Professor Volker Schwieger will Geisterfahrer aus dem Verkehr ziehen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Geisterfahrer verursachen rund 2000 Verkehrsunfälle mit 20 Toten pro Jahr in Deutschland. Volker Schwieger von der Uni Stuttgart forscht mit Kollegen aus München an einem Frühwarnsystem.

Stuttgart - Herr Schwieger, mit Ihrem Projekt Ghosthunter (Geisterjäger) wollen Sie Geisterfahrer rechtzeitig aufhalten. Hatten Sie selbst schon eine Begegnung mit einem Falschfahrer?
Glücklicherweise nicht. Ich achte aber inzwischen mehr darauf, und mir fällt schon auf, dass im Radio sehr häufig Geisterfahrermeldungen durchgegeben werden.
Das liegt vielleicht auch daran, dass unter den Radiowarnungen viele Falschmeldungen sind, weil sie ungeprüft an die Hörer weitergegeben werden. Schließlich geht es um Schnelligkeit.
Das birgt aber auch die Gefahr, dass man irgendwann nicht mehr auf diese Warnungen reagiert, weil man denkt, es ist immer eine Falschmeldung.
Wieso ist Ghosthunter besser?
Der Vorteil ist, dass wir gar keine Infrastruktur brauchen. Es ist alles im Auto. Schilder und so weiter müssen erhalten werden, das wäre alles bei unserer Technik nicht nötig. Wir installieren prototyphaft ein Frühwarnsystem für den Fahrer. Ghosthunter erkennt, ob der Fahrer richtig oder falsch fährt, und warnt ihn rechtzeitig.
Wie sieht diese Warnung aus?
Das wissen wir noch nicht ganz genau. Was ich mir am besten vorstellen kann, ist eine Anzeige auf dem Bildschirm. Es könnte auch noch eine Ansage dazukommen.
Wann wird der Geisterfahrer gewarnt?
Das Ziel muss sein, dass er gewarnt wird, bevor er zum Geisterfahrer wird, also an der Autobahnauffahrt. Wenn er auf der Autobahn ist, ist es schon zu spät, beziehungsweise wird er es dann schon selbst merken. Da gibt es ja den dummen Spruch: „Ein Geisterfahrer? Das sind doch ganz viele.“ Das sollte einem dann schon zu denken geben.
Können Sie mit Ghosthunter auch Geisterfahrer aufhalten, die mit Suizidabsicht bewusst einen Unfall provozieren?
Erst seit ich mit diesem Projekt befasst bin, habe ich gelernt, dass es Menschen gibt, die bewusst zu Geisterfahrern werden. Im Rahmen dieses Projektes ist ein tatsächlicher Eingriff ins Auto nicht vorgesehen. Wenn das Projekt realisiert werden würde, überlegt sich die dann entwickelnde Firma vielleicht, ob sie nicht doch einen Eingriff in das Auto mit einbaut. Technisch wäre es machbar, aber dazu müssten auch die rechtlichen Bedingungen geklärt werden.
Hilft es auch den anderen Autofahrern auf der betroffenen Strecke?
Von 2018 an sollen automatische Unfallmelder – E-Call genannt – in allen neuen Autos installiert werden. Das heißt, wenn ein Unfall passiert, gibt es über Satellit eine Information an eine Zentrale. Und wenn sich der Fahrer beispielsweise nicht mehr bewegen kann, wird automatisch ein Notarzt hingeschickt. Unser Gedanke ist nun, dieses System zu nutzen. In dem Moment, in dem wir einen Falschfahrer erkennen, wird automatisch die Information weitergegeben. Damit wären die anderen Autofahrer gewarnt. Das ist so weit auch noch unkritisch.
Wann wird es kritisch?
Eigentlich wollen wir vermeiden, dass es eine Warnung zum Beispiel für ganz Süddeutschland gibt. Es interessiert einen Fahrer ja nur, wenn der Geisterfahrer auf seiner Strecke ist.
