Die beiden Co-Vorstandschefs Anshu Jain (li.) und Jürgen Fitschen stehen vor ihrem Rückzug von der Konzernspitze – nach drei Jahren im Amt. Foto: dpa

Das Führungsduo Jain und Fitschen zieht die Konsequenz aus Skandalen, Milliardenstrafen und einem schwachen Geschäft.

Frankfurt - Um 15.07 Uhr bestätigte die Deutsche Bank die zwei Stunden zuvor aufgekommenen Gerüchte: „John Cryan wird Nachfolger von Jürgen Fitschen und Anshu Jain.“ Dies habe der Aufsichtsrat in einer außerordentlichen Sitzung am Sonntag beschlossen. Die beiden glücklosen, zuletzt massiv kritisierten Co-Chefs des Instituts kapitulieren: Jain geht schon Ende Juni, Fitschen nach der Hauptversammlung im Mai 2016.

Hochrangige Banker in Frankfurt waren am Sonntag allein vom Zeitpunkt des Rückzugs überrascht, nicht aber von der Tatsache an sich. Schon seit Wochen war das Kopfschütteln über die Vorgänge in der Deutschen Bank immer heftiger geworden. Noch am Samstag hatte Fitschen bei den Baden-Badener Unternehmer-Gesprächen nichts über die dramatische Entwicklung durchblicken lassen. Der Brite John Cryan (54), der künftig die Bank alleine führen soll, ist in Frankfurt weitgehend unbekannt. Er sitzt seit 2013 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, arbeitete zuvor für Temasek Holding in Singapur und war früher Finanzvorstand der Schweizer Großbank UBS.

Der Druck auf den 52-jährigen Jain und den 65-jährigen Fitschen, die seit Juni 2012 als Nachfolger von Josef Ackermann die Bank gemeinsam führen und deren Verträge noch bis März 2017 laufen, war in den letzten Wochen massiv gestiegen. Auf der Hauptversammlung am 21. Mai in der Frankfurter Festhalle sahen sich die beiden Banker nicht nur mit deutlichen Rücktrittsforderungen von wichtigen Aktionärsgruppen konfrontiert, sie wurden zudem von nicht einmal zwei Dritteln der Aktionäre entlastet.

Fitschen bekam nur 61,02 Prozent Zustimmung, Jain 60,99 Prozent. Solche Quoten hatte es in der Geschichte der Deutschen Bank noch nie gegeben. Üblich ist eine Zustimmung von mehr als 90 Prozent. Wenige Tage nach der Hauptversammlung forderte auch der Betriebsrat der Frankfurter Zen­trale der Deutschen Bank unverhohlen den Rückzug vor allem von Jain unter dem Motto „Wind of Change? Wind of Jain?“. Ein radikaler Neuanfang könne der Bank Glaubwürdigkeit zurückgeben und eine echte Aufbruchstimmung erzeugen. Tatsächlich hatten Insider in den letzten Wochen vermehrt berichtet, immer mehr Deutschbanker seien frustriert, die Stimmung sei schlecht.

Der steigende Druck auf Jain und Fitschen hat mehrere Gründe: Die Geschäftsergebnisse der Bank hinken auch drei Jahre nach ihrem Amtsantritt weit hinter ihren eigenen Ansprüchen her, der Aktienkurs dümpelt vor sich hin. Gemessen am Börsenwert rangiert die Deutsche Bank abgeschlagen hinter den führenden Investmentbanken aus den USA, an denen sich Fitschen und Jain messen lassen wollen, irgendwo zwischen Rang 40 und 50.

Schwer zu schaffen machen der Bank die Sünden der Vergangenheit. Dazu zählen vor allem der Streit mit den Erben des Medienunternehmers Kirch um ein umstrittenes Interview mit Ex-Bank-Chef Rolf Breuer aus dem Jahr 2002, das angeblich für die Pleite von Kirch verantwortlich war. 925 Millionen Euro zahlte die Bank Anfang vergangenen Jahres für einen Vergleich an die Erben. Damit aber ist das Thema nicht erledigt: Seit Ende April müssen sich Fitschen sowie die Ex-Bank-Chefs Breuer und Josef Ackermann und weitere Ex-Banker in München wegen angeblichen Prozessbetrugs verantworten. Bis mindestens September ist der Prozess angesetzt. Fitschen muss einmal pro Woche in München erscheinen. Der denkt allerdings nicht daran, seinen Chefposten bei der Bank wenigstens für diese Zeit ruhen zu lassen.

