Daniel Ricciardo in Sotschi in einem Spaß-Match im Tischtennis gegen Aston-Martin-Fahrer Sebastian Vettel. Foto: imago/HochZwei

Daniel Ricciardo war bei Red Bull auf aufgehender Stern, der in den zwei Jahren bei Renault wieder versank. Als McLaren-Pilot glaubt der Australier, eine WM-Chance zu haben.

Stuttgart/Sotschi - Man darf schon aufgewühlt sein, wenn man etwas erreicht hat, das niemand erwartete und was zudem etwas Besonderes darstellt. So ging es Daniel Ricciardo nach dem Grand-Prix-Sieg vor knapp 14 Tagen in Monza. Der war der erste seit 2012 in Brasilien für McLaren, damals saß Jenson Button im Cockpit. Der Triumph war deshalb ein außergewöhnlicher, weil so fast alle Experten im Vorfeld mit einem Gewinner namens Lewis Hamilton oder Max Verstappen gerechnet hatten.

 

Es waren zwei Dinge, die Ricciardo Glückshormone in hoher Dosis durch den Körper schießen ließen. Es war die Fahrt im Nascar-Boliden von seinem Idol Dale Earnhardt, die ihm Geschäftsführer Zak Brown als Prämie versprochen hatte. Noch mehr berührte es den Australier, dass sein Siegerpokal bald in einer Vitrine mit den Trophäen von Ayrton Senna steht – die Formel-1-Legende holte drei WM-Titel und 35 Rennsiege im McLaren. „Wenn ich an McLaren denke, denke ich an Senna“, sagte Ricciardo, „ich sehe die Pokale in der Fabrik, dass ich jetzt einen Siegerpokal mit meinem Namen im gleichen Schrank stehen habe, ist verrückt.“

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Der Honigdachs, wie der Rennfahrer genannt wird, weil er fast immer ein Lachen auf den Lippen trägt, hat sich zurückgemeldet in der Beletage des Podiums. Wobei sein Lachen in der Vergangenheit nicht stets porentief rein gewesen ist, sondern vermengt mit Zweifeln und Unsicherheit, ob der eingeschlagene Weg zum Ziel führt. Er wolle Weltmeister werden, sagte Ricciardo als Red-Bull-Fahrer 2016, „ideal wäre es, wenn es passiert, bevor ich 30 bin“. Nun ist er 32, Ziel verfehlt. Bei Red Bull setzten die Bosse auf Max Verstappen als künftigen Champion, der Aussie flüchtete 2019 zu Renault, kam in zwei Jahren nicht über zwei dritte Plätze hinaus. So strichen die Experten seinen Namen von der Liste, auf der sie potenzielle Weltmeister notieren.

Als Ricciardo in Österreich 2020 „irgendwo auf Platz 14“ herumgurkte, dachte er: „Ich muss zurück nach vorn. Das ist nicht der Platz, wo ich sein soll.“ Am Jahresende sagte der zweimalige WM-Dritte (2014, 2016) au revoir und schloss sich McLaren an, dem Team, das 2020 in der Konstrukteurs-WM hinter Mercedes und Red Bull gelandet war. Womöglich die letzte Chance für Daniel Ricciardo beim Griff nach dem WM-Stern.

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Nach schwierigem Start, er hatte gegen Teamkollege Lando Norris meist das Nachsehen, scheint es „klick“ gemacht zu haben. „Ich habe das Gefühl, dass er den Weg gefunden hat“, meint Ex-Rennfahrer Marc Surer. „Er ist der Spätbremser in Person. Es gibt keinen anderen, der mit zwei Autolängen Abstand jemanden ausbremsen kann – offensichtlich hat der McLaren das nicht vertragen.“ Das Auto wurde wegen des Fahrstils instabil, weil sich der negativ auf die Aerodynamik auswirkte. Der Schweizer glaubt, dass sich der McLaren-Pilot in der Sommerpause Nachhilfeunterricht erteilt hat. Ricciardo wisse nun, wie er fahren muss, um das Maximum aus dem Auto herauszukitzeln. Indirekt bestätigt der Australier die These. „Seit ich zu McLaren kam, fiel es mir nicht leicht, mich dem Rennwagen anzupassen“, sagte Ricciardo nach Monza, „dieser Sieg ist das Ergebnis von sehr viel harter Arbeit aller Beteiligten.“ Surer hat Ricciardo wieder auf seiner Liste der möglichen Weltmeister für die Zukunft, von 2022 an gilt ein neues technisches Reglement, die Autos werden sich stark verändern. „Wenn sie mit der neuen Aerodynamik nicht einen Bock schießen, würde ich sagen: McLaren dürfte vorn dabei sein“, vermutet der 70-Jährige.

Teamchef Andreas Seidl mahnt zu Geduld

Ganz so euphorisch ist Andreas Seidl nicht. Der McLaren-Teamchef gilt nicht als Dampfplauderer, der Prognosen schmettert, sondern als konzentrierter Arbeiter. „Wir müssen die Kirche im Dorf lassen“, mahnte der Passauer nach dem Doppelsieg, „denn in der Woche zuvor in Zandvoort wurden wir total zerstört. Wir müssen hart arbeiten, um wieder in die Situation von Monza zu kommen.“ In den Niederlanden landeten die McLaren-Piloten auf den Positionen zehn und elf. Für den Großen Preis von Russland an diesem Sonntag (14 Uhr) hält der 45 Jahre alte Bayer den Ball entsprechend flach. „Sotschi ist ein Powerkurs, bietet wenig Überholmöglichkeiten“, sagt Seidl, „wir müssen es schaffen, Daniel und Lando in der Startaufstellung möglichst weit vorn zu platzieren.“

McLaren-Boss Zak Brown plant, spätestens 2024 um den Titel mitzukämpfen. Mit dem Zeitplan kann sich Ricciardo anfreunden – auch wenn sein Vertrag nur bis 2023 läuft. Der Optimismus ist zurück, der Tatendrang brennt, der Honigdachs hat wieder ein porentief reines Lachen. Der Australier will bei McLaren „in den nächsten Jahren dort weitermachen, wo ich bin, und mich in eine gute Position für 2024 bringen“. Dann ist er 35, und wenn er dann Weltmeister wird, dürfte ihm sein Alter ziemlich egal sein.