Blick in den Eglosheimer Fairteiler an einem Freitagmittag. Diese Fülle ist keine Ausnahme – und nicht lange, dann ist fast alles vergriffen. Foto: Ulrich Bauer

Obst, Gemüse, Brot oder Käse: Im ersten Fairteiler in Ludwigsburg gibt es kein Lebensmittel, das es nicht gibt – und das für umsonst. Oft sind die Sachen nicht mehr ganz taufrisch, trotzdem gehen sie weg wie warme Semmeln. Das ist einerseits erfreulich, andererseits auch bedenklich.

Der Zucchini sieht man ihr Alter an, sie ist etwas verschrumpelt. Der dezente Stich ins Hellgrüne beim Brokkoli lässt darauf schließen, dass auch er nicht mehr ganz frisch ist. Ebenso wie die Paprika, die sanfte Falten wirft. Der Mann, der das Gemüse auslädt, auch er in fortgeschrittenem Alter, strahlt dennoch eine große Zufriedenheit aus. Er weiß: Seine Ausbeute kann sich sehen lassen. Und vor allem: Es wird nicht lange dauern, bis sie vergriffen ist.

 

Reinheit muss sein

Der Mann, der voll bepackt vor dem evangelischen Gemeindehaus in Eglosheim steht, heißt Ulrich Bauer. Er ist 66 Jahre, IT-Fachmann im Ruhestand, grüner Gemeinderat und Initiator des Fairteilers in Eglosheim. Fairteiler sind Regale und Schränke, in denen überschüssige Lebensmittel deponiert werden und aus denen sich jedermann bedienen kann – kostenlos. Der Fairteiler am Gemeindehaus ist der erste in Ludwigsburg. Und so erfreulich seine Existenz ist, so betrüblich ist sie zugleich. Und das nicht, weil Bauer ihn dreimal die Woche putzen muss.

Die Zucchini, den Brokkoli, die Paprika und all das andere Gemüse, das Ulrich Bauer an diesem Tag in den Fairteiler räumt, hat er vom Wochenmarkt geholt. Die Händler sind froh, wenn sie einen Abnehmer für die unverkäuflich gewordene Ware finden. Ulrich Bauer klappert auch Supermärkte ab und Discounter und Bäcker. Er hat, wenn man so will, einen festen Lieferantenstamm und eine feste Route. Ein- bis zweimal pro Woche ist er unterwegs. Wie man das eben macht als Foodsaver, der Ulrich Bauer offiziell ist.

Anspruchsvolles Ehrenamt

Foodsaver, das klingt nach einem gemütlichen Ehrenamt: durch die Gegend fahren und Lebensmittel einsammeln. Doch so gemütlich ist das nicht. Für Foodsaver gibt es eine klare Stellenbeschreibung, sie richten sich nach den Wünschen der Händler: Holen die Waren also frühmorgens, spätabends oder mitten am Tag ab – Hauptsache, der betriebliche Ablauf ist nicht gestört. Und sie garantieren eine hundertprozentige Abholquote: Ware zurücklassen, nur weil der Fahrradanhänger übervoll ist, geht gar nicht. Außerdem, sehr wichtig, sie sortieren zuverlässig aus in genießbare Produkte und nicht mehr genießbare. Salmonellen oder andere Fiesheiten auf den Plan rufen, weil verdorbenes Fleisch in den Fairteiler geräumt wurde, ist nicht angesagt.

Ein Anblick fast wie an der Frischetheke

Zu Bauers Errungenschaften vom Wochenmarkt zählte auch ein Kistchen mit Birnen. Doch in ihrem Zustand taugten sie auch geschenkt nicht mehr für den allgemeinen Verzehr. Bauer hat Mus aus ihnen gemacht, das er nun an Freunde und Bekannte verschenkt. „Hauptsache gerettet“, sagt er. Auf diese Weise ist er auch schon zu Erdbeerkonfitüre in rauen Mengen gekommen oder an Burrata-Käse, dessen Verbrauchsdatum überschritten war.