Schwer wiegen die diversen Skandale wegen Manipulationen an den Finanzmärkten. Am gravierendsten ist die Verstrickung in den Libor-Skandal: Über Jahre haben Händler von Banken in Absprache am wichtigsten Interbanken-Zins Libor, einer wichtigen Rechnungsgröße für Spar-, Kredit- und Hypothekenzinsen, gedreht. Die Deutsche Bank gehörte zu den Hauptakteuren: Im April einigte sie sich mit den Behörden in den USA und Großbritannien auf Strafzahlungen von 2,5 Milliarden Dollar, schon Ende 2013 hatte sie deshalb 725 Millionen Euro an die EU-Kommission überwiesen. Zudem kritisierten die Behörden in den USA die mangelhafte Kooperation der Bank bei der Aufklärung des Skandals. Auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat die Vorgänge untersucht und offenbar Defizite festgestellt. Derzeit wartet sie auf eine Stellungnahme der Bank. Das Geldhaus selbst hat mehrere Händler entlassen.

Noch nicht abgeschlossen sind Untersuchungen über Verstrickungen der Bank in mögliche Manipulationen von Devisenkursen. Ähnlich sieht es bei fragwürdigen Geschäften mit Edelmetallen aus. Gezahlt hat die Bank bereits wegen umstrittener Hypothekengeschäfte in den USA. Ende 2013 überwies sie dafür umgerechnet 1,4 Milliarden Euro. Auch in Europa wird die Bank wegen des Verkaufs fragwürdiger Zinsprodukte zur Kasse gebeten, so in Italien, aber auch mehrfach in Deutschland. Unter dem Strich summieren sich die Zahlungen in der Amtszeit von Jain und Fitschen auf einen fast zweistelligen Milliardenbetrag – fast so viel wie sie über Kapitalerhöhungen an frischem Geld hereingeholt haben.

Immer noch sind nach Angaben der Bank etwa 6000 Verfahren offen. Erst am Samstag wurden Vorwürfe laut, Kunden der Deutschen Bank hätten in Russland über das Institut möglicherweise bis zu sechs Milliarden Dollar gewaschen. Rund drei Milliarden Euro hat das Institut aktuell für weitere Strafen zur Seite gelegt. Das Brisante an all diesen Skandalen: Verantwortlich ist bis auf den Fall Kirch ausschließlich die Investmentbanking-Sparte. Und die wurde in der maßgeblichen Zeit von Jain geleitet. Mehrfach hat er in der Vergangenheit betont oder angedeutet, dass er nichts von den Vorgängen gewusst habe. Wirklich geklärt ist das bis heute nicht. Jain bekräftigte noch auf der Hauptversammlung vor zweieinhalb Wochen, das Beste für die Klärung der Fälle sei, wenn er weiter an der Spitze der Bank die Verantwortung übernehme.

Mit den anhaltenden Strafzahlungen wachsen auch die Zweifel an dem von Jain und Fitschen vor drei Jahren angekündigten Kulturwandel. Wirklich zu sehen ist davon bislang nicht viel. Erbost sind Experten auch darüber, dass die Bank zwar die Boni für den Vorstand gekürzt und langfristiger angelegt, dafür aber die Festgehälter massiv erhöht hat. Das sei ohne Beispiel.

Für Verärgerung sorgt auch, dass sich die Deutsche Bank jetzt wieder von der 2010 für rund sechs Milliarden Euro übernommenen Postbank trennen will. Noch vor einem Jahr hatte sie Jain in höchsten Tönen gelobt, jetzt passt sie auf einmal nicht mehr und soll über die Börse verkauft werden. Privatkunden-Vorstand Rainer Neske war darüber und über die geplante Streichung von weiteren 200 Filialen der Deutschen Bank so verärgert, dass er kurz vor der Hauptversammlung seinen Abschied bekannt gab. Neske genoss unter den Aktionären und Mitarbeitern ein vergleichsweise hohes Ansehen. Auch sein Rückzug wird vor allem Jain und Fitschen angekreidet.

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