korrupt“, sagt Mukwege. Weil er sich offen gegen die Taten von Milizen aber auch Soldaten der Armee stellt, hat sich der Gynäkologe viele Feinde gemacht. 2012 überfielen Bewaffnete sein Haus in Bukavu; seither lebt er mit seiner Frau im Krankenhaus, das schwer bewacht wird.
In Gebieten mit Bodenschätzen ist das Konfliktpotential besonders hoch
Eine Verantwortung für das Schicksal der Menschen im Kongo sieht der Friedensnobelpreisträger auch bei Industrieländern – wegen des wachsenden Bedarfs an Rohstoffen. „In den Gebieten mit Bodenschätzen im Kongo gibt es besonders viel Gewalt“, sagt der Arzt. Vor allem im Ostkongo gibt es riesige Vorkommen von Cobalt und Coltan – Erze, die für die Produktion von Mobiltelefonen, Laptops und zunehmend auch Autobatterien dringend benötigt werden. Die Förderung der Materialien – oft durch chinesische Firmen – geschieht unter schlechten Bedingungen oder gar ganz illegal, die Produktionswege sind intransparent. Doch diese Art von Abbau sei billig, mahnt Mukwege – auch für deutsche Unternehmen.
In der Stuttgarter Stiftskirche rückt der Arzt seine rote Krawatte zurecht, noch einmal hebt er die Hand, mahnend dieses Mal. Deutschland könne sich für einen fairen Abbau von Rohstoffen einsetzen, sagt er. Und die Menschen hier könnten von deutschen Unternehmen Transparenz einfordern. Ein Boykott von Rohstoffen aus dem Kongo wäre aber der falsche Weg: Vielmehr müsse es darum gehen, auf faire Handelsbeziehungen zu setzen. „Ich bin überzeugt, dass deutsche Unternehmen im Kongo Coltan und Kobalt unter guten Arbeitsbedingungen abbauen könnten“, sagt er. Das würde nicht nur der Gewalt die Grundlage nehmen, sondern auch eine Fluchtursache bekämpfen.