Nico Rosberg (re.) hat mit seinem Sieg in Brasilien den Rückstand auf Lewis Hamilton im WM-Wettrennen verkürzt Foto: Getty

Nico Rosberg schlägt im Kampf um den Formel-1-Titel zurück und schöpft neue Hoffnung. Der gebürtige Wiesbadener triumphiert beim Grand Prix von Brasilien und setzt seinen Teamrivalen Lewis Hamilton vor dem Finale in Abu Dhabi ein wenig mehr unter Druck. Nun beginnen die Psychospielchen.

SAo Paulo - Endlich konnte Nico Rosberg wieder strahlen. Der Silberpfeil-Pilot hüpfte nach seiner überzeugenden Vorstellung vor Freude und Erleichterung in die Luft, er feierte den hart umkämpften Sieg beim Großen Preis von Brasilien mit einem kräftigen Schluck Champagner. In São Paulo hatte er seinen heftig attackierenden Rivalen Lewis Hamilton auf der Strecke auf Distanz gehalten und mit dem Erfolg seinen Rückstand im Gesamtklassement von 24 auf 17 Punkte reduziert. „Ich bin sehr glücklich mit dem gesamten Wochenende. Ich habe mich sehr wohlgefühlt und konnte angreifen. So kann es weiter gehen“, jubelte der gebürtige Wiesbadener. „Nico ist ein fantastisches Rennen gefahren, ich habe gepusht bis zum Ende“, meinte sein Gegenspieler fair und artig: „Alles läuft aufs letzte Rennen hinaus.“

Sollte Rosberg beim Saisonfinale am 23. November in Abu Dhabi – wo doppelte Punkte vergeben werden – erneut triumphieren und Hamilton nicht über Rang drei hinauskommen, würde Nico Rosberg 32 Jahre nach seinem Vater Keke den Thron in der Königsklasse besteigen. Doch der Brite hält auch nach dem kleinen Rückschlag von São Paulo die Trümpfe in seiner Hand: Mit einem zweiten Platz hätte er den zweiten Titel nach 2008 sicher. Für Nico Rosberg zählt das Prinzip Hoffnung bis zur Zielflagge in der arabischen Wüste. „Die Regel mit den doppelten Punkten finde ich noch immer künstlich“, sagte er, „eigentlich schmeckt sie mir nicht, nun kommt sie mir aber entgegen.“

Die Mercedes-Piloten hatten sich nichts geschenkt in Brasilien. Das Silberpfeil-Duo setzte sich schnell vom Feld ab und lieferte sich das hinlänglich bekannte Privatduell – Hamilton machte Druck, Rosberg verteidigte seine Spitzenposition. In Runde 29 leistete sich der Engländer den wohl rennentscheidenden Patzer: Als Rosberg beim Boxenstopp stand, riskierte er zu viel und rutschte von der Piste. „Dieser Dreher hat mich den Sieg gekostet“, räumte der 29-Jährige ein, „sonst hätte ich den nötigen Vorsprung herausgefahren.“ Rosberg allerdings sah das anders. „Ich hätte auch ohne Lewis’ Dreher gewonnen“, betonte er, „ich habe das ­Rennen kontrolliert.“

Damit ist der Psychokrieg bis zum Saisonfinale eröffnet – keiner der beiden Kontrahenten wird bis dahin dem anderen die geringste Schwäche offenbaren, wird nicht den geringsten Zweifel am eigenen Triumph äußern. Bis zum Rennen in Abu Dhabi werden Rosberg und Hamilton Selbstvertrauen demonstrieren, das bis zum Mond reicht und wieder zurück. Rosberg gab schon in Brasilien eine Kostprobe. In Austin war er vor einer Woche noch von Hamilton ausgetrickst und überholt worden. „Ich habe von der Situation gelernt“, sagte der Deutsche, „damals habe ich es versäumt, mich richtig zu verteidigen – heute ist mir dies gelungen.“ Toto Wolff rechnet fest mit solchen und ähnlichen Psychotricks zwischen seinen beiden Rennfahrern. „Es knistert zwischen den beiden gehörig, das war schon heute so, und das wird bis Abu Dhabi sicher noch zunehmen“, sagte der Motorsportchef. Auch Rennstall-Aufsichtsratschef Niki Lauda ist überzeugt, dass Rosberg wieder richtig angreift. „Er ist wieder voll aufmunitioniert“, sagte der Österreicher, „er wird unglaublich motiviert nach Abu Dhabi kommen.“

Nur vor einer unberechenbaren Sache ängstigen sich Rosberg und Hamilton – vor einem Defekt und einem damit verbundenen Ausfall. Dass es dazu nicht kommt, dafür wollen die Teamverantwortlichen alles Menschenmögliche tun. Wolff versprach, dass sämtliche Teile der beiden Silberpfeile „doppelt gecheckt“ werden, um einen Fehler zu vermeiden. „Defekte vollkommen ausschließen kann man natürlich nicht“, bemerkte Lauda, „aber wir setzen alles daran, dass die Weltmeisterschaft auf der Rennstrecke entschieden wird.“ Das ist ganz im Sinne der Formel-1-Fans und vor allem der beiden Mercedes-Fahrer.