Pegah, Olivia, Veronika Kienzle, Heide und Hannelore Ohle (von links) haben im Generationenhaus über die Lage von geflüchteten Frauen diskutiert. Foto: Petra Mostbacher-Dix

Im Gebrüder-Schmid-Zentrum des Generationenhauses Heslach hat am Wochenende der erste kommunale Flüchtlingsdialog für Frauen stattgefunden.

S-Süd - Was seht ihr hier?“ Die Kommunikationsexpertin Hannelore Ohle zeigt auf eine Zeichnung: ein Mann mit Baby auf dem Arm bügelt, eine Frau mit Kopftuch schaut in ein Mikroskop, eine andere fährt Fahrrad, weibliche Hände füllen ein Formular aus. „Frauen dürfen alles, was Männer dürfen“, ist in Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch und Farsi zu lesen. Die Figuren auf dem Blatt verbildlichen „Gleichberechtigung“. An weiteren vier Tischen geht es im Generationenhaus Heslach um Gewalt, Ehe/Partnerschaft, Kinder und Toleranz/Vielfalt. Themen, die im Generationenhaus Heslach Frauen ins Gespräch bringen sollen: Im Gebrüder-Schmid-Zentrum findet der erste kommunale Flüchtlingsdialog statt, in Kooperation mit dem Staatsministerium und der Landeszentrale für Politische Bildung. Rund 25 Geflüchtete und ehrenamtliche Helferinnen aus dem Café Nachbarschafft sind gekommen. „Es hat sich herumgesprochen“, freut sich Carola Haegele, die im Gebrüder Schmid Zentrum koordiniert und Initiativen betreut.

Vor allem die weiblichen Flüchtlinge brauchen einen sicheren Rahmen

Einige der rund 900 Geflüchtete, die seit 2015 in der Gegend untergebracht wurden, hätten ins Generationenhaus und das Café Nachbarschafft gefunden, viele Männer, aber auch Frauen, so Haegele. „Den weiblichen Geflüchteten wollten wir nun einen geschützten Raum bieten, sich auszutauschen, über ihre und unsere Erfahrungen bei der Ankunft in Deutschland, ihre Meinungen zu Normen und Werten.“

Enorm wichtig findet das Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin Mitte. „Die Männer gehen raus, die Kinder sind in Schulen, aber die Frauen bleiben zuhause, ihr Draht nach außen ist das Mobiltelefon“, sagt sie. „Sie müssen wir stützen, sie erziehen die nachfolgende Generation.“

Damit es die Frauen leichter haben, sich zu öffnen, hat man im Generationenhaus die Workshop-Form der World-Cafés gewählt. An kleinen Tischen wird mit vier bis maximal sechs Personen gesprochen, angeleitet von Moderatorinnen, die Ergebnisse festhalten. Inspiriert, so Haegele, habe sie das Handbuch für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer „Ankommen – Klarkommen“, das kürzlich das Staatsministerium Baden-Württemberg herausbrachte. Darin sind in klaren Bildern und Sätzen Werte und Umgangsformen in Deutschland dargestellt, das Spektrum reicht von Kindern und Umwelt bis hin zu Pünktlichkeit und Partnerschaft, wo auch Homosexualität thematisiert wird. „Der Guide ist Basis für Gespräche“, so Haegele.

Am „Gleichberechtigungs“-Tisch schreibt nun Hannelore Ohle auf, was die Freiwilligen Heidi und Olivia, Veronika Kienzle, und Pegah diskutiert haben. Die Afghanin kam vor eineinhalb Jahren mit ihrem Mann und ihrem fünfjährigen Sohn an – geflüchtet aus dem Iran, wo sie das Abitur machte. Sie ist Christin. „In Afghanistan dürfen Frauen kein Fahrrad fahren“, sagt Pegah. Auch Männer, die den Haushalt machten, gebe es nicht. „Wir versorgen beide das Kind, wenn der andere im Deutschkurs ist“, betont die 21-Jährige. „Viele sind nett.“ Mit Tränen in den Augen erzählt sie, wie eine ältere Frau sie beschimpfte und zurückschicken wollte.

In Zukunft soll es einen Frauenstammtisch geben

Auch am Tisch zu „Gewalt“ wird mit Tränen gekämpft. Hediye aus der Türkei berichtet von ihrem Ex-Mann, der sie schlug und immer kontrollieren wolle. Die Richterin habe geurteilt, dass er Umgang mit der kleinen Tochter haben dürfe. Sie tippt auf die Zeichnung eines Gesetzbuches, das neben einer Frau im kurzen Rock prangt, die einen Mann abwehrt. Die Botschaft ist klar: Kurze Röcke sind keine Einladung, Frauen haben das Recht, nein zu sagen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ ist da zu lesen, Artikel eins des Grundgesetzes. „Auch hier werden Frauen benachteiligt, Männer haben es leichter“, betont Hedyie.

Ihre Freundin Beriwan nickt. Sie erlebe dies oft in den Frauenhäusern. Die Moderatorin des Tisches, interkulturelle Trainerin Heike Göttlicher, räumt ein: „Das Gesetz gilt, aber auch bei uns gehen Theorie und Praxis manchmal auseinander.“ Fröhlichkeit herrscht am „Kinder“-Tisch. Jasmin, Aya und Batoul die Schule Spaß, Noura, Mutter der letzten beiden, wünscht sich vor allem, Gesundheit für ihre Kinder – und schnell Deutsch zu lernen.

Nach über zwei Stunden sind sich alle einig: der erste Flüchtlingsdialog war fruchtbar, er soll auch mit Frauen und Männern gemeinsam stattfinden. Außerdem soll es einen Frauenstammtisch geben. „Wir Frauen verstecken oft, was wir denken, haben psychisch Angst“, so eine Geflüchtete. „Darum ist das gut.“

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