Wilhelm Betz, Fotograf der „Stuttgarter Charakterköpfe“, würdigt im Bohnenviertel die Arbeiten der Fotokünstlerin Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer. Foto: Klaus Schnaidt

Wenn ein altes Stuttgarter Viertel in Rot erstrahlt, kann es an der Lust liegen – an der Lust auf Kunst. Die tropische Hitze hat im Bohnenviertel für eine Freiluftgalerie am Straßenrand gesorgt. Unser Kolumnist Uwe Bogen war Teil eines Kunstprojekts.

Stuttgart - Muss Kunst immer unberührbar sein, der man sich nur mit Abstand nähern darf? Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer sieht es anders. Sie gehört nicht zu den Diven der Kunst. Seit vielen Jahren fotografiert sie Stuttgarter Promis wie Eric Gauthier, Vincent Klink oder ­Mathias Richling vor ihrer roten Leinwand, aber auch unbekannte Obdachlose und Tierschützer. Diese Frau packt an.

Bei der Vorstellung neuer „Rotraits“, wie ihre Fotoserie heißt, die seit 2003 immer weiter wächst, hat sie im Brenner im Bohnenviertel kurzerhand ihre eigenen Bilder von der Wand geholt. Bei den drückenden Temperaturen wollte sie es ihren draußen zahlreich erschienenen Gästen ersparen, sich ins Lokalinnere für die Reden zu quetschen und noch mehr zu schwitzen. Also hängte sie die Ausstellung mit ihrem Mann und dem Wirt ab. Ein großformatiges Foto nach dem anderen wanderte ins Freie, etwa die Schauspielerin Karoline Eichhorn, die sodann unvermittelt an einer Säule lehnte und sich dort, wie ihr Gesichtsausdruck auf der Aufnahme vermuten lässt, wohl fühlte. Beifall gab es vom nahen Spielplatz, auf dem sich Jugendliche versammelt hatten.

Äffle und Pferdle feierten mit

Fotokunst, die beweglich ist – und die bewegt. Es sind keine klassischen Porträts, die die Frau mit dem langen Doppelnamen macht. Ihre rote Liebe gehört Menschen, die typisch für die Stadt sind oder Stuttgart gar mitprägen. Vor roter Kulisse fängt sie Gesichter so ein, dass man ins Innere des Porträtierten blicken kann, lobte Wilhelm Betz, der Fotograf der „Stuttgarter Charakterköpfe“, in seiner Rede.

Diese Frau kann in Gummistiefeln in Taubenschlägen echte Eier gegen Kunststoffeier austauschen, aber auch in hohen, rosafarbenen Keilabsatzsandalen Foto-Ausstellungen eröffnen. Als Model, Werbefotografin und Stylistin bereiste sie die halbe Erde und kennt das glamouröse Leben. Schickimicki ist trotzdem nicht ihre Welt. Sie engagiert sich für die Benachteiligten, ob es Menschen oder Tiere sind.

Und sie ist ein Zeitungsfan. Im Foyer des Pressehauses Stuttgart hat die „Silvie“, wie sie von allen genannt wird, Journalisten und Kreative wie Heiko Volz und Volker Lang alias Äffle und Pferdle, die DJane Alegra Cole und den Schreiber dieser Kolumne mit der Zeitung aus Papier fotografiert – als Plädoyer für Print. So viele mögen es noch, wenn es beim Lesen raschelt, wenn es nach Druckerschwärze riecht, wenn man morgens beim Kaffee was in den Händen hält und nicht nur auf dem Smartphone seine WhatsApp-Nachrichten checkt. Texte auf Papier, findet die Fotokünstlerin, sind meist gründlicher erarbeitet und geben einem oft mehr als Fast-Food-Infos übers Netz.

Ausstellung bis Ende August im Brenner

Wir Journalisten sind keine Holzhändler. Um den Inhalt geht es, nicht um die Form. Das Blatt hat sich gewendet. Kürzlich hat mir eine Frau eine Geschichte erzählt, die ich für eines dieser modernen Märchen hielt. Diese Frau ist Psychologin beim Jugendamt. Jeden Morgen fährt sie mit der Stadtbahn zur Arbeit. An kaum einem anderen Ort der Welt, sagt sie, könne man die Menschen so gut studieren wie im öffentlichen Nahverkehr. An einem Morgen also sah sie, wie eine junge Frau auf ihr Smartphone starrte, während ihre etwa sechsjährige Tochter quengelte. Damit die Kleine Ruhe gab, drückte die Mutter ihr einen SSB-Prospekt in die Hand, der rumlag. Auf dem war ein buntes Bild zu sehen. Die etwa Sechsjährige, versicherte die Psychologin, habe immer wieder versucht, mit dem Finger über das gedruckte Prospektbild zu wischen. Doch auf dem Papier bewegte sich nix wie auf dem Smartphone. Das Kind verstand die Welt nicht mehr.

Die Liebeserklärung ans Zeitungspapier hängt mit weiteren „Rotraits“ bis Ende August im Brenner. Wir haben die neuen Fotos mit einem kleinen Fest gefeiert – und mit der spontanen Freiluftgalerie. Das Bohnenviertel erstrahlte für eine Nacht in Rot. Dazu luden wir über Facebook ein, verschickten keine Einladungen auf Papier mit der Post, sondern nutzten die digitalen Werbemöglichkeiten. In der Redaktion stellen wir alle Print-Artikel Tag für Tag ins Netz, oft mit zusätzlichen Bildergalerien. Denn das eine Medium hat wie das andere seine Vorteile. Die Kombination macht’s! Wer die Verbindung von moderner Online-Technik und traditionellem Papier nutzt, kann durchaus sagen: „Ja, ich liebe ­Print!“

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