Fredi Bobic holte 1997 den DFB-Pokal mit dem VfB Stuttgart. Foto: imago//Herbert Rudel

Fredi Bobic hat eine spezielle Beziehung zum VfB Stuttgart, zu Eintracht Frankfurt – und zum DFB-Pokal. Vor dem Halbfinalduell spricht er über die Faszination des Wettbewerbs und erklärt, warum der VfB nicht eine ähnliche Entwicklung nahm wie die Eintracht.

Fredi Bobic weiß aus eigener Erfahrung, was Erfolge im DFB-Pokal bedeuten und was sie auslösen können. Der ehemalige Nationalspieler gibt Einblicke vor dem Halbfinalspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ARD) zwischen dem VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena.

 

Herr Bobic, wo werden Sie das DFB-Pokal-Halbfinale verfolgen?

Ich bin zwar in der Mercedes-Benz-Arena, aber in der in Berlin. Dort findet ein Abend mit Barack Obama statt, und ihn erlebt man nicht so oft. Für mich dann doch etwas Besonderes, da ich sehr Amerika-affin bin. Von daher habe ich mich beim VfB für die Einladung zum Spiel bedankt, werde aber mit Sicherheit nicht nur einmal auf den Liveticker schauen.

VfB gegen Eintracht, diese Partie wird Sie nicht kaltlassen – oder?

Ich musste schmunzeln, als das Duell ausgelost wurde, denn ich habe geahnt, dass es so kommt. Klar, zu beiden Clubs habe ich eine Verbindung und großartige Erinnerungen – gerade im DFB-Pokal.

Legen Sie los.

Der DFB-Pokal-Sieg mit dem VfB unter Trainer Jogi Löw 1997 gegen Energie Cottbus war wunderschön. Aber irgendwie auch traurig, weil es der letzte Auftritt des magischen Dreiecks war. Giovane Elber erzielte beide Tore zum 2:0-Sieg. Wir haben begeisternd gespielt, waren eine positiv verrückte Truppe. Auch für Krassimir Balakov und mich bleibt dieser Erfolg für immer haften.

2013 standen Sie als Manager mit dem VfB im Pokalfinale.

Auch dieses Erlebnis bleibt unvergessen, weil jedes Pokalfinale etwas ganz Außergewöhnliches ist. Der FC Bayern machte damals mit dem Finalsieg im letzten Spiel unter Jupp Heynckes das Triple perfekt. Zwei Tore von Martin Harnik brachten uns noch auf 2:3 heran, die Bayern zitterten sich mit Dusel ins Ziel.

Mit der Eintracht standen Sie 2017 und 2018 im Endspiel.

Der Triumph 2018 gegen den FC Bayern gehört für mich persönlich, zusammen mit dem Pokalsieg mit dem VfB und dem EM-Titel 1996 mit der Nationalmannschaft, zu den Top Drei meines Sportlerlebens. Mit diesem Titel ist ein ganzer Verein auferstanden, und die unbeschreibliche Reise durch Europa begann.

„Eintracht in großen Spielen fokussiert“

Wie schätzen Sie die Chancen des VfB am Mittwoch ein?

Die Chance auf den Finaleinzug ist da. Der VfB hat ein Heimspiel, und unter Sebastian Hoeneß sehe ich wieder eine begeisterungsfähige Mannschaft auf dem Platz. Allerdings geht es gegen einen Gegner, der ganz viel Erfahrung aus besonderen Spielen mitbringt. Ich denke da auch an die Halbfinalspiele der Eintracht 2017 und 2018 in Gladbach und auf Schalke, als die Gegner dachten, sie seien im Finale, weil sie ein Heimspiel haben.

Diese Gefahr dürfte beim VfB nicht bestehen.

Stimmt, die Vorfreude wird groß sein, aber der VfB geht als Außenseiter ins Spiel – und darin steckt auch eine Chance. Wobei ich mir sicher bin, dass die Eintracht nicht überheblich reingehen wird, weil die Spieler die spezielle Fähigkeit besitzen, in großen Spielen nicht nervös zu sein, sondern voll fokussiert. In diesem Halbfinale ist knisternde Spannung garantiert.

Spielt es für dieses Spiel eine Rolle, dass der VfB noch mitten im Abstiegskampf steckt?

Nein, es ist ein Bonusspiel, ein sehr besonderes zwar, aber ein Bonusspiel. Der Druck ist nicht da, das Ergebnis wirkt sich nicht auf die Tabelle aus, in diesem Spiel kannst du nicht absteigen.

Dafür aber in der Liga. Ist für Sie ein Szenario denkbar, dass der VfB als Zweitligist im Europapokal spielt?

