Einige Bus- und Bahnfahrer haben Vorbehalte gegenüber Klimaaktivisten. Nun tun sich die Gruppen in Stuttgart zusammen. Nisha Toussaint-Teachout und Andreas Czerwinski sprechen über Streiks, Geld und ihre gemeinsame Mission.
Viel gemeinsam haben die beiden nicht, doch sie verstehen sich inzwischen bestens: die Stuttgarter Philosophiestudentin und Klimaaktivistin Nisha Toussaint-Teachout (24) sowie Andreas Czerwinski (58), Busfahrer bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Seit Kurzem gehen sie zusammen auf die Straße und demonstrieren für einen besseren Personennahverkehr. Im Interview sprechen sie über die Preise für Bus und Bahn, Vorbehalte von Busfahrern gegenüber „Klimaklebern“ – und wer eigentlich von wem profitiert.
Herr Czerwinski, hatten Sie vor dem Klimastreik schon einmal etwas mit Fridays for Future (FFF) zu tun?
Andreas Czerwinski: Nee. Ich habe zwar zwei Kinder, aber auch für die war das kein Thema. Ich hatte auch nie den Drang, mit denen gemeinsam zu demonstrieren. Erst über die Kampagne „Wir fahren zusammen“ von Verdi und FFF hatte ich erstmals Kontakt zur Klimabewegung. Und jetzt hocke ich hier. Die Sache an sich finde ich nämlich gut.
Frau Toussaint-Teachout, welchen Bezug hatten Sie vorher zu Busfahrern?
Nisha Toussaint-Teachout: Ich hatte mit Busfahrern nur zu tun, wenn ich in einen Bus eingestiegen bin. Wir hatten zwar 2019 schon Kontakt mit einem Beschäftigten aus der Werkstatt der SSB, weil uns klar war, dass die Anliegen zusammenpassen. Aber wir waren damals völlig überarbeitet. (Anmerkung: 2019 war das Jahr der größten Streiks von FFF)
Wie viel hat die Zusammenarbeit mit Verdi noch mit der Ursprungsidee von FFF zu tun?
Toussaint-Teachout: Das Ziel der Klimagerechtigkeit ist geblieben. Und da ist offensichtlich, dass die Emissionen im Verkehrssektor runter müssen. Der Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) versagt völlig. Er investiert in Autobahnen und sagt zugleich den kommunalen Verkehrsbetrieben, dass sie sparen sollen. So funktioniert das nicht. Durch die Zusammenarbeit mit Verdi entwickeln wir uns weiter. Wir sind nicht mehr nur die Kinder auf der Straße, sondern schließen uns zusammen.
Czerwinski: Wenn der ÖPNV nicht genutzt wird, liegt das an zwei Gründen: weil er zu teuer ist oder weil die Umstiege nicht funktionieren. Sobald jemand zweimal umsteigen muss, wird der ÖPNV unattraktiv. Und dass der Preis entscheidend ist, hat man beim 9-Euro-Ticket gemerkt. Da kann die Politik doch ansetzen.
Sie sind auf den ersten Blick sehr unterschiedlich: eine 24-jährige Philosophiestudentin und ein 58-jähriger Busfahrer . . . Was verbindet Sie miteinander?
Czerwinski: Die gemeinsame Mission: der Ausbau des Personennahverkehrs. Mir ist es wichtig, dass die Zeitanforderungen für uns Busfahrer angepasst werden. Ich kann oft nicht einmal einem Fahrgast eine Auskunft geben, wenn er mich fragt, wie er irgendwo hinkommt. Mir fehlt die Zeit, etwas zu recherchieren. Was sich FFF auf die Fahnen geschrieben hat, ist fast identisch mit unseren Forderungen. Warum also nicht zusammenarbeiten und die Kampfkraft vergrößern, anstatt dass jeder sein Süppchen kocht?
Toussaint-Teachout: Sowohl beim Personennahverkehr als auch beim Klima werden Gelder gestrichen. Bei den Verhandlungen zählen aber nicht die besten Argumente. Denn die haben wir; ganz offensichtlich. Am Ende ist es ein Tauziehen: Wer hat mehr Macht? Und zusammen können wir mit mehr Kraft an einem Strang ziehen.
Finden es alle Bus- und Bahnfahrer gut, dass nun FFF bei den Streiks dabei ist?
