Kakerlaken, Dreck, Wuchermiete: Die Zustände in Flüchtlingsunterkünften sind teilweise erbärmlich. In einer privaten Unterkunft bei Weil der Stadt ist ein besonders drastischer Fall von Ausnutzung aufgedeckt worden.
Knapp acht Wochen dauerte der Aufenthalt in dem Zimmer in Weil der Stadt, das der kleinen Familie aus der Ukraine Schutz und Sicherheit bieten sollte. Tatsächlich bot es nichts davon – stattdessen Dreck und Enge, und das zu einem Wucherpreis. Dann hatte der Albtraum für die Geflüchteten ein Ende. Dafür könnte es nun für den Vermieter ungemütlich werden. Das Böblinger Landratsamt hat Anzeige gegen den Mann erstattet. Erledigt ist das Problem damit aber nicht, im Gegenteil. Was in Weil der Stadt passiert ist, konnte nur passieren, weil vieles im Argen liegt.
Aufgerissene Böden, keine Wände, versifftes Bad
Die Bilder aus dem ehemaligen Gasthaus Krone im Stadtteil Schafhausen sehen alles andere als gastlich aus. Aufgerissene Böden, keine Wände zum Treppenhaus, offene Leitungen, ein versifftes Bad, sehr viel Dreck. Dort zog in der Nacht zum 9. Mai eine Familie aus der Ukraine ein. Eine Mutter mit zwei Kindern im Teenageralter und deren schwerkranke Großmutter. Die Vier waren direkt bei ihrer Ankunft am Stuttgarter Bahnhof angesprochen worden. Ob sie eine Unterkunft bräuchten? Die Familie sagte: „Ja“ – und landete in Schafhausen.
1150 Euro für eine Bleibe ohne Küche
Natürlich fiel den Geflüchteten sofort auf, dass die Bleibe eine Baustelle war. Es gab nicht mal eine Wohnungstür. Doch der Vermieter versprach, dass sich der Zustand bald ändern würde. Die Miete für die Unterkunft, die offiziell als Drei-Zimmer-Wohnung angepriesen wurde, betrug 1150 Euro. Eine Küche gab es nicht, nur einen Ofen mit zwei Platten in einem Raum, der von weiteren Geflüchteten sowie Handwerkern benutzt wurde. „Das war eine einzige Katastrophe“, sagt Ute Wolfangel, die die Familie aus der Behausung geholt hat und deren Fall schildert.
Ute Wolfangel leitet den Arbeitskreis Asyl in Weil der Stadt. Sie hat schließlich eine neue Bleibe für die Familie gesucht – und das Böblinger Landratsam auf den Fall aufmerksam gemacht. Die Behörde war es immerhin, die den Mietvertrag geprüft und die Miete bewilligt hatte. Es habe keinen Grund gegeben, misstrauisch zu sein, teilt eine Sprecherin mit. Vermieter und Mieter waren zusammen zum Landratsamt gekommen, „sodass das Mietverhältnis einvernehmlich und unverdächtig erschien“.
Kakerlaken und braune Brühe in städtischer Unterkunft
Anders als Flüchtlinge aus anderen Ländern dürfen Ukrainer ohne Umweg über eine Erstaufnahmestelle nach Deutschland einreisen und auch ihre Unterkunft selbst wählen. Zu Beginn des Krieges, als ganz schnell wieder ganz viele Plätze benötigt wurden, erwies sich dies als besonders praktisch. Viele Ukrainer kamen bei Verwandten oder Bekannten unter. Oder bei Bürgern, die helfen wollten. Oder eben auch bei Vermietern, die das schnelle Geld mit der Not witterten.
