In Stuttgart gibt es viele Bars und Clubs, in denen man sich als junge Mutter noch nicht alt fühlt. Foto: Adobe Stock//santypan

Zwischen Beruf und Familie sind vor allem Mütter oft hin- und hergerissen. Die eigenen Bedürfnisse kommen gar nicht mehr vor. Warum es trotzdem lohnenswert ist, sich ein paar Stunden freizuschaufeln – und vielleicht mal wieder auszugehen.

Im vergangenen September ist Michael Endes Märchenroman „Momo“ 50 Jahre alt geworden. Doch seine Botschaft ist aktueller denn je, denn noch nie, so scheint es, war die Zeit so knapp wie heute. In dem Buch sind dafür die Grauen Herren verantwortlich. Sie rechnen den Menschen vor, wo sie Minuten und Stunden einsparen können – und was da im Laufe eines Lebens alles zusammenkommen würde, ist tatsächlich beachtlich. „Die Rechnung ist falsch und geht doch auf“, hat Michael Ende dieses Kapitel überschrieben. Denn es sind die schönen Dinge, die netten Gesten und guten Gespräche, die dann zu kurz kommen. Aber das verstehen die meisten nicht. Sie können sich nicht erklären, warum sie immer unglücklicher werden, je mehr sie versuchen, ihr Leben zu effektivieren. Und vor allem: Mehr Zeit haben sie trotzdem nicht.

 

Warum Zeit kein Luxus, sondern politisch ist

Auch die Journalistin und Autorin Teresa Bücker hat sich mit der Zeit beschäftigt. 2022 ist ihr Sachbuch „Alle_Zeit“ erschienen. „Zeitarmut treibt uns in Vereinzelung und Erschöpfung, zerstört Familien und Freundschaften“, schreibt Bücker und schlussfolgert: „Ein gutes Leben für alle kann nur gelingen, wenn wir verstehen, wie drängend Zeitgerechtigkeit ist, und endlich die Debatte darüber beginnen, wie wir Zeit neu und gerecht verteilen. Zeit ist kein Luxus, sondern durch und durch politisch.“ Denn nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft hätten in gleichem Maß die Zeit, um gegen Bezahlung zu arbeiten oder für eigene Interessen einzustehen. Gleichzeitig werde heute die meiste Zeit der Erwerbsarbeit zugestanden, und nur ökonomisch Verwertbares gelte als wertvoll. Für das Sich-Kümmern, sei es um die eigenen Kinder, um Freunde, um pflegebedürftige Angehörige oder gar um sich selbst, bleibe zu wenig Raum. Teresa Bücker fordert eine „echte Zeitpolitik“, das müsse ein Kernanliegen progressiver Diskurse und feministischer Kämpfe sein.

Denn es geht vor allem um Frauen. Noch immer stecken sie deutlich häufiger im Sinne der Familie zurück. Sie haben damit weniger Zeit, um gegen Bezahlung zu arbeiten. Und das hat Folgen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes liegt der sogenannte Gender Pay Gap derzeit bei 18 Prozent. „Die Gründe dafür sind vielfältig: So konzentrieren sich Frauen häufiger auf Berufe mit niedrigem Verdienstniveau, sie gelangen seltener in höhere Positionen, steigen öfter aus dem Erwerbsleben aus oder arbeiten vermehrt in Teilzeit“, stellt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fest.

Das ungute Gefühl, weder der Arbeit noch der Familie gerecht zu werden

Es geht aber nicht nur ums Geld. Zwischen Beruf und Familie sind vor allem Mütter oft hin- und hergerissen. Da ist ständig das ungute Gefühl, keinem der beiden Bereiche gerecht zu werden. Die eigenen Bedürfnisse kommen in den vollgestopften Tagen gar nicht mehr vor. „Doch gerade dann, wenn man Stress hat oder sich in einer anstrengenden Lebensphase befindet, sollte jeder regelmäßige Auszeiten vom Alltag einplanen“, heißt es zu diesem Thema auf dem Onlineportal der AOK. Dadurch werde man ausgeglichener, gewinne Lebensfreude und neue Einsichten – und gesund sei es auch.

Neudeutsch heißt das Me-Time, also „Ich-Zeit“. Es geht um Momente, in denen man tun und lassen kann, was man möchte. Doch in einer Leistungsgesellschaft würden solche Pausen oft als Schwäche betrachtet, heißt es bei der AOK. Vor allem Menschen, die zu Perfektionismus neigten und pflichtbewusst seien, falle es schwer, auch einmal an sich selbst zu denken. Dies betreffe insbesondere Frauen, die sich tendenziell weniger Zeit für sich nähmen als Männer.

Das schlechte Gewissen beißt. Eltern wissen, was es bedeutet, das weinende Kind in der Kita zurückzulassen, um auf Arbeit zu hetzen. In solchen Momenten fragt man sich unwillkürlich, was man da eigentlich tut. Ob es wirklich richtig ist, sein Kind in eine Betreuungseinrichtung zu geben? Oder ab welchem Alter? Und für wie viele Stunden? Und macht man das nur, weil man selbst karrieregeil ist? Und wenn man sein Kind nach einem langen Arbeitstag wieder abholt, dann soll man sich auch noch Me-Time nehmen? Oder am Wochenende, nachdem das Kind fünf Tage in der Kita war und man nur wenig voneinander hatte?

Einen Termin für 15 Minuten Entspannung?

Das Konzept Me-Time geht selten auf. Die Tipps, die dazu im Internet zu finden sind, sind meisten völlig realitätsfern. Zum Beispiel: Klein anfangen mit täglich 15 Minuten und diese in einen Kalender eintragen, damit sie verbindlicher werden. Einen Termin für eine Viertelstunde Entspannung, die dann auf Knopfdruck beginnen muss? Oder der Hinweis, dass man Grenzen setzen soll: Wenn es einem schwerfalle, zu anderen Nein zu sagen, müsse man sich klarmachen, dass „jedes Ja zu anderen ein Nein zu sich selbst bedeuten kann“. Ob das Kind oder der Chef das so nachvollziehen kann? Fast schon zynisch ist aber dieser Vorschlag: „Sie führen ein turbulentes (Familien-)Leben mit einem vollen Terminplan? Stehen Sie eine halbe bis eine Stunde früher auf als alle anderen, und nutzen Sie diese Zeit für sich.“

So funktioniert das nicht. Wie wäre es also, wenn Papa die Kinder übernimmt, während Mama einen Abend unterwegs ist? Allerdings müssen dann auch die Frauen den inneren Schweinehund überwinden und sich vom Sofa aufraffen. Es lohnt sich! Es gibt viele Bars und Clubs, in denen man sich als junge Mutter noch nicht alt fühlt. Und Locations für Eltern und Frühaufsteher, in denen das Feiern vorverlegt wurde, sodass man Mitternacht wieder zu Hause ist, sind im Kommen. Denn – zum Glück – beginnt am Morgen danach wieder der Familienalltag.