Der Bedarf an helfenden Händen nimmt im sozialen Bereich im Kreis Ludwigsburg zu. Die Bundesregierung plant dennoch, das Budget für die kommenden Jahre zu kürzen. Das ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass künftig noch mehr Stellen nicht besetzt werden können.
Sie gehen in der Notaufnahme zur Hand, verteilen Essen in Pflegeheimen oder helfen tatkräftig bei Projekten in Kitas mit: Junge Freiwillige sind vor allem dort eine große Unterstützung, wo es an Fachkräften mangelt. Manche Angebote wären ohne sie nicht umsetzbar. Doch künftig werden sie an einigen Stellen im Kreis Ludwigsburg fehlen. Dafür sind zwei Ursachen ausschlaggebend.
Im Haushalt des Bundes sind für 2024 weniger Mittel für das Soziale und das Ökologische Jahr (FSJ und FÖJ) sowie den Bundesfreiwilligendienst (BFD) vorgesehen. Nach den Plänen der Ampelkoalition sollen die Ausgaben für die Freiwilligendienste in den kommenden Jahren um ein Drittel gekürzt werden. Im Jahr 2024 wären es rund 78 Millionen Euro weniger als in diesem Jahr. Das bedeutet, dass weniger Stellen als bisher angeboten werden können.
Kritik an diesen Plänen kommt auch aus dem Kreis Ludwigsburg. „Wir benötigen mehr Einsatzstellen, nicht weniger“, sagt Alexandra Metzger, Geschäftsführerin der Awo Ludwigsburg. Die Arbeiterwohlfahrt beschäftigt die Freiwilligen in Pflegeheimen, Kitas und Schulen. „Eine krisenfeste Gesellschaft braucht zivilgesellschaftliches Engagement“, betont Metzger. Wer als Freiwilliger das Sozialwesen kennenlerne, bringe sich oft später verlässlich im Ehrenamt ein und habe gesellschaftliche Themen im Blick. Eine immense Entlastung für die Fachkräfte in Kitas und Pflegeeinrichtungen seien sie obendrein. „Wir fordern nicht nur den Erhalt des Status quo, sondern den Ausbau“, sagt sie.
Von einer „katastrophalen Situation für alle Beteiligten“ spricht der Internationale Bund (IB), der einen Standort in Asperg hat, in Bezug auf die Pläne der Regierung. Der IB ist, gemessen an den Teilnehmendenzahlen, nach eigenen Angaben der größte Anbieter für Freiwilligendienste in Baden-Württemberg. Die Freiwilligendienste in Asperg haben zwischen September 2022 und dem aktuellen Monat insgesamt 264 vorwiegend junge Leute im Alter von 15 bis 26 Jahren in die Landkreise Ludwigsburg, Rems-Murr, Heilbronn, Hohenlohe und Schwäbisch Hall vermittelt. Die jungen Menschen arbeiten in Krippen und Kitas, Schulen, Kliniken, Krankenhäusern, Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in Pflegeheimen.
Bedarf nimmt stark zu
„Der Bedarf ist, insbesondere aufseiten der Einsatzstellen, sehr hoch“, sagt Cornelia Eilenstein, pädagogische Mitarbeiterin im Bereich Freiwilligendienste beim IB. Er sei in den vergangenen 18 Monaten sogar extrem gestiegen. „In dieser Zeit hat sich die Zahl an zur Verfügung stehenden FSJ-Plätzen um 30 bis 40 Prozent erhöht“, erklärt sie. Insbesondere Schulen melden nach ihrer Beobachtung einen erhöhten Bedarf. Um diesem Rechnung zu tragen, habe die Landesregierung ein Sonderprogramm aufgelegt. „Das wird durch die nun geplanten Kürzungen der Bundesregierung ad absurdum geführt“, sagt Eilenstein. Die vorgesehenen Sparmaßnahmen würden die Situation nur noch verschärfen. Für die Kooperationspartner und den IB würden die Einsparungen bedeuten, dass ab dem Jahr 2024 etwa ein Viertel weniger Freiwilligendienstleistende beschäftigt werden können. Nach der zweiten geplanten Kürzung ab 2025 wären es sogar ein Drittel weniger.
Der IB rechnet damit, dass das aktuelle Niveau an Freiwilligen nur dann gehalten werden kann, wenn die Bildungs- und Verwaltungskosten erhöht werden, was für Städte und Gemeinden nur schwer zu finanzieren sei. „Einrichtungen, die sich als eingetragene Vereine lediglich aus Mitgliedsbeiträgen oder Spenden finanzieren, werden höhere Kosten nicht kompensieren können und keine Freiwilligen mehr beschäftigen können“, lautet die Einschätzung.
Einige Stellen bleiben schon jetzt unbesetzt
Schon jetzt können allerdings nicht alle ausgeschriebenen Stellen besetzt werden, weil sich nicht genügend Bewerber melden. So ist es unter anderem in der Stadt Ludwigsburg, die derzeit 28 Freiwillige beschäftigt. Sie übernehmen zum Teil eigene Aufgaben und Projekte, die ohne sie nicht möglich wären, teilt die Stadt mit. „Die Ankündigung der Einsparungen im Bereich Freiwilligendienste ist meiner Meinung nach ein völlig falsches Signal an die Gesellschaft“, sagt Oberbürgermeister Matthias Knecht. Er verweist darauf, dass diese Stellen auch einen wichtigen Beitrag zur Berufsorientierung leisten.
Doch nicht nur die Budgetkürzungen des Bundes haben einen Anteil daran, dass künftig vermutlich die Zahl der Freiwilligen im Kreis Ludwigsburg zurückgehen wird. Schon für das kommende Jahr müssen die RKH-Kliniken mit weniger jungen Leuten in den Bereichen FSJ und BFD rechnen. Während derzeit noch rund 90 solcher Freiwilligen an den Standorten Ludwigsburg, Bietigheim, Vaihingen und Markgröningen im Einsatz sind, werden es bald nur noch 75 sein. Grund dafür sind die zunehmend geburtenschwachen Jahrgänge, erklärt Alexander Tsongas, der Sprecher der Regionalen Kliniken Holding. Die Einsparungen seien daher dort nicht entscheidend. „Das wäre nur der Fall, wenn viele Bewerber zur Verfügung stehen würden“, sagt er
Ein Jahr im Dienst des Allgemeinwohls
BFD
Der Bundesfreiwilligendienst wurde 2011 eingeführt. Er ist ermöglicht es Frauen und Männer ab dem Alter von 16 Jahren, sich für das Allgemeinwohl zu engagieren: im sozialen, ökologischen und kulturellen Bereich, im Sport, in der Integration sowie im Zivil- und Katastrophenschutz. Der BFD dauert in der Regel zwölf Monate. Das Taschengeld dafür beträgt monatlich maximal 438 Euro.
FSJ
Das Freiwillige Soziale Jahr kann in sozialen Bereichen geleistet werden. Dafür geeignet sind Menschen, die noch nicht das 27. Lebensjahr vollendet haben. Es wurde als Ersatz für den ausgelaufenen Zivildienst geschaffen. Die Höhe des Taschengelds variiert von Träger zu Träger.