Fitness für graue Zellen Mythos Gehirnjogging

Von Angela Stoll 

Kann man mit Spielen wie Memory seine Hirnleistung aktivieren? Foto: dpa
Kann man mit Spielen wie Memory seine Hirnleistung aktivieren? Foto: dpa

Kann man mit Rätseln wie Memory und Sudoku die grauen Zellen aktivieren? Experten sind skeptisch.

Stuttgart - „Fränkischer Hausflur“ mit drei Buchstaben? Was kann das bloß sein? Wer öfter Kreuzworträtsel löst, muss nicht lange überlegen: „Ern“ lautet die Lösung. Es mag für Rätselfüchse befriedigend sein, solch exotisch anmutende Wörter schnell zu erraten und rasch in die Kästchen zu schreiben. Die grauen Zellen bringen solche Aufgaben aber kaum auf Trab. „Bei Kreuzworträtseln werden nur Begriffe aus dem Langzeit­gedächtnis abgefragt“, sagt Carsten ­Brandenberg, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Gedächtnistraining. „Nach einer Weile kennt man diese Wörter.“ Dadurch muss sich das Gehirn nicht mehr anstrengen, und der Trainingseffekt entfällt.

Der geistige Abbauprozess lässt sich so nicht stoppen, wie der Demenzforscher Wolf Dieter Oswald von der Universität Erlangen-Nürnberg bestätigt: „Kreuzworträtsel bringen zur Prävention von Alzheimer nichts.“ Für Rätsel, Knobelaufgaben sowie für Hirntraining aller Art gilt laut Oswald: „Wenn etwas zur Routine geworden ist, dann ist es sinnlos. Präventiv wirken dagegen Dinge, die wir gern von uns wegschieben, weil sie für das Gehirn anstrengend sind.“ Für manche Menschen kann das Kopfrechnen sein, für andere, ein Gedicht auswendig zu lernen. Oder man erledigt einen Tag lang alles mit der linken statt mit der rechten Hand, wie Brandenberg empfiehlt.

Bald setzt ein Gewöhnungseffekt ein

Gerade bei Kreuzworträtseln kann man sehr schnell Gewöhnungseffekte beobachten. Wer sich auskennt, hat in Kürze die Stadt-, Fluss- oder Götternamen parat, die häufig gefragt sind. Denksportspiele wie Sudoku fordern das Gehirn da schon deutlich stärker. Diese Zahlenrätsel können ­tatsächlich dazu beitragen, dass sich die ­Gedächtnisleistung verbessert, wie Brandenberg berichtet. „Wenn Sudokus für ­jemanden neu sind, ist der Trainingseffekt am größten. Nach einer gewissen Zeit stellt sich aber auch hier Routine ein“, sagt der Gedächtnistrainer. „Allerdings gibt es bei Sudokus verschiedene Schwierigkeitsgrade, so dass man sich eine ganze Weile damit ­fordern kann.“

Auch Denk- und Knobelspiele sind mit ­etwas Übung oft keine große Herausforderung mehr. Deshalb rät Brandenberg zu einer „gesunden Mischung“ von Rätseln, Spielen und Denksportaufgaben. Für besonders empfehlenswert hält er Strategiespiele, etwa Schach, Dame oder Backgammon. „Da muss man immer auf eine veränderte Situation reagieren und neu planen. Außerdem kommt noch die Kommunikation mit anderen hinzu.“

Experten sind skeptisch

Doch auch von anspruchsvollem und ­abwechslungsreichem Denksport sollte man nicht zu viel erwarten. Bei den meisten Aufgaben lernt man nämlich nur Strategien, die helfen, genau diese lösen. Das Erlernte hilft aber kaum dabei, andere Probleme zu bewältigen oder sich im Alltag besser zurechtzufinden. Das heißt: Wer es schafft, sich mit Hilfe eines Gedächtnistrainings die ­Ein­kaufsliste zu merken, findet dadurch noch lange nicht schneller seine verlegte Brille. „Man wird bei den Tätigkeiten, die man trainiert, besser. Aber man lernt nicht zu generalisieren“, erklärt die Neurologin Christine von Arnim, ­Leiterin der Gedächtnissprechstunde der Universitätsklinik Ulm.

Aus diesem Grund halten viele Neuro­wissenschaftler auch den Nutzen von Gehirnjogging-Programmen am Computer, die damit werben, die geistige Fitness zu erhöhen, für fragwürdig. Dass die Skepsis berechtigt ist, dafür spricht eine großangelegte britische Studie der BBC und der Universität Cambridge, bei der knapp 11 500 Teilnehmer zwischen 18 und 60 Jahren sechs Wochen lang regelmäßig ihre geistigen ­Fähigkeiten, zum Beispiel logisches Denken, Kurzzeit­gedächtnis, Konzentrations­fähigkeit und räumliches Vorstellungs­vermögen, trainierten. Das ernüchternde ­Ergebnis lautete: Die Teilnehmer verbesserten sich zwar bei den Aufgaben, die sie ­trainiert ­hat­ten. Bei allgemeinen neuro­psychologischen Tests hinsichtlich ihrer geistigen Leistungsfähigkeit schnitten sie am Ende der Studienphase aber kaum ­besser ab als zu Beginn. In diesem Sinne heißt es auch beim Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, dass Denksport im Alter zwar bestimmte geistige Fähigkeiten trainieren könne. „Es gibt aber keine wissenschaftlichen Nachweise, dass ein Gehirntraining die all­gemeine geistige Fitness verbessert.“

Besser knobeln, als auf dem Sofa liegen

Dennoch profitieren die grauen Zellen vom Denksport am Computer, wenn er ­längere Zeit regelmäßig und intensiv ­betrieben wird. Im Rahmen der „Cogito-Studie“ des Max-Planck­Instituts für Bildungsforschung absolvierten insgesamt rund 200 Teilnehmer ein umfangreiches Übungs­programm. Sie mussten hundert ­Tage eine ganze Reihe anspruchsvoller unterschied­licher Aufgaben bewältigen. ­Besonders ­trainiert wurde dabei das Arbeitsgedächtnis, in dem Informationen kurzzeitig verarbeitet werden und das offenbar grund­legend für die geistige Fitness ist. Außerdem wurden die Aufgaben dem Niveau der Teilnehmer individuell angepasst. Am Ende ­erzielten die Teilnehmer nicht nur bei den trainierten, sondern auch bei unbekannten Aufgaben Fortschritte. „Computer machen bestimmt nicht blöd. Sie sind aber auch nicht die Lösung aller Probleme“, sagt Christine von Arnim. Derzeit würden PC-Programme ­getestet, die körperliche und geistige Aktivitäten miteinander verbänden.

Aus gesundheitlichen Gründen muss sich jedenfalls niemand dazu zwingen, sich durch Berge von Sudokus oder Knobelaufgaben zu arbeiten. „Wenn jemand keinen Spaß und keinen Bezug dazu hat, dann kann er das getrost sein lassen“, sagt von Arnim. Überhaupt gebe es nicht „die Tätigkeit“, die man empfehlen könne, um sich geistig auf Trab zu halten. In der Gedächtnissprechstunde überlege sie daher gemeinsam mit den Patienten, welche Beschäftigungen oder Hobbys sich für sie anböten, um geistig fit zu bleiben. „Nur eines ist wirklich schlecht: auf dem Sofa liegen und nichts tun. Ansonsten gilt, je aktiver man geistig und körperlich bleibt, desto besser“, betont die Ärztin. Ob man Fremdsprachen lernt, musiziert, einen Literaturkreis gründet, tanzt oder eben doch Denksportaufgaben löst, ist dabei einerlei.

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