Immer mehr Menschen haben keinen festen Partner und kaum noch Verwandte. Können Freundschaften ersetzen, was die Familie nicht mehr leisten kann? [Archiv]
Stuttgart - „Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast.“ Das hat Albert Einstein einmal über Freundschaft gesagt und damit ihr Wesen vielleicht ein bisschen verklärt. Sind es nicht die lieben Verwandten – Mutter, Vater, Schwester oder Bruder –, auf die man sich in schlechten Zeiten verlassen kann, die uns bestärken und wieder aufrichten?
Die Deutschen halten die Familie hoch. Laut einer Umfrage der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse gab es im Jahr 2021 in der Bevölkerung rund 56,75 Millionen Menschen ab 14 Jahre, die es für ganz besonders wichtig hielten, für die Familie da zu sein beziehungsweise sich für die Familie einzusetzen.
Bürger halten die Familie hoch
Auch aus dem Bericht des Bundesfamilienministeriums von 2019 geht hervor, dass der Wert von Familie ungebrochen hoch ist. Für 77 Prozent der Bevölkerung ist die kleinste Zelle der Gesellschaft nach wie vor der wichtigste Lebensbereich, noch vor dem Beruf und dem Freundeskreis. Bei Eltern mit minderjährigen Kindern sind es sogar 91 Prozent. In den zurückliegenden Jahren ist die Wertschätzung der Familie konstant hoch geblieben und seit 2006 nahezu unverändert.
Doch was genau bedeutet Familie heutzutage? Die Familie ist das wohl machtvollste Geflecht von Beziehungen, in das ein Mensch geraten kann. Denn nichts prägt uns stärker als unsere Herkunft – ob über Erbanlagen oder gemeinsame Erfahrungen.
Freunde sind die zweite Familie
Die traditionelle bürgerliche Familie hat allerdings ihr Monopol verloren. Wo Geschlechterrollen diffuser werden und die Partner zunehmend finanziell unabhängig voneinander sind, braucht es keine klassischen Familienstrukturen mehr.
Da kommt die Freundschaft ins Spiel. Die Grenze zwischen Freundeskreis und Familie verschwimmt immer mehr. Einer Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen zufolge betrachten 74 Prozent der Deutschen ihre Freunde als eine Art zweite Familie.
„Freundschaften sind eine der zentralen Relaisstationen des sozialen Zusammenhalts“, sagt Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel und Experte für Generationenforschung. Und für manche Menschen sind Freunde sogar wichtiger als die Familie.
Menschen haben immer weniger Verwandte
Der deutsche Philosoph Daniel Tyradellis, der 2015 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden eine Ausstellung zum Thema kuratierte, beobachtet: „Es gibt einen immer größer werdenden Bedarf nach Freundschaften angesichts der steigenden Lebenserwartung und auch angesichts der Tatsache, dass Familie und Verwandtschaft immer kleiner wird.“ Wenn neue Lebensformen die alten ablösen, klassische Ehen und Familienstrukturen Auslaufmodelle werden, kann die Freundschaft durchaus Ersatz bieten.
Wie wichtig Freunde gerade für Menschen ohne Partner sind, zeigte die britische Soziologin Sasha Roseneil bereits vor einigen Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts, in dem sie Singles zu ihren Lebensgewohnheiten und Bindungen befragte.
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„Häufiger als Eltern oder Geschwister befanden sich Freunde im Mittelpunkt der Beziehungslandkarten, die die Probanden entwarfen“, erklärt Roseneil. Von den Freunden erhielten sie die meiste emotionale Fürsorge und praktische Hilfe. Einige waren sogar extra in die Nähe ihrer Freunde gezogen, damit sie sich gegenseitig im Alltag unterstützen konnten.
Soziologe Bude sieht in der Freundschaft sogar eine mögliche Rettung der alternden Gesellschaft, einen „dritten Weg“ zwischen Familie und Partnerschaft auf der einen Seite und den überlasteten sozialstaatlichen Pflegeeinrichtungen auf der anderen.
Wer kümmert sich um die Alten?
Denn wer kümmert sich um alte Menschen, die keine Kinder in der Nähe haben? Über ehrenamtliche Hilfe allein ließe sich das Problem nicht lösen. Bude: „Ich glaube, es ist für eine moderne Gesellschaft gar nicht anders zu bewältigen, als dass die Menschen auf Basis einer Verpflichtung, die nicht blutsabhängig ist, füreinander einstehen.“
Auch der Soziologe Janosch Schobin schlägt in diese Kerbe: „Seit dem Pillenknick sind die Geburtenraten sehr niedrig. Wir stecken seit 45 Jahren in einem historischen Experiment. Das Einzelkind zweier Einzelkinder hat keine Geschwister, keine Tanten, Onkel oder Cousins. Das bedeutet, das soziale Netz aus Verwandtschaft und Familie bricht für viele weg.“
Schobin hat 2011 zum Thema „Friendship and Care“ promoviert und leitet an der Uni Kassel das Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung „DeCarbFriends“.
Soziale Konvois sind gefragt
„Wenn tatsächlich jemand keine oder nur eine sehr spärliche Familie hat – und die Zahl derer steigt kontinuierlich –, dann wird ein Leben im Kreis der Freunde immer mehr zur Option. Hinzu kommt, dass Familien heute meist sehr klein sind – bestimmte Funktionen, die vorher die Familie übernommen hat, übernehmen jetzt immer häufiger Freunde“, sagt Schobin.
Auch der bekannte Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski glaubt, dass wir nicht mehr ohne „soziale Konvois“ auskommen – also eine Gruppe, in der Vertrauen, Zuverlässigkeit und Solidarität gepflegt werden wie einst in der Sippe. Opaschowski prognostiziert: „Freundschaften werden eine neue Form von Wohlstand bilden, auch zwischen den Generationen.“
Blut ist dicker als Wasser? Ein Missverständnis
Für die Zukunft könnte man also schlussfolgern: Blut ist nicht mehr dicker als Wasser. Wenn diese Redewendung nicht schon immer ein großes Missverständnis gewesen wäre. Der Freundschaftsexperte Schobin erklärt: „Das Sprichwort ist alttestamentarischen Ursprungs und bedeutet: Die Beziehungen, die durch Blutsschwüre entstehen, sind stärker als die Beziehungen, die der Geburt im gleichen Geburtswasser geschuldet sind.“
Dieser Text erschien erstmals am 18.02.2022.