Alle strahlen sie bei Red Bull nach dem unerwarteten Triumph beim Großen Preis von Kanada, nur Sebastian Vettel ist nicht rundum glücklich – und bezeichnet sein Auto als „Gurke“.

Melbourne - So hatte sich Sebastian Vettel das nicht vorgestellt. Wirklich nicht. Da hatten die sonst so überlegenen Mercedes-Silberpfeile ernsthafte technische Probleme, doch dann war es nicht der Weltmeister aus Heppenheim, der daraus Kapital schlug. Es war nicht der Vierfach-Champion, der diese für die Szene wichtige Duftmarke setze; es war der Teamkollege. Daniel Ricciardo war der erste Fahrer der laufenden Saison, der im Rennen einen Silberpfeil besiegen konnte – Nico Rosberg war wegen einer überhitzen Hybrideinheit angeschlagen unterwegs gewesen. Irgendwie konnte es der 24 Jahre alte Strahlemann aus Australien selbst nicht glauben, dass ausgerechnet er der Triumphator von Montreal war. „Das ist surreal, das ist cool“, sagte er, „ich brauche wohl noch eine Weile, bis das alles in meinem Kopf angekommen ist.“

Sebastian Vettel, zwei Jahre älter sowie um vier WM-Titel und 38 Grand-Prix-Erfolge erfahrener, hatte da längst begriffen, dass er eine ganz besondere Chance verpasst hatte. Und den geballten Ärger darüber packte er auch in Worte: „Dass mit unserer Gurke auf der Gerade nichts geht, ist einfach frustrierend.“ Auch war keinem ein Strategiekniff eingefallen, wie man den 26-Jährigen schneller nach vorn hätte bugsieren können.

Doch immerhin war Daniel Ricciardo mit derselben Red-Bull-Gurke bis nach ganz vorn gekommen; und in der WM-Wertung liegt der junge Mann aus Perth mit 79 Punkten auf Platz drei, Vettel ist mit 19 Zählern weniger lediglich Fünfter. Der Kronprinz greift den Champion an – erste Indizien für einen Führungswechsel bei Red Bull?

Ganz so schnell wird aus eine großen Talent aber kein großer Formel-1-Star. Helmut Marko, Vettels Förderer und Motorsportberater beim Brause-Rennstall, bemüht sich um eine rationale Sicht der Dinge. Die ist durchaus nachvollziehbar. „Was das Bild verzerrt, ist vor allem auf technische Probleme zurückzuführen“, betont der Österreicher, „Vettel hatte bislang nur ein Rennen, das für ihn problemlos lief – und da, in Malaysia, ist er vor dem Teamkollegen ins Ziel gekommen. Generell sind beide Fahrer auf sehr hohem Niveau und auf Augenhöhe – aber wenn die Technik nicht mitspielt, kann man nicht die Resultate einbringen.“ Noch eine Komponente macht es Ricciardo einfacher, den Weltmeister zu ärgern. Es war einfacher für den Aussie, sich an ein neues Auto zu gewöhnen als für Sebastian Vettel die Umstellung vom V8-Sauger auf den V6-Turbo zu bewältigen. „Die fahrerische Komponente ist in den Hintergrund getreten, was Sebastian gestört hat“, sagt Helmut Marko.

Dennoch dürfen Markos Worte als Ritterschlag für den Kanada-Sieger gewertet werden. Er befindet sich demnach auf Augenhöhe mit Vettel; das hätten nicht viele Experten und Fans vor dieser Saison erwartet. „Viele Leute hatten sich gewundert, als wir ihm den Zuschlag für das Red-Bull-Stammcockpit gegeben haben“, sagt Teamchef Christian Horner, „er hat gezeigt, dass er dieses Vertrauen voll und ganz verdiente.“

Denn Red Bull hatte den Australier an seine Aufgabe in der Formel 1 herangeführt. Mit 18 Jahren war der junge Daniel nach Italien, ins Land seiner Ahnen, gezogen, um in Europa sein Glück zu versuchen. 2008 war den Scouts des Getränkeimperiums ein Kerl aufgefallen, der im Renault Western Europe Cup Kreise um die Gegner drehte. In einer zweitägigen Auswahl setzte sich Ricciardo gegen 19 Burschen durch und wurde ins Red-Bull-Förderprogramm aufgenommen. Es war die letzte Chance auf dem Weg, Profi zu werden – seine Familie hätte sich weitere Ausgaben nicht mehr leisten können. „Ohne Hilfe hätte er wenig Möglichkeiten gehabt, die Karriere voranzutreiben“, sagt Horner. 2009 wurde Ricciardo Meister der britischen Formel 3, 2010 Vizemeister der Formel Renault, 2011 brachte Marko seinen Schützling im Formel-1-Team HRT unter, 2012 wurde der Aussie Toro-Ross-Fahrer. „Wir sind sehr stolz auf ihn“, lobt Helmut Marko, „es war die richtige Entscheidung, auf einen jungen, unerfahrenen Mann zu setzen. Dieses Ergebnis zeigt, dass alles richtig war.“ Ähnliche Worte sagte der 71-Jährige nach Vettels erstem Sieg für Red Bull am 19. April 2009 in China. Kronprinz Daniel könnte eine Bedrohung für König Sebastian werden. Bald schon.

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