Aber wie kriegt man heraus, wer auf dieser Strecke fährt?
Das erfahre ich nur, wenn ich weiß, wer auf welcher Position ist. Für diesen Fall könnte man E-Call nutzen. Die Information wäre da, aber sie darf nicht immer weitergegeben werden. Das ist Datenschutz. Da liegt das Spannungsfeld. Deshalb arbeiten wir mit einer Firma zusammen, die untersuchen soll, wie man das datenschutzrechtlich in den Griff kriegt. Das Ziel ist aber, dass sowohl der Fahrer als auch die Betroffenen auf der Strecke gewarnt werden.
Aber damit wird eine totale Überwachung der Autos möglich.
Schon wenn wir E-Call haben, könnte man alle Autos dieser Welt sehen. Da wird die GPS-Position eines Autos ja ausgesandt. Das macht man aber nur in bestimmten Fällen. Aber es wäre prinzipiell tatsächlich möglich, die Positionen aller Autos zu sehen. Ich hoffe, dass man das nie tut. Denn dann ist man wirklich komplett überwacht. Aber das haben wir ja schon beim Mobilfunk. Die Möglichkeit, überwacht zu werden, ist schon längst da. Man kann nur hoffen, dass die ­entscheidenden Leute sich fair und richtig verhalten.
Machen Sie sich darüber Gedanken, ob man Ihr System missbrauchen könnte?
Ich bin Techniker. Ich finde es spannend herauszufinden, ob etwas funktioniert. Wenn ich mit meinem System erreiche, dass Geisterfahrer aufgehalten werden, dann bin ich zufrieden. Damit kann ich den Leuten helfen. Bei der Einführung der Eisenbahn hatte das auch Nachteile für manche. Das ist zwar keine Rechtfertigung für alles, aber man kann deswegen den technischen Fortschritt nicht aufhalten.
Wie funktioniert Ihr System?
Ich erkläre es am Beispiel eines Navigationssystems. Da ist eine Karte drin, und irgendwo ist ein GPS-Empfänger, der die Position bestimmt. Die Genauigkeit des GPS-Empfängers liegt beim Navigationssystem bei ­etwa fünf bis zehn Metern. Diese Position muss dann auf die Karte übertragen werden, um zu navigieren. Das sind auch die beiden Komponenten, mit denen wir uns beschäftigen. Wir kümmern uns mehr um die digitale Karte, unsere Kollegen in München um das satellitengestützte Verfahren. Wir brauchen allerdings genauere Ergebnisse als die bisherigen Systeme. Die Position des Autos müssen wir bis auf ungefähr einen Meter bestimmen können. Unsere Aufgabe wird dann noch sein, die Satellitenpositionierung mit der Karte zu verbinden.
Denken Sie, dass Ghosthunter ein Erfolg wird?
Forschung ist immer unsicher. Wäre das nicht so, könnte man es einfach einer Firma übergeben, die es umsetzt. Ich bin aber optimistisch, dass es funktioniert. Ob eine Firma das System dann tatsächlich umsetzt, ist eine andere Frage. Das ist natürlich das Ziel. Neben anderen forscht auch die Firma Bosch an diesem Thema. Es geht am Ende darum, welches System sich durchsetzt.
Sind Sie dann überhaupt noch in die weitere Entwicklung des Systems eingebunden?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten, die wir noch nicht entschieden haben. Wir könnten ein Nachfolgeprojekt machen, das die ­Entwicklung eines Prototyps zur Aufgabe hätte. Oder man übergibt das Projekt an eine Firma, dann wäre man aber als Universität noch daran beteiligt. Wenn die Entwicklungsarbeit abgeschlossen ist, würde ich das System den Firmen überlassen.
Wann könnte Ghosthunter aktiv werden?
Ich denke, 2020 wäre es technisch machbar. Was rechtlich machbar ist, entzieht sich ­meiner Kenntnis.
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