Neustart-Jubel einerseits, Existenzangst andererseits: Die Kultur sitzt weiter in der Coronafalle. Sind Vielfalt und Qualität gefährdet?
Stuttgart - Noch brandet er immer mal wieder auf, der Neustart-Jubel – in manchen Theatern, Kinos und Konzertsälen ist es immerhin fast zwei Jahre her, dass Aufführungen vor und mit Publikum stattfinden konnten. Die Coronapandemie hat ja gerade in der Kulturlandschaft die ganz große Stille gebracht.
Hunger nach Kultur?
Jetzt ist die Zuversicht groß. Ob man nun, wie das Nationaltheater in Mannheim oder der Klassikveranstalter Michael Russ in Stuttgart, auf die 2-G-Regelung zugreift, Geimpfte und Genesene in die Theater- und Konzertsäle einlässt – oder wie die Staatstheater in Karlsruhe und Stuttgart (von 1. November an mit Vollauslastung) die 3-G-Regelung nutzt, die überdies Getesteten Zutritt gewährt: Der Hunger nach Kultur, sind die meisten im Kulturbetrieb überzeugt, sei groß – und die Säle bald wieder voll.
Überdurchschnittlich impfbereit
Wird dies aber wirklich so sein? Eine Studie hat ergeben, dass das Kulturpublikum zu einem höheren Anteil gegen das Coronavirus geimpft ist als der Durchschnitt der Bevölkerung. Heißt dies auch, dass diese Menschen an die jetzt vielerorts entzündeten Kultur-Lagefeuer zurückkehren? Es ist doch vor allem ein Hinweis darauf, dass den Kulturinteressierten klar ist, worum es bei der Bewältigung der Coronapandemie geht.
Neue Unsicherheiten
Ich möchte geschützt sein – das ist das Signal des Impfens. Und gerade deshalb könnten die eigentlich doch Interessierten die Bühnen meiden – einfach, weil man Ansammlungen meiden möchte. Und zudem das fremd gewordene, bei 2 G aber mögliche Abnehmen der Masken in Innenräumen neue Unsicherheiten schafft.
Innovationsmotor stottert
Mit Recht ist Baden-Württemberg stolz auf seine reiche Kulturlandschaft. Jede Region, jede Stadt, jeder Kreis verblüfft mit eigenen Stärken – Voraussetzung für jene Vielfalt und Qualität, die Kultur längst auch in unterstellt ländlichen Regionen zu einem Standortfaktor macht. Diese Vielfalt aber war bis Anfang 2020 ihr eigener Motor, sie befeuerte sich immer neu und provozierte gerade jene Experimente, mit denen auch kleine Bühnen und freie Ensembles überregional künstlerisch wirken konnten.
Kunst in prekären Verhältnissen
Gerade darauf versuchte das Kunstministerium zu reagieren – mit national beispielhaften Initiativen, darunter auch die Vergabe individueller Stipendien. 15 Millionen Euro insgesamt flossen bereits 2020 und 2021 in bisher knapp 4000 Stipendien – und mit weiteren haushalterisch bereits bewilligten sechs Millionen Euro ließe sich auch eine dritte Stipendienrunde ausschreiben. Und doch bleibt ja richtig, was schon vor der Coronapandemie galt: Dass ein großer Teil der Künstlerinnen und Künstler im Land in prekären Verhältnissen lebt und arbeitet. Nun erst recht.
Größe verspricht Sicherheit
Zwischen Neustart-Jubel einerseits und Existenzangst andererseits sitzt die Kultur weiter in der Coronafalle – vor allem in jenen Formaten und an jenen Orten, die doch das viel bestaunte Kulturland Baden-Württemberg so spannend machen. Ja – die großen Häuser berappeln sich, versprechen wohl auch Sicherheit. Aber was ist mit den vielen kleinen Bühnen, den so rührigen Städtischen Galerien, den Ensembles, die Kultur aus den Sälen auf die Straßen und Plätze zu bringen versuchen?
Kultur ist immer gefährdet
Sie alle werden einen langen Atem brauchen. Und – zentral wichtig – die Unterstützung von Politik und Öffentlichkeit auf allen Ebenen. Die aus der Nachfrage nach Kultur bis 2020 gern unterstellte Idee, die Kultur sei unentbehrlich, ist ein Irrglaube. Kultur ist immer gefährdet, muss sich immer neu behaupten. Ebendies kann jetzt ihre Chance sein: intelligent vernetzt herauszufordern. Die Landesregierung hat diesen Ball mit dem Programm „Kultur nach Corona“ bereits aufgenommen – nun muss die Kultur ihn auch im Spiel halten.
Kultur trotzt Corona
Masterplan
Um einen guten Umgang mit den coronabedingten Einschränkungen zu finden und den Kunst- und Kulturbereich zu stärken, hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst den Masterplan Kultur BW | Kunst trotz Abstand aufgelegt. Der Masterplan umfasst finanzielle Unterstützung wie auch beratende und organisatorische Maßnahmen und wird entsprechend der Corona-Lage im Land angepasst und fortgeschrieben.