Ann-Katrin Berger steht beim FC Chelsea im Tor. In unserer Bildergalerie zeigen wir den gesamten deutschen WM-Kader. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Die Torhüterin aus Göppingen will bei der Frauen-WM 2023 ganz nach oben – weiß aber längst, dass es im Leben Wichtigeres gibt als den sportlichen Erfolg. Mit uns hat sie darüber gesprochen.

Wenn alles normal und gut läuft in den kommenden Wochen bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, dann wird man von Ann-Katrin Berger nicht allzu viel sehen. Denn: Bei der Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland sind die Rollen klar verteilt. Zumindest im deutschen Tor.

 

Merle Frohms ist die Nummer eins, Ann-Katrin Berger die Nummer zwei. Wie gesagt: Daran wird sich im Normalfall nichts ändern. Aber: Was ist schon normal im Leben der Torhüterin?

Dass sie Nationalspielerin ist? Klar, die heute 32-Jährige ist Stammkeeperin in England beim FC Chelsea. Auch war sie schon nominiert für die Wahl zur Welttorhüterin. Im Jahr 2009 stand sie auch schon bei der deutschen U-19-Auswahl im Tor. Und trotzdem dauerte es lange, bis die gebürtige Göppingerin eine gewichtige Rolle spielte im Kreis der A-Nationalmannschaft. Sehr lange.

„Seit Beginn meiner Tätigkeit als Bundestrainerin habe ich sie auf dem Schirm“, sagte zwar einst Martina Voss-Tecklenburg. Doch die heutige Cheftrainerin der deutschen Frauen stieg eben erst 2019 beim DFB ein – und Ann-Katrin Berger feierte dann im Dezember 2020 ihr Debüt für Deutschland. Im Alter von damals 30 Jahren.

Der Karriereweg von Ann-Katrin Berger ist aber auch ansonsten nicht gewöhnlich. Dass Fußballtalente bei den Mädchen und Frauen die Region Stuttgart aufgrund der mangelnden Perspektive früh verlassen, ist zwar nicht ungewöhnlich. Nach drei Jahren beim 1. FFC Turbine Potsdam verließ die Torhüterin aber auch Deutschland. Paris Saint-Germain, dann Birmingham City, aktuell der FC Chelsea. „In England“, sagt sie mit Blick auf das Fortkommen des Frauenfußballs, „ist man in der Entwicklung schon weiter.“

Der Krebs kommt zurück

Ann-Katrin Berger muss es wissen – seit 2016 hält sie schon Bälle auf der Insel, seit 2019 steht sie beim FC Chelsea unter Vertrag, mit dem sie viermal in Folge englische Meisterin wurde und im Finale der Champions League stand. Schöne Erfolge – aber die heute 32-Jährige weiß eben auch: Sie genießen zu können ist alles andere als normal. Weil es plötzlich viel Wichtigeres geben kann.

Eher schmerzvoll hat Ann-Katrin Berger diese Erfahrung machen müssen. Und nicht nur einmal.

Im Jahr 2017 ist bei der Keeperin Schilddrüsenkrebs festgestellt worden. Es folgte eine Operation, dann eine Therapie, bei der sie eine Jod-Tablette schlucken muss. Weil der Körper anschließend eine Zeit lang radioaktiv ist, musste sie sich in eine mehrtägige Isolation begeben. Schon wenige Wochen nach der Diagnose stand die Frau, die sich als „Kämpfertyp“ bezeichnet, wieder auf dem Trainingsplatz. Sie fühlte sich nach überstandener Krebserkrankung „noch stärker“. Und wurde doch noch einmal niedergestreckt. Im vergangenen Jahr kehrte der Krebs zurück.

Doch auch diesmal kämpfte Ann-Katrin Berger, wollte sich das Karriereende nicht von dieser tückischen Krankheit vorgeben lassen. Wieder hatte sie gesundheitlichen Erfolg, der ihr erst kurz vor der Abreise nach Australien bestätigt wurde.

