Firat Arslan beim Showtraining in den Stuttgarter Königsbau-Passagen Foto: Baumann

Es geht um eine Revanche – und um Fairness. Weil Marco Huck, WBO-Weltmeister im Cruisergewicht, den ersten Kampf gegen Firat Arslan nur mit Hilfe der Punktrichter gewonnen hat, kommt es am Samstag (23 Uhr/ARD) in Stuttgart zur Neuauflage.

Es geht um eine Revanche – und um Fairness. Weil Marco Huck, WBO-Weltmeister im Cruisergewicht, den ersten Kampf gegen Firat Arslan nur mit Hilfe der Punktrichter gewonnen hat, kommt es am Samstag (23 Uhr/ARD) in Stuttgart zur Neuauflage.
 
Herr Arslan, stört Sie, dass Sie immer auf Ihr Alter angesprochen werden?
Nein, sollte es das? Ich bin doch erst 43.
Ganz schon alt für einen Profiboxer.
Ich führe seit 25 Jahren Buch über meine Trainingsleistungen, und ich kann Sie beruhigen: Ich bin nicht über Nacht gealtert, meine Werte sind super. Vor zwei Wochen habe ich einen extremen Lauf gemacht, mit einem besseren Ergebnis als je zuvor.
Was bedeutet „extremer Lauf“ für Sie?
Details sage ich nicht. Nur so viel: Ich habe eine superharte Vorbereitung hinter mir, gehe topfit in den Kampf. Es gibt für mich keine Ausreden und keine Entschuldigungen.
Marco Huck sagte nach seinem umstrittenen Sieg im ersten Duell im November 2012, er sei direkt aus der Kneipe in den Ring gestiegen.
Das ist lachhaft, und das weiß er auch.
In welchem Zustand erwarten Sie ihn am Samstag?
Ihm ist klar, dass er eine weltmeisterliche Form braucht, denn ich werde ihm alles abverlangen. Es wird ein knallharter Kampf.
Mit einem fairen Ausgang?
Das wünsche ich mir innigst. Sollte Huck der Bessere sein, was er ja glaubt, dann werde ich ihm gratulieren. Ich hoffe, dass es diesmal sauberer zugeht.
Was meinen Sie damit konkret?
Im ersten Kampf musste ich etliche Tiefschläge einstecken, die der Ringrichter nicht geahndet hat. Es gab aber auch schon Boxer, die sechs Runden Vollgas gegeben und dann durch eine simulierte Verletzung einen Abbruch provoziert haben. Darüber macht sich der eine oder andere in meinem Team ernsthaft Sorgen.
Boxerisch gibt es keine Bedenken?
Nein. Es ist mir egal, was Huck kann oder macht. Ich glaube, flexibel genug zu sein, um auf alles eine Antwort zu finden.
Ihr Wille gilt als Ihre große Stärke. War das schon immer so?
Ja, obwohl ich gar nicht weiß, wann ich meinem Willen zum ersten Mal begegnet bin.
Im Freibad vielleicht?
(Lacht) Zumindest ist es ein gutes Beispiel.
Erzählen Sie.
Ich war 19, habe ein Wetttauchen mit meinem heutigen Trainer Dieter Wittmann gemacht. Erst bin ich eine Minute unter Wasser geblieben, beim nächsten Versuch zwei Minuten. Und dann wollte ich es richtig wissen. Ich habe 3:41 Minuten geschafft. Danach bin ich zwar bewusstlos gewesen, aber ich glaube, mein starker Wille war zu erkennen.
Wie wichtig ist Ihr Wille für Ihre Karriere?
Ich war im Boxen nie ein Überflieger, aber ich wollte in die Weltspitze. Ich habe erkannt, dass ich dafür viel mehr arbeiten muss als andere. Das habe ich getan – und mein Ziel erreicht.
Woher kommt dieser Wille?
Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Es gibt kein Training und keinen Kampf, vor dem ich nicht bete. Diese Gebete geben mir Kraft und Energie. Ich bin Gott dankbar für meine Gene. Außerdem lebe ich total diszipliniert.
Sie sind jetzt 43 – und reif für Rekorde.
Stimmt (lächelt). Wenn ich gegen Marco Huck gewinne, bin ich der erste europäische Boxer, der in diesem Alter Weltmeister wird. Und der erste Cruisergewichtler. Das hört sich doch nicht schlecht an, oder?
Und danach treten Sie auf dem Höhepunkt ab?
Ich habe doch einen laufenden Vertrag mit Sauerland.
Was ist, wenn Sie verlieren?
Darüber denke ich nicht nach.
Gilt das auch für den Zeitpunkt Ihres Rücktritts?
Für mich ist klar: Ich will die Kinder und Jugendlichen, die zu mir aufschauen, nicht enttäuschen. Wenn ich also merke, dass ich meine Leistung nicht mehr bringe, höre ich sofort auf. Aber bisher gibt es dafür noch keine Anzeichen.
Was fasziniert Sie am Boxen?
Dass es ein faires Duell von zwei Männern ist, die sich unter Entbehrungen vorbereitet haben. Dass es knallhart ist. Dass so viele Faktoren eine Rolle spielen, wie in kaum einer anderen Sportart: Ausdauer, Schnellkraft, Mut, Härte, Disziplin, Koordination, Konzentration. Dass auf einen Schlag alles vorbei sein kann. Boxen ist faszinierend und der Sport, der mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich bin.
Boxen ist aber auch gefährlich.
Schläge auf den Kopf tun nicht gut, das ist klar. Deshalb bin ich froh, dass bei ärztlichen Untersuchungen bisher immer alles okay war. Das liegt sicher auch daran, dass ich großen Wert auf meine Deckung lege. Die Defensive ist nicht nur für den sportlichen Erfolg wichtig, sondern auch für die Gesundheit. Ich habe auch nicht öfter Kopfweh als ein Nicht-Boxer.
Was motiviert Sie?
Meine Geschichte. Ich hatte eine schwere Kindheit, wurde im Kindergarten gehänselt, weil ich als Einziger die deutsche Sprache nicht konnte. Ich war ein Außenseiter, so wie sich heute viele Jugendliche als Außenseiter fühlen. Ich will ihnen zeigen, dass man durch Leistung und Fleiß fast alles schaffen kann. Nicht nur im Sport, auch im Leben. Heute bin ich zu 100 Prozent integriert und akzeptiert, ohne meine Identität aufgegeben und meinen Namen geändert zu haben, wie es im Boxsport üblich ist.
Haben Sie Vorbilder?
Muhammad Ali. Er hat mich durch seine Art schon als Kind begeistert. Er zog nicht in den Vietnam-Krieg, hat sich nicht verbiegen lassen. Und er hat die Massen bewegt – wie auch Manny Pacquiao oder die Klitschkos. Hut ab vor dem, was Vitali Klitschko in der Ukraine leistet. Er riskiert sein Leben, dabei könnte er auch irgendwo in der Sonne liegen.
Wie nutzen Sie Ihre Popularität?
Ich bin viel und gerne ehrenamtlich in Schulen unterwegs. Es macht mir Spaß, die Kids zu motivieren, ihre Ziele zu verfolgen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Doch wer will, der kann nahezu alles erreichen.
Wie geht der Kampf am Samstag aus?
Ich fühle mich schon seit unserem ersten Duell als Weltmeister, auch wenn ich durch ein Fehlurteil den Titel nicht bekommen habe. Ich glaube, den werde ich mir jetzt holen.
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