Simon Vouet, Kunstmaler des Barocks, hat diese Zeichnung eines Mannes angefertigt. Foto: Stoppel

Auf den Spuren der Meister, von Jean-Antoine Watteau bis Jacques Bellange: Die Galerie Stihl in Waiblingen zeigt von Samstag an Höhepunkte der französischen Zeichenkunst aus der Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die kostbaren Exponate stammen von Meistern des Manierismus, des Barocks und Rokokos.

Waiblingen - Ein Galopp durch drei Jahrhunderte französische Kunstgeschichte – so beschreibt die Galerie-Leiterin Anja Gerdemann die Ausstellung „Eleganz & Poesie“, die am Freitagabend in der Galerie Stihl Waiblingen eröffnet. Klingt irgendwie hektisch, tatsächlich aber sollten Besucher für die meist nicht sehr großen, filigranen Arbeiten, die als Höhepunkte der französischen Zeichenkunst gelten, etwas Zeit mitbringen. Zeit, um genau hinzuschauen – in der Ausstellung stehen dafür extra Lupen bereit.

„Man entdeckt sehr viel, wenn man nah rangeht“, sagt Anja Gerdemann über die 73 gezeigten Werke, die von 48 Künstlern stammen, Künstlerinnen sucht man vergeblich, was auch damit zu tun hat, dass an der seit 1648 bestehenden Akademie für Malerei und Skulptur zunächst nur Männer aufgenommen wurden. Vor der Akademiegründung wurden Kunstschüler in Ateliers und Werkstätten ausgebildet – als Maler, Bildhauer oder Silberschmiede. Die Zeichnung galt damals nicht als eigenständige, vollwertige Kunstform, sie war gewissermaßen Mittel zum Zweck, die Vorstufe eines Gemäldes, einer Skulptur oder eines Objekts, die der jeweilige Erschaffer zu Papier gebracht hatte – sei es mit dem Bleigriffel, einem Federkiel oder mit Rötelkreide. Erst ab dem 18. Jahrhundert gab es dann Künstler, welche die Zeichnung als selbstständiges Kunstwerk betrachteten.

Tuschezeichnung gleicht historischem Foto

Ein Beispiel für einen Entwurf ist Étienne Delaunes schwarze Federzeichnung aus den 1560er-Jahren. Sie zeigt bis ins kleinste Detail die biblische Szene, in der Moses das Meer teilt, um die Israeliten vor den Ägyptern in Sicherheit zu bringen. Die kunstvolle Zeichnung aus dem 16. Jahrhundert war eigentlich lediglich die Skizze für eine silberne Platte. „Ob diese jemals entstanden ist, weiß keiner“, sagt Anja Gerdemann. Delaunes Zeichnung gehört mit zu den ältesten in der Ausstellung, von Jean-Jacques de Boissieu stammen die jüngsten. Seine Tuschepinselzeichnung aus dem Jahr 1766, die Bauernhäuser über einem Felsabhang zeigt, ist so realistisch gezeichnet, dass sie auf den ersten Blick wie eine historische Fotografie in Schwarz-Weiß wirkt.

Die Beleuchtungsstärke, bei der die sehr kostbaren Exponate gezeigt werden dürfen, liegt bei maximal 50 Lux, was in etwa dem schummrigen Licht in einem Wohnzimmer entspricht. Die Zeichnungen stammen aus dem Fundus des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, wo die Ausstellung im vergangenen Jahr zu sehen war. „Wir haben die Grundkonzeption übernommen, die Ausstellung aber angepasst und andere Schwerpunkte gesetzt“, erklärt Anja Gerdemann.

Perspektive als Herausforderung

Einer davon ist die Akademie für Malerei und Skulptur und deren Schüler, weiteres Augenmerk richtet die Ausstellung auf die ersten Sammler, auf Themen wie Landschaften, Porträts, Religion und Perspektive. Letztere sei eine große Herausforderung, gerade bei den Deckengemälden, erläutert Anja Gerdemann. Schließlich sollten die Proportionen der Figuren, die auf Decken und Gewölbe gemalt wurden, für den Betrachter einige Meter weiter unten stimmig aussehen. Das bedeutete aber für die Künstler, dass sie diese aufgrund der räumlichen Gegebenheiten etwas verzerrt darstellen mussten. In der Ausstellung kann man das deutlich auf einigen Entwurfszeichnungen erkennen.

Für Christine Lutz, die Leiterin der Kunstschule, ist die Ausstellung „eine Kur für das Sehen“ – das Kontrastprogramm zum schnellen Handyfoto. Sie ist sich sicher, dass sich auch junge Besucher im Zuge der Kunstvermittlung für die Zeichnungen begeistern lassen. In Workshops können sie dann selbst loslegen: Rötelzeichnen, Schwarzmalen und mehr.

Das Rahmenprogramm

Ausstellung:
„Eleganz & Poesie“ eröffnet am 11. Oktober, 18 Uhr, mit einer Vernissage und läuft bis zum 6. Januar in der Galerie Stihl. Sie ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet.

Führungen:
Jeden Donnerstag gibt es ab 18 Uhr After-Work-Führungen, sonn- und feiertags finden um 11.30 und 15 Uhr Führungen statt. Exklusiven EInblick gewähren zwei Kuratorenführungen am 7. November und 5. Dezember, Beginn ist um 18 Uhr. Am 14. November bietet die Galerie von 15 Uhr an eine Tour in einfacher Sprache an. Familien sind am 20. Oktober, 17. November und 8. Dezember besonders willkommen, los geht es um 16 Uhr.

Kunstvermittlung:
Zeichnen lernen – kein Problem! Die Kunstschule bietet Kurse für Kinder und Jugendliche am 26. Oktober an, für Jugendliche und Erwachsene gibt es den Kurs „Zeichnung Zeichnen“ am 9. und 10. November, bei dem Zeichnungen mit dem Beamer großgezogen und dann auf Papier mit Kohle, Ölkreide, Blei- oder Buntstift erarbeitet werden.

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