Bei der baden-württembergischen Polizei wachsen mehr Frauen nach, aber noch sind sie unterrepräsentiert. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Das Land stellte Tausende neuer Polizisten ein. Insgesamt ist bisher nicht einmal jeder Dritte eine Frau. Das soll anders werden, auch auf der Führungsebene.

Bei der Polizei in Baden-Württemberg herrscht Nachholbedarf in Sachen Gleichstellung. Eine Anfrage unserer Zeitung beim Innenministerium ergab: Nicht einmal jeder dritte Polizeibeamte im Land ist weiblich. Auf 29 Prozent beläuft sich der Frauenanteil im Polizeivollzugsdienst (Stand: 1. Januar 2022). Von 28 867 Polizisten sind 8373 weiblich.

 

In der Schutzpolizei waren zu Jahresbeginn 7143 Frauen tätig. Das sind 28,9 Prozent der 24 747 Streifenbeamten. Bei der Kriminalpolizei ist der Anteil mit 29,9 Prozent etwas höher. Allerdings gibt es nur 4120 Kriminalbeamte, darunter 1230 Frauen.

Entwicklung geht nach oben

Doch es hat sich etwas getan. Erst 2016 hatte der Frauenanteil mit 20,6 die 20-Prozent-Marke überschritten. Vor zehn Jahren lag er bei 17,2 Prozent, und der Wandel geht weiter. Innenminister Thomas Strobl (CDU) verweist gegenüber unserer Zeitung darauf: „Die Polizei Baden-Württemberg wird immer weiblicher.“ Bei den Neueinstellungen sei inzwischen fast jeder zweite Anwärter eine Frau. Im Zeitraum von 2016 bis 2021 wurden mehr als 9000 Nachwuchspolizisten eingestellt. Aktuell sind 46 Prozent der Neulinge Frauen, teilte ein Sprecher Strobls mit.

Strobl verlangt Umdenken in Richtung flexibler Arbeitszeitmodelle

„Wir haben schon viel erreicht, – zufrieden bin ich noch lange nicht“, erklärte der Minister, der sich als CDU-Landesvorsitzender schon lange die Frauenförderung auf die Fahnen geschrieben hat. Sein Ministeriumssprecher verwies darauf, dass jede Dienststelle Chancengleichheitspläne verfasse. In Qualifizierungswerkstätten sollten Frauen zu Bewerbungen ermuntert werden. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice sollen allen Beschäftigten mit familiären Aufgaben bessere Rahmenbedingungen bieten. Bisher ist die Polizei von hoher Präsenzkultur geprägt. Da sei ein Umdenken bei Mitarbeitern wie Vorgesetzten erforderlich. Strobl betont: „Dabei geht es mir nicht nur um die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch um Karriere und Familie.“

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Der Innenminister stellt den Frauen bei der Polizei Aufstiegsmöglichkeiten in Aussicht: Ein großer Teil der männlichen Führungskräfte werde in den kommenden Jahren in Pension gehen. An der Spitze der Sicherheitsbehörden im Land stehen bereits Frauen: Die Landespolizeipräsidentin ist Stefanie Hinz. Präsidentin des Landesamts für Verfassungsschutz ist Beate Bube.

SPD warnt vor Teilzeitfalle

Dem SPD-Innenexperten Sascha Binder ist das zu wenig. Er sagte unserer Zeitung: „Es gibt im Land zwölf Polizeipräsidenten und nur eine Polizeipräsidentin. Die Führung der Polizei muss weiblicher werden.“ Der Aufstieg in der Polizei müsse mit dem Familienleben vereinbar sein. Das setze unter anderem flexible Arbeitszeit- und Fortbildungsmodelle voraus. Binder verweist darauf, dass Frauen bei der Polizei durchschnittlich schlechter als Männer beurteilt würden. Er verlangt: „Eine Teilzeitbeschäftigung darf nicht schon von vornherein zu einer schlechteren Beurteilung führen.“

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Julia Goll (FDP) bewertet die Entwicklung des Frauenanteils positiv, sie sieht aber Luft nach oben: „Wir müssen das Berufsfeld für Frauen attraktiver und zugänglicher machen.“ Ausdrücklich lobt Goll, dass ab 1. September die Ausbildung für den mittleren Polizeidienst auch in Teilzeit möglich sein soll. „Die Änderung kommt natürlich auch und insbesondere Frauen zugute.“

Petra Häffner, die Polizeiexpertin der Grünen, sagt: „Wir haben den richtigen Weg eingeschlagen. Mit 29 Prozent sind wir aber noch nicht am Ziel.“ Kinder und Teilzeit dürften auf dem Weg zu Führungspositionen „keine Stolpersteine sein“.

Kindergarten an der Polizeihochschule

Christian Gehring, der Polizeiexperte der CDU, lobt: „Erfolgreich haben wir in den letzten Jahren viel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Polizei getan.“ Als ein Beispiel führt er die Kita auf dem Gelände der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen an, die Plätze für Kinder von Hochschülern und Mitarbeitern freihält.