Gegenüber unserer Zeitung sagte sie: „Mir geht es gut, ich habe keine Probleme. Ich hatte vor Beginn der WM-Vorbereitung all meine Untersuchungen, die Ergebnisse waren positiv.“ Drei Monate habe sie nun erst einmal Ruhe, bevor die nächsten Checks anstehen, „ich kann mich“, sagte sie, „voll auf den Fußball und die WM konzentrieren“.

An diesem Montag (10.30 Uhr/ZDF) startet die deutsche Mannschaft gegen Marokko ins Turnier, das Ziel ist klar definiert. „Der Glaube, dass es mit dem WM-Titel klappen kann, ist groß“, sagte Ann-Katrin Berger, „wir wissen, dass wir die Qualität dafür haben, das hat auch die EM im vergangenen Jahr schon gezeigt.“ Vizeeuropameister wurde das DFB-Team in Bergers Wahlheimat, wo sie mit ihrer Mitspielerin und Partnerin Jessica Carter zusammenlebt. Nun soll es bei größerer Konkurrenz noch einen Schritt weiter nach oben gehen.

Klare Meinung zur Entwicklung des Frauenfußballs

Auch, um den angestoßenen Aufbruch im deutschen Frauenfußball weiter zu forcieren. „Wir wollen mehr Aufmerksamkeit, damit wir bei der Öffentlichkeit, bei den Zuschauern, aber auch bei potenziellen Sponsoren Interesse wecken können“, sagte Ann-Katrin Berger, die natürlich auch die Debatten über Gleichberechtigung im Fußball kennt – und eine klare Meinung vertritt.

„Es wird viel darüber geredet, dass wir Frauen angeblich das Gleiche verdienen wollen wie die Männer“, sagte sie, konkretisiert aber: „Uns aber geht es viel mehr um die Anerkennung unserer Leistungen – und darum, dass diese so entlohnt werden, dass wir von unserem Sport gut leben können. Dass wir professionelle Rahmenbedingungen vorfinden, dass wir uns einen Namen machen können.“ Weder sie noch ihre Kolleginnen würden „von den astronomischen Summen, die im Männerbereich gezahlt werden“, träumen, „aber wir betreiben eben auch keinen anderen Sport. Da gibt es schon noch Luft nach oben. Ich hoffe, dass die Entwicklung Schritt für Schritt voranschreitet.“ In Deutschland („Es geht in die richtige Richtung“) und in ihrer schwäbischen Heimat.

Auch im fernen London hat sie mitbekommen, dass der VfB Stuttgart seit einem Jahr auch Frauen mit dem Brustringtrikot auf den Rasen schickt. Allerdings steckt das Team noch in der Oberliga fest, bis der VfB in der Bundesliga aufschlägt, vergehen noch einige Jahre. Dennoch lobt die Nationalspielerin das Engagement. „Im Süden Deutschlands gibt es nicht ganz so viele Topmannschaften, daher finde ich es richtig gut, dass der VfB sich in diesem Bereich nun engagiert“, erklärte sie, „für die Region um Stuttgart wäre es super, wenn es hier auch einen Bundesligisten geben würde.“ Das, da ist sie sich sicher, „inspiriert dann auch wieder viele Mädchen“.

Junge Fußballerinnen brauchen eben Vorbilder. Dass Ann-Katrin Berger dazu taugt, ist unbestritten. Sportlich, aber auch im Umgang mit ihrer Krankheit. „Für mich war es immer wichtig, den Leuten klarzumachen, dass jeder diese Krankheit haben kann, die eben weniger sichtbar ist als andere“, sagte sie – und nennt neben all ihrem sportlichen Ehrgeiz ein weiteres Lebensziel: „Es ist mir wichtig, dass ich durch den offenen Umgang mit meiner Krankheit anderen Menschen helfen kann.“

Bei denen das Leben nicht immer nur normal und gut läuft.