Genesis (19) mit ihrem Kind hat Angst vor dem Dschungel. Foto: Tobias Käufer

Im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Panama spielt sich ein Massenexodus historischen Ausmaßes ab. Der Ausgang dieses Dramas wird die Zukunft ganz Amerikas beeinflussen. Ein Vor-Ort-Besuch.

Ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt. Ich habe gehört, dass Menschen dort sterben, dass Frauen vergewaltigt werden, Kinder in den Flüssen ertrinken. Das alles macht mir große Angst“, sagt Genesis (19). Sie stammt aus Maracaibo, der zweitgrößten Stadt Venezuelas. Nun sitzt sie in ihrem kleinen Zelt am Strand von Necocli und wartet auf die Überfahrt über das Meer in Richtung Acandi. Dort beginnt der lebensgefährliche Marsch durch den Darien, den Dschungel, der Kolumbien mit Panama verbindet. Es ist heiß, die Luftfeuchtigkeit hoch. Hier im Norden Kolumbiens beginnt der gefährlichste Teil ihrer Flucht in Richtung USA.

 

Auf ihren Handys poppen grauenhafte Bilder auf: nackte Frauenleichen, missbraucht und dann weggeworfen wie Müll; Verletzte, die mitten im Dschungel zurückgelassen werden, weil ihnen niemand helfen kann und niemand helfen wird; verzweifelt um Hilfe rufende Kinder, die in den unberechenbar ansteigenden Flüssen weggeschwemmt werden und dann ertrinken. Es gibt niemanden, der die Leichen dort abholt. Manche bringen die Kraft auf, sie noch zu beerdigen. Andere verwesen einfach in der heißen, feuchten Dschungelluft. Niemand weiß, wie viele Menschen dieser Wald schon verschluckt hat. Für alle, die schon dort waren, ist das ein traumatisches Erlebnis, das sie für den Rest ihres Lebens verfolgen wird.

Frauen sind auf der Flucht sexueller Gewalt ausgesetzt

„Frauen und Mädchen sind sexueller Gewalt ausgesetzt“, sagt Monika Lauer Perez, die im Auftrag des kirchlichen Lateinamerika-Hilfswerkes Adveniat die kolumbianische Kirche berät. Die Kirche ist vor Ort die einzige Organisation, die überhaupt noch helfen kann. Sie organisiert Armenspeisungen, baut eine Herberge, leistet psychologischen Beistand. Aber ist das nur ein Tropfen auf den glühend heißen Stein.

Und doch wollen immer mehr Migranten diesen Marsch durch die grüne Hölle antreten. Die meisten der 520 000, die 2023 dieses berüchtigte Stück Land durchquert haben, stammen aus Venezuela. Sie sind auf der Flucht vor einem autokratischen Regime, das sich seit fast einem Vierteljahrhundert an der Macht hält und bis heute acht Millionen Menschen zum Verlassen ihres Heimatlandes getrieben hat. Weil die Wirtschaft ruiniert, die Opposition kaltgestellt ist und die Macht von korrupten Generälen verteidigt wird. „Ich werde nicht nach Venezuela zurückgehen, niemals“, sagt Genesis. „Wegen meinem Baby, es soll eine Zukunft haben.“

Letzter Ausweg: Prostitution

Welche Sprengkraft das Thema hat, wird deutlich, als plötzlich New Yorks Bürgermeister Eric Adams in Necocli auftaucht. Er warnt die Migranten vor einer aussichtslosen Reise in Richtung Norden: „Unsere Herzen sind endlos, aber unsere Ressourcen sind es nicht. Wir wollen die Menschen nicht in Sammelunterkünften unterbringen. Wir wollen nicht, dass die Menschen denken, sie würden beschäftigt werden.“

Und doch füllen sich die Lager täglich neu. In Necocli treten ganze Familienverbände die Flucht an, Mütter mit Kindern, Großeltern oder Tanten. Hier ist ein ganzes Volk auf der Flucht. „Dieses Wasser ist wie eine Mauer für uns“, sagt ein junger Mann aus Venezuela mit Blick auf das Meer. Die Überfahrt nach Acandi ist teuer, zu teuer für viele Migranten. In den hochgerüsteten Schnellbooten mit vier 300 PS starken Außenbordmotoren kostet die Überfahrt umgerechnet knapp 90 Euro – pro Person. Bei einer fünfköpfigen Familie kommen da leicht ein paar Hundert Euro zusammen. So viel haben die meisten nicht. Und doch ist das ein einträgliches Geschäft angesichts der schieren Maße an Menschen, die nach Necocli kommen. Und so versuchen die Migranten, an Geld zu kommen – irgendwie. Der letzte Ausweg ist für viele die Prostitution.

