Natalie Portman spielt die Holocaust-Überlebende Fania. Und muss erstmals als Regisseurin alles im Blick halten. Foto: Verleih

Ihr Auftritt in „Star Wars“ ist lange her. Natalie Portman wird als Schauspielerin längst ernst genommen. Mit „Eine Geschichte von Liebe und Feuer“ legt sie nun ihr Regiedebüt vor. Das Drehbuch nach dem 800-Seiten-Roman von Amos Oz, der im Jerusalem der Vierziger spielt, hat sie selbst erstellt – und gleich noch die Hauptrolle übernommen.

Stuttgart - Jeder Mensch, jedes Land, jedes Ding hat eine Geschichte. Man kann sie auf unterschiedliche Weise erzählen und ausschmücken. Manche Schilderungen sind verlässlich, andere erstunken und erlogen. Oft ist es eine Sache des Standpunktes, was nun stimmt und was nicht. Für Amos (Amir Tessler), ungefähr sieben Jahre alt, spielt es keine Rolle, ob die Erzählungen seiner Mutter wahr sind. Sie helfen ihm durch den trüben Alltag in Jerusalem, das unmittelbar nach dem Holocaust überlebenden Juden aus der ganzen Welt eine Heimat bieten soll.

Dem gelobten Land fehlt es in der Realität an Glanz. Obwohl Amos noch keine Ahnung von Politik hat, registriert er schon die Spannungen zwischen Juden und Arabern, die unter britischem Mandat auf dem Gebiet Palästinas leben. Die Märchen, Gleichnisse und Anekdoten seiner Mutter Fania (Natalie Portman) sind Schlupflöcher in eine andere Welt. Und auch Fania, rätselhaft traurig in der Ehe mit dem Vernunftmenschen Arieh (Gilad Kahana), blüht auf, wenn sie ihrem Kind erzählt.

Die Wucht des Werks

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ hat der israelische Schriftsteller Amos Oz sein autobiografisches Familienepos genannt, in dem er die Hintergründe der Staatsgründung Israels mit eigenen Kindheitserinnerungen und fiktiven Ereignissen verwoben hat. Nun hat die ebenfalls aus Israel stammende, 1984 mit ihren Eltern in die USA ausgewanderte Schauspielerin Natalie Portman Oz‘ mehr als achthundert Seiten umfassendes Buch verfilmt. Ein Mammutprojekt, auch deshalb, weil Portman nicht nur produziert und zum ersten Mal Regie geführt, sondern auch das Drehbuch verfasst und die Rolle der Mutter übernommen hat.

Zu Beginn führt uns ein gealterter Amos (Alexander Peleg) in seine Kindheit zurück, die er nicht bloß erinnert, sondern im Erzählen neu erschafft. Ein Ansatz des Schriftstellers, den Natalie Portman beibehält. Immer wieder kommentiert die Stimme aus dem Off die losen Episoden des Familienlebens in einer von Unsicherheit und Armut dominierten Zeit.

Amos Mutter Fania stammt aus einer wohlhabenden osteuropäischen Familie und ist nur widerwillig ihrem Mann nach Jerusalem gefolgt. Während der nüchterne Bibliothekar und Sprachwissenschaftler seine Hoffnungen auf einen souveränen israelischen Staat setzt und die Sehnsucht seiner Frau nach einer fast mythischen Heimat belächelt, beobachtet Amos, wie Fania in Melancholie versinkt.

Mehr als traurig

Der Begriff Depression fällt in diesem Zusammenhang nie, und woher die für ein Kind mysteriös wirkende Traurigkeit rührt, erklärt auch der erwachsene Off-Erzähler nicht. Natalie Portman begnügt sich damit, das äußere Erscheinungsbild der Depression zu zeigen, das sie wahrscheinlich als Psychologiestudentin in Harvard erkundet und später in ihrer Rolle als psychotische Tänzerin in„Black Swan“ schauspielerisch ausformuliert hat. Nun aber inszeniert sie selbst ein eigenes Skript und tritt auch noch vor die Kamera. Sie läuft Gefahr, den Überblick zu verlieren, auch sich selbst im Mikrokosmos der Rolle.

Das innige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bestimmt den Verlauf der Handlung. Es sind auch bloß diese beiden Charaktere, die tiefer ausgelotet werden. Die schwierige Ehe zwischen den Eltern läuft fast nach Schema schief: Je schlechter es Fania geht, desto öfter flieht Arieh vor ihr und sucht Ablenkung bei anderen Frauen. In dieser knappen Darstellung macht sich der Vater schuldig am Zustand der Mutter. Dass man deren Krankheit als unmittelbare Folge von Vertreibung und Verfolgung begreifen kann, lässt der Film im Vagen.

Enge Perspektive

Auch die politischen Probleme bleiben Andeutungen. In einer Episode begleitet Amos als Ersatzsohn die kinderlosen Freunde seiner Eltern zu einem Gartenfest. Dort freundet er sich mit zwei arabischen Kindern an, verletzt aber versehentlich eines von ihnen im Spiel. Der Unfall führt bei den Erwachsenen zum emotionalen Eklat – im Film Zeichen für die gestörte Kommunikation zwischen Juden und Arabern, die nicht bloß die Politik, sondern auch das zivile Leben bis heute prägt. Daneben verweist eingestreutes historisches Filmmaterial auf verbriefte Geschichte. Für Unkundige erhellen sich die komplizierten Zusammenhänge dadurch aber kaum.

Man kann dafür in die schwelgenden, meist milchig blau getönten Stimmungsbilder von Kameramann Slawomir Idziak („Gattaca“) eintauchen. Doch auch in ihnen verengt sich die Perspektive auf eine bleierne, alles überdeckende Traurigkeit. Es hätte so viel mehr zu erzählen gegeben.

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. USA 2015. Regie: Natalie Portman. Mit Natalie Portman, Gilad Kahana, Amir Tessler, Makram Khoury. 98 Minuten. Ab 12 Jahren.

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