Wobei auch städtische Unterkünfte ein Ort des Grauens sein können. Der Flüchtlingshelfer Maxim Kushnir hätte sich Gummihandschuhe gewünscht, als er vor wenigen Tagen die Wohncontainer für Geflüchtete in Vaihingen an der Enz (Kreis Ludwigsburg) besucht hat. Die Gemeinschaftsräume würden „keinerlei hygienischen Standards“ entsprechen, sagt er. Auf Fotos sieht man Kakerlaken, eine braune Brühe in Toiletten und Duschen und defekte Abflussrohre, aus denen Wasser auf den Boden fließt. Natürlich seien die Menschen selbst dafür verantwortlich zu putzen, betont er. Doch in dieser Unterkunft reiche Putzen nicht mehr aus, die Küchen und Bäder müssten neu gemacht werden, sagt Kushnir: „Ich habe mehrere Unterkünfte besucht. Was ich dort gesehen und gerochen habe, war unvergleichbar.“
Wer muss putzen?
Die Stadt Vaihingen weist indes die Verantwortung von sich. Eine Sanierung komme nicht in Betracht, weil es sich vor allem um ein „Reinigungsthema“ handele sowie um mangelnde Pflege der Bewohner. „Der Schmutz wurde von Bewohnerinnen und Bewohnern verursacht und es steht in deren Verantwortung diesen Schmutz – auch an den Wänden – zu entfernen“, sagt Martina Fischer, eine Sprecherin der Stadt. Einige der momentan 47 dort lebenden Geflüchteten hielten sich nicht an die vereinbarten Putzpläne. Zudem würden heiße Töpfe einfach auf Arbeitsplatten abgestellt, die dort Löcher hinein brennen. Und häufig müsste die Feuerwehr kommen, weil Töpfe auf dem Herd vergessen würden, wird moniert.
Reinigungsdienst hat Auftrag abgesagt
Allerdings nehme man die Hinweise von Maxim Kushnir und den Geflüchteten ernst, betont Martina Fischer. Und man wolle den Bewohnern eine angemessene Notunterkunft anbieten. Daher habe man die Unterkunft inzwischen besichtigt, „defekte Pissoirs werden zeitnah repariert, Siphons am Waschbecken wieder angebracht und grundsätzlich alles auf seine Funktionsfähigkeit überprüft“. Zudem wurde ein Reinigungsdienst angefragt, der „schon häufig in städtischen Unterkünften in teils unzumutbaren Zuständen gereinigt hat“. Für diesen Auftrag habe der Dienst jedoch abgesagt, man suche nun gerade nach alternativen Firmen.
„Eigentlich müsste in der Unterkunft das Gesundheitsamt vorbeischauen. Und dann müsste man zusperren, bis die Zustände verbessert worden sind“, findet unterdessen Maxim Kushnir. So oder so: Eine Dauer-Lösung solle die 2016 errichtete Unterkunft in Vaihingen sowieso nicht bleiben, informiert die Stadt. Das liege an der für 2029 geplanten Gartenschau, aber auch an der Ukraine-Krise und einer generellen Überarbeitung des Unterbringungskonzepts für Geflüchtete.
Seán McGinley überrascht das alles nicht, zu seinem Leidwesen. McGinley arbeitet für den Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und weiß nur zu gut, dass Flüchtlinge oft schlecht untergebracht sind – selbst wenn es sich um kommunale Einrichtungen handelt. Nach seiner jüngsten „Lagertour“ im Jahr 2017 monierte der Flüchtlingsrat noch immer jede Menge baufällige, enge, überbelegte oder abgelegene Unterkünfte. „Die Leute müssen in richtige Wohnungen“, fordert McGinley. Doch weil es nach wie vor nicht ausreichend bezahlbaren Wohnraum gebe, seien die Zustände nun mal wie sie sind.
In Weil der Stadt konnte die Familie ausziehen
Der Fall aus Weil der Stadt liegt nun bei der Staatsanwaltschaft. Die Mutter und ihre beiden Kinder haben inzwischen Zuflucht in einer Wohngemeinschaft gefunden, und für die Großmutter hat Ute Wolfangel einen Platz in einem Hospiz organisiert. In der ehemaligen Krone hausen nun keine Flüchtlinge mehr. Aber vielleicht woanders – unter ähnlich schlechten Bedingungen.