Auch Unternehmen brauchen Teamgeist. Im Homeoffice aber gedeiht er schlecht. Der Personalvorstand der Stuttgarter Managementberatung Horváth schildert, wie sich Führungskräfte darauf einstellen müssen.
Im Sport gibt es das Bild vom Trainer, der „die Kabine verliert“. Es beschreibt einen Coach, der die Mannschaft nicht mehr erreicht, die Spielidee nicht rüberbringt und keinen Teamgeist mehr wecken kann. Ein Firmenchef, der die Büros verliert, steht vor ähnlichen Problemen. Und das ist kein theoretisches Problem.
Viele Büros stehen leer, viele Firmen reduzieren ihre Officeflächen. In Branchen wie IT und Werbung werden jüngsten Studien zufolge zwei Drittel der Arbeit im Homeoffice erledigt. Wie aber spricht man eine Mannschaft an, die kaum da ist? „Die Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit der Führungskräfte sind dadurch enorm gewachsen“, sagt Stefan Hiendlmeier, Personalvorstand der Stuttgarter Unternehmensberatung Horváth.
Auf allen Ebenen des Unternehmens müssten die Chefs mehr Zeit investieren, um ein Gefühl der Zugehörigkeit und die Kultur des Unternehmens zu vermitteln. „Es reicht nicht, nur Arbeitsaufträge zu verteilen. Man muss erklären können, welcher Zweck verfolgt wird, wie sich die einzelne Aufgabe in die Gesamtstrategie fügt“, sagt Hiendlmeier. Bei der viel zitierten „Work-Life-Balance“ gehe es nicht nur darum, die Stunden zu zählen, sondern auch darum, die Komponente „Work“ inhaltlich aufzuwerten: „Nicht nur die jungen Mitarbeitenden brauchen das Gefühl, dass ihre Arbeit einen Sinn hat.“
Firmen suchen immer mehr externe Beratung in Personalfragen
Der 47-jährige Personalchef kennt das Problem von beiden Seiten. Zum einen suchen in Zeiten flexibler Arbeitsmodelle und des Fachkräftemangels mehr Firmen denn je externe Expertise für den Umgang mit der eigenen Belegschaft. Die bei Horváth für den Bereich Human Ressources eingekauften Beratungsleistungen hätten im vergangenen Jahr doppelt so stark zugelegt wie der Gesamtumsatz, der mit einem Plus von 23 Prozent auch schon über dem Branchendurchschnitt lag, berichtet Hiendlmeier.
Zum anderen ist seine Branche besonders betroffen: Unternehmensberatung war schon immer von Auswärtsspielen geprägt, da die Berater mehr Arbeitszeit beim Kunden verbrachten als im Büro. Beide Sphären wurden nun teils ins Homeoffice verlagert. Dadurch ist der Arbeitgeber besonders gefordert, sich ein identitätsstiftendes Zentrum zu erhalten.
Onlinemeetings sind effizient, aber nicht in jeder Hinsicht
„Virtuelle Meetings sind effizient, das weiß seit Corona jeder, aber emotional geschieht wenig. Es ist schwer via Teams Begeisterung zu wecken. Deshalb wollen wir, dass unsere Leute an ein oder zwei Tagen die Woche in die Firma kommen“, sagt Hiendlmeier. Aber man dürfe kein Dogma daraus machen. Zwang hätte wenig Sinn. „Man muss vielmehr etwas dafür tun, angenehme Begegnungsräume schaffen und die Arbeitsplätze technisch gut ausstatten“. Wer geht schon ins Büro, wenn zuhause die besseren Bildschirme stehen? Man müsse aber auch gezielt den Austausch fördern. Horváth hat beispielsweise eine App eingeführt, in der Mitarbeiter sehen, wer vor Ort ist, und sich zum Essen oder Kaffee verabreden können.
Kein unrealistisches Beispiel: drei Uniabsolventen leben in einer WG und arbeiten von zuhause für drei verschiedene Unternehmen aus der gleichen Branche. Die Gehälter sind schnell verglichen, Bonus-Regelungen und andere Benefits auch. Was hält sie von einem Wechsel ab, wenn das Gras auf der anderen Seite grüner erscheint?
„Natürlich müssen die Basisfaktoren stimmen, aber die Loyalität zu einem Unternehmen entscheidet sich nicht an der Zahl der Benefits“, sagt Hiendlmeier. Entscheidend sei die Antwort auf andere Fragen. Fühle ich mich wohl bei der Firma? Bin ich stolz, ein Teil des Teams zu sein? Fördert mich das Unternehmen auch langfristig in meiner Entwicklung?
Die Firmen müssen sich auf neue Bedürfnisse einstellen
Unternehmenskultur entwickle sich über viele Jahre hinweg und werde ganz maßgeblich von gemeinsamen Erlebnissen und Erfolgen, von der Historie und den Führungspersönlichkeiten geprägt, meint Hiendlmeier. Die Geschichte der Firma und ihre Erfolge zu kennen, sei deshalb ein wichtiger Inhalt von Onboarding-Wochen, wie sie Horváth regelmäßig für neue Mitarbeitende veranstaltet. Daneben gelte es im Wettbewerb um Fachkräfte aber auch darum, sich immer wieder auf neue Bedürfnisse einzustellen.
War früher die Möglichkeit, neben dem Job zu promovieren, ein großes Thema, geht es heute in Vorstellungsgesprächen eher um die Frage, ob die Firma Sabbaticals oder Arbeiten vom Ausland aus ermöglicht. Noch neuer ist ein anderer Trend: Die Kandidatinnen und Kandidaten fragen, wie das Unternehmen Künstliche Intelligenz einsetzt. Dahinter stehe nicht nur das Anliegen, stupide Arbeiten zu vermeiden, sagt Hiendlmeier. Es gehe auch um einen spielerisch leichten Zugang zu den Wissensressourcen der Firma. „Das hat auch einen Spaßfaktor.“