Aus Fischern werden Schleuser

In der Stadt gibt es inzwischen zahlreiche Geschäfte, die sich auf die Ausstattung für den Fußmarsch durch den Dschungel spezialisiert haben. Wanderschuhe, Isomatten, Gaskocher, sogar einen Laden für Außenbordmotoren gibt es. Einst, so berichten die Einheimischen, gab es gerade mal zwei Schnellboote, heute sind es 15. In der Stadt fehlen die Fischer. Die verdienen ihr Geld jetzt im Schleusergewerbe. Weil die Regierung des linksgerichteten kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro keinerlei Präsenz zeigt, hat die organisierte Kriminalität das Geschäft übernommen – und verwaltet es fast schon militärisch diszipliniert.

Auf der anderen Seite des Wassers, in Acandi, am Eingangstor zur Wildnis, verweigern die Herren des Dschungels, der „Clan del Golfo“, einen genauen Einblick. Journalisten dürfen hier nicht weiter, niemand soll sehen und wissen, wie viel genau wofür bezahlt wird. Hier beginnt das Reich des Clans, und wer seinen Fuß in diese Region setzt, ist dessen Launen ausgesetzt.

2000 Dollar für die Flucht – inklusive Schmiergeld für die Polizei

„Das ist ein heikles Thema, das ich lieber nicht vertiefen möchte. Aber ich bin überzeugt, dass dort, wo die Regierung nicht handelt, die Gemeinschaft die Aufgabe der Regierung übernimmt“, umschreibt Cesar Zuniga, zuständig für die Migrationsangelegenheiten in der Kommune Necocli, das Szenario. Es kostet ihn einiges an Überwindung, überhaupt darüber zu sprechen. Auch die Kirchenvertreter haben Angst. Pfarrer und Diözesanmitarbeiter schweigen lieber. Denn sie müssen hier weiter arbeiten, können sich nicht wie internationale Journalisten wieder in ein gesichertes Umfeld zurückziehen. Und sie wollen nicht riskieren, dass die von ihnen aufgebauten Hilfsstrukturen in Gefahr geraten.

Ein paar Zahlen illustrieren die Dimensionen des Geschäfts mit der Flucht: Im Schnitt zahlen die Migranten aus Venezuela 2000 Dollar für die einzelnen Etappen. Dazu zählen Schmiergeld für die venezolanische wie auch für die kolumbianische Polizei. Wer es bis nach Necocli schafft, muss eine „Steuer“ in Höhe von 90 Dollar an den Clan zahlen, berichtet Loren, die vor sechs Jahren Venezuela verlassen hat und seitdem durch die Region zieht. „Im Dschungel erwartet dich das erste Camp von Acandi, dort musst du deinen Guide bezahlen, der mindestens 250 Dollar pro Person verlangt.“

Die Regierung ist überfordert

Gemeinden wie Necocli oder Acandi werden ihrem Schicksal überlassen. Die Regierung ist überfordert. Inzwischen verlassen immer mehr Menschen auch Kolumbien. Ende 2023 zählte die US-Grenzbehörde 170 000 illegal eingereiste Kolumbianer. 2021 waren es noch 10 000. „Die große Herausforderung, vor der wir heute stehen, ist, dass die Migranten seit Monaten hier sind. Wir wissen nicht, ob sie weiterziehen, ob sie zurückkehren, ob sie bleiben, um dauerhaft zu bleiben“, sagt Cesar Zuniga von der Migrationsabteilung der Kommune Necocli.

In Washington, in Bogota und Necocli warten sie ab, wie es in Venezuela weitergeht. Die USA haben die Sanktionen gegen die Ölindustrie gelockert, nachdem sich Regierung und Opposition auf einen Termin für die Präsidentschaftswahlen im zweiten Halbjahr 2024 verständigt haben. Doch alles wird davon abhängen, ob die Hoffnungsträgerin der Opposition, Maria Corina Machado, zur Wahl zugelassen wird und die Menschen vor Ort dann eine Bleibeperspektive bekommen. Im Moment haben sie diese nicht. Allein im September wurden in Mexiko 60 000 Migranten aus Venezuela gezählt. Sie alle werden bald die US-Grenze erreichen. Die Zukunft Amerikas, sie entscheidet sich auch in Necocli.