Czerwinski: Manche assoziieren mit FFF die „Klimakleber“, also die Letzte Generation. Wir müssen bei einigen Kollegen Aufklärungsarbeit leisten. Und ich spreche bewusst immer von der Kampagne „Wir fahren zusammen“ statt von Fridays for Future.
Toussaint-Teachout: Die Aufklärungsarbeit braucht es in beide Richtungen. Manche Personen, die auf unsere Demos kommen, wollen „ein Klimathema“ und verstehen nicht sofort, dass das zusammenhängt. Dass wir nur mit den Bus- und Bahnfahrern eine Verkehrswende hinbekommen.
Zurzeit wird an vielen Stellen gleichzeitig gestreikt . . .
Czerwinski: Wir sind in eine ungünstige Zeit reingerutscht. Wir verlangen der Bevölkerung viel ab – die zurzeit sehr leidensfähig ist. Hoffentlich hält das noch etwas an.
Toussaint-Teachout: Mit unserer Kampagne versuchen wir, Verständnis in der Bevölkerung zu erzeugen. Damit es nicht mehr heißt, dass die Bus- und Bahnfahrer aufhören sollen zu streiken. Sondern: Die Arbeitgeber müssen ein gutes Angebot vorlegen, und das Verkehrs- sowie das Finanzministerium müssen Geld bereitstellen. Wenn jetzt nicht gestreikt wird, fahren in Zukunft noch weniger Busse und Bahnen. Bis zum Jahr 2030 geht bundesweit die Hälfte der derzeit beschäftigten Bus- und Bahnfahrer in Rente. Zugleich soll der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden. Diese Rechnung geht nur auf, wenn der Job durch bessere Arbeitsbedingungen attraktiver wird.
Inwiefern können die Bus- und Bahnfahrer von FFF profitieren?
Czerwinski: Wir bei Verdi sind im Vergleich zu den jungen Menschen von FFF etwas träge und unmodern. Die Aktivisten mobilisieren in allen möglichen sozialen Netzwerken Menschen, die wir nicht erreichen. FFF war vor dem Klimastreik auch beim Stuttgarter Gesamtelternbeirat, um Verständnis für seine Anliegen zu erzeugen. Auf die Idee wären wir nicht gekommen.
Und wie profitiert FFF?
Toussaint-Teachout: Die Frage ist doch, wie das Klima profitiert und wie wir näher an Klimagerechtigkeit kommen.
Aber ist die Zusammenarbeit nicht auch ein Versuch, wieder mehr Menschen auf die Straße zu bringen?
Toussaint-Teachout: Nur die Massendemos bringen kaum Veränderung. Wir wurden von der Politik weitgehend ignoriert. Aber wenn Busse und Bahnen stillstehen, wird das nicht ignoriert. Und Klima und Soziales gehören zusammen.
Was haben Sie durch die Kooperation übereinander gelernt?
Czerwinski: Ich habe größten Respekt vor dem Engagement von FFF. Die bekommen da ja kein Geld dafür. Da muss schon eine tiefe Überzeugung vorhanden sein, wenn man so einen großen Teil seiner Freizeit dafür investiert. Deren Enthusiasmus steckt an.
Toussaint-Teachout: Auch ich habe heute eine viel größere Anerkennung für Bus- und Bahnfahrer. Früher dachte ich: Na ja, ein bisschen lenken, aus dem Fenster gucken – das sieht entspannt aus. Inzwischen weiß ich, dass da krasse Konzentrationsarbeit dahintersteckt, viel Zeitdruck und fordernde Arbeitszeiten.
Beide kämpfen für bessere Bedingungen im ÖPNV
Busfahrer
In diesem Sommer ist Andreas Czerwinski seit 40 Jahren als Busfahrer tätig – zunächst in Ostdeutschland, seit 1997 bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Rund 30 Prozent verbringt der 58-Jährige im Büro, die restliche Zeit ist er auf der Straße.
Klimaaktivistin
Nisha Toussaint-Teachout hat 2018 Fridays for Future in Stuttgart mitgegründet und ist dort bis heute aktiv. Außerdem studiert sie Philosophie. In ihrem Alltag fährt sie viel Fahrrad, aber mindestens einmal pro Woche Bus und Bahn, sagt sie.