Klar ist für mich: Sollte der VfB ins Finale kommen, dann ist alles drin. Da Bayern und Dortmund nicht mehr dabei sind, wird das in Berlin ein offenes Spiel, selbst wenn RB Leipzig im Endspiel steht. Zur Abstiegsfrage werde ich mich nicht äußern. Aber möglich ist alles, und es gab ja schon Fälle, dass ein Zweitligist im Europapokal spielte, wie etwa Alemannia Aachen.

„Hohe Personalkosten beim VfB“

VfB und SGE sind beides Traditionsclubs in einer wirtschaftsstarken Region mit enormer Fankultur. Warum ging der VfB zuletzt nicht einen ähnlich erfolgreichen Weg wie die Eintracht?

Du darfst nicht nur von Zielen reden, du musst machen, hart arbeiten und dich dabei immer selbst überprüfen. Du brauchst Kontinuität auf den entscheidenden Positionen und Geschlossenheit im Verein. Hand in Hand gemeinsam auch durch schwierige Zeiten zu gehen, ist das Entscheidende, gerade wenn man etwas entwickeln möchte.

Nicht nur beim VfB wird mit Blick auf die Tabelle schnell vieles über den Haufen geworfen.

So läuft es in dem Geschäft meistens – leider. Hinzu kommen die Zwänge durch die Finanzen. Zu meiner Zeit beim VfB hatten wir exorbitant hohe Personalkosten von rund 75 Millionen Euro. Wir mussten runterfahren, uns konsolidieren, ständig Geld reinholen. Bei der Eintracht hatten wir 2016 einen gesunden Nährboden, den mir Heribert Bruchhagen sauber übergeben hat mit Personalkosten von 40 Millionen Euro. Die Basis für Wachstum war dort gegeben.

Und der VfB?

Wenn du gezwungen bist zu konsolidieren, kannst du – mit noch so viel Tradition – nie nach Erfolg schreien. Wenn viel frisches Geld da ist, wie es zum Beispiel auch beim VfB nach den Kapitalerhöhungen von Mercedes der Fall war, denkt man immer, es geht schneller. Es geht aber nicht schneller.

Warum?

Weil zuerst die Basis und die Arbeitsprozesse, wie man miteinander umgeht, stimmen müssen. Die Tradition ist dabei ein wichtiges Fundament und auch ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt, aber Tradition bedeutet nicht, in der Vergangenheit zu verharren, sondern in die Zukunft zu denken, in die Zukunft zu investieren. Man muss sich den Gegebenheiten anpassen, ohne seine Kultur zu verlieren.

„Abstieg wirtschaftlich brutal“

Wie dramatisch wäre ein dritter Abstieg für den VfB?

Ein Abstieg ist wirtschaftlich brutal, weil du gefühlt alles auf null stellen musst. Diese Hochs und Tiefs lassen kein Wachstum zu. Wachstum geht nur, wenn du eine gesunde Basis hast und nicht immer irgendwo ein Loch zuschütten musst. Du musst einfach mal drei oder vier Jahre lang eine graue Maus in der Bundesliga sein, dann hast du gute Chancen, dich weiterzuentwickeln.

Vom Keller an die Spitze. Wie lautet Ihr Meister-Tipp?

Borussia Dortmund hat eine Chance, weil sich der FC Bayern die Probleme selbst macht. Und ich wünsche mir auch den BVB als Meister, weil es einfach mal gut wäre für die Liga, einen anderen Titelträger zu haben. Zudem würde das die Bayern so motivieren, dass sie noch stärker daraus hervorgehen, und diese starken Bayern brauchen wird in Deutschland auf internationaler Ebene.

Zur Person

Karriere
Am 30. Oktober 1971 wurde Bobic in Maribor/Slowenien geboren, wuchs aber in Stuttgart auf. Von 1990 an spielte er bei den TSF Ditzingen, 1992 ging er zu den Stuttgarter Kickers, von 1994 bis 1999 stürmte er für den VfB, danach unter anderem bei Borussia Dortmund, Hannover 96 und Hertha BSC. Er bestritt 37 Länderspiele (zehn Tore) und holte 1996 den EM-Titel. Bobic war Sportdirektor und Vorstand beim VfB Stuttgart (2010 bis 2013), Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt (2016 bis 2021). Von Juni 2021 bis Januar 2023 war er Sport-Geschäftsführer bei Hertha BSC.

Privates
Bobic ist verheiratet mit Britta. Das Paar hat zwei Töchter (Céline/26 und Tyra/23). Sein Hobby ist Ausdauersport. (jüf)