Und trotzdem landet noch immer genug im Fairteiler, in dem es zeitweise aussieht wie an einer Frischetheke. „Manchmal ist es echt erschreckend“, sagt Ulrich Bauer, der den Fairteiler mit rund zehn weiteren Kollegen bestückt – die allesamt im Namen von Foodsharing unterwegs sind. Das Ziel des Kölner Vereins ist die Rettung möglichst vieler Lebensmittel vor der Tonne. Rund elf Millionen Tonnen werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland pro Jahr entsorgt.

Und das meint nicht nur ungenießbare Teile wie Nussschalen oder Knochen, sondern auch viel zu viele noch essbare Lebensmittel. Allein frisches Obst und Gemüse macht 35 Prozent der Abfälle aus. Und das meint vor allem, dass sehr viel Fläche, Wasser und Energie umsonst verbraucht werden. Dass also Ressourcen verschwendet werden, die ohnehin immer knapper werden. Seit zehn Jahren gibt es den Verein, in dessen Namen rund 115 000 Foodsaver in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz im Einsatz sind und Hunderte von Fairteilern füllen – nun auch einen in Ludwigsburg.

Unscheinbarer Standort

Wenn man um den Standort nicht weiß, ist der Eglosheimer Schrank schnell übersehen. Fast verborgen steht er unter einer Treppe an der linken Wand des Gemeindehauses. Seit Kurzem gehört sogar ein Kühlschrank zum Konzept. Und dennoch: Der Fairteiler ist bestens bekannt. Nicht erst seit er vom Verein und der Stadt Ludwigsburg im Internet beworben wird.

Auch das ist erfreulich und betrüblich zugleich. Erfreulich, weil so die Verschwendung tatsächlich minimiert wird. Betrüblich, weil die Nachfrage auch die Not spiegelt. Steigende Preise, überrannte Tafelläden, immer mehr bedürftige Menschen – da ist ein Fairteiler, zu dem es keine Zugangsvoraussetzung gibt, sehr willkommen. „Alle dürfen das Essen mitnehmen und essen“, erklärt die Stadt Ludwigsburg auf ihrer Homepage.

Zwei weitere Stationen in Planung

Zwar hat sich Deutschland vorgenommen, die Lebensmittelverschwendung zu halbieren – dass dies bis 2030, so das Ziel, tatsächlich gelingt, erscheint Experten allerdings unwahrscheinlich. In Ludwigsburg sind laut Ulrich Bauer zumindest erst mal zwei weitere Fairteiler in Planung.

Wobei es durchaus schon mal vorgekommen ist, dass der Foodsaver mit leeren Taschen abrücken musste, weil ein Betrieb nichts übrig hatte. Denen sei das dann ganz arg, sagt Ulrich Bauer, den das gar nicht betrübt. „Da wurde gut gewirtschaftet“, sagt er. Und genau so soll es ja sein.

Wo es die Lebensmittel gibt

Foodsaver
Ein Foodsaver, der für den Verein Foodsharing im Einsatz ist, muss bei diesem eine „kurze, aber sehr intensive“ Ausbildung absolvieren. Eigenen Angaben zufolge hat der Verein in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol in den vergangenen zehn Jahren rund 80 Millionen Kilo Lebensmittel vor der Tonne gerettet. Mehr als 11 000 Betriebe kooperieren mit dem Verein, der wiederum mit den Tafelläden kooperiert.

Stationen
Außer in der Eglosheimer Fischbrunnenstraße 5 gibt es weitere Fairteiler im Landkreis Ludwigsburg, und zwar in: Besigheim, Freiberg, Hohenstein, Hirschlanden, Marbach, Münchingen, Pleidelsheim und Sachsenheim. Die genauen Adressen gibt es im Internet: www.foodsharing.de/karte