Die 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig stehen wieder im Zeichen der Coronapandemie. Dennoch wird mit Stars gerechnet – und das Programm klingt verheißungsvoll.
Venedig - Pedro Almodóvar, 2019 in Venedig für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, eröffnet mit „Madres paralelas“, dem Porträt zweier schwangerer Frauen – gespielt von Penélope Cruz und Milena Smit –, am 1. September die 78. Auflage der Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica.
„Als Regisseur wurde ich 1983 in Venedig in der Sektion ‚Mezzogiorno Mezzanotte‘ geboren“, erinnert sich der spanische Ausnahmefilmemacher und bezieht sich dabei auf seinen Erfolg mit „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, der seinen internationalen Durchbruch markierte.
Bis zum 11. September steht der Lido, die der Lagunenstadt vorgelagerte Badeinsel, erneut ganz im Zeichen des Films – unter erschwerten Coronabedingungen. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden verstärkt. Der Zugang zu den Kinosälen ist nur mit Grünem Pass oder entsprechendem Äquivalent möglich, an den Einlassstellen zum Festivalgelände wird Fieber gemessen – wer über 37,5 Grad Körpertemperatur hat, wird nicht eingelassen –, Tickets müssen wieder online gebucht werden, was im Vergleich zu Cannes bestens geklappt hat, und auf dem gesamten Gelände herrscht Maskenpflicht. 2020 hat alles reibungslos funktioniert. Glaubt man den Veranstaltern, gab es keinen einzigen Covidfall.
Staraufgebot auf dem Roten Teppich erwartet
Das mag der Grund dafür sein, dass viele (Hollywood-)Stars erwartet werden. Wegen der Pandemie fehlten diese vergangenes Jahr weitgehend. Sieht man von Frances McDormand ab, die im Goldener-Löwe-Gewinner „Nomadland“ von Chloé Zhao glänzte, die der siebenköpfigen Jury unter dem Vorsitz des renommierten Südkoreaners Bong Joon-ho („Parasite“) angehört. Heuer sollen unter anderem Kirsten Dunst, Antonio Banderas, Olivia Colman und Willem Dafoe über den Roten Teppich flanieren. Wie auch Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson, Protagonisten in Denis Villeneuves („Blade Runner 2049“) heiß erwarteter Neuverfilmung von Frank Herberts Science-Fiction-Klassiker „Dune“, oder Matt Damon und Adam Driver, die sich als Ritter im Frankreich des 14. Jahrhunderts unter der Regie von Ridley Scott („Gladiator“) in „The Last Duel“ gnadenlos bekämpfen.
Die beiden Großproduktionen werden wie sieben andere Spielfilme, darunter Edgar Wrights („Baby Driver“) Swinging-Sixties-Reminiszenz „Last Night in Soho“ und David Gordon Greens „Halloween“-Sequel „Halloween Kills“ mit „Scream Queen“ Jamie Lee Curtis – sie wird wie Roberto Benigni („Das Leben ist schön“) für ihr Lebenswerk geehrt – außer Konkurrenz uraufgeführt, 21 gehen in den Wettbewerb um die begehrten Statuetten.
Schrader, Larraín und Sorrentino
Große Namen finden sich „in concorso“ – ohne deutsche Beteiligung. „Taxi Driver“-Autor Paul Schrader ist zu nennen, der 2017 vor Ort mit „First Reformed“ für Aufregung sorgte und mit dem Pokerdrama „The Card Counter“ zurückkehrt.
Der Chilene Pablo Larraín („Jackie“) widmet sich bei „Spencer“ wieder einer „Frauensache“, erzählt von der tragischen Lady Di (Kristen Stewart) und deren Entschluss, sich von Prince Charles zu trennen. Aus italienischer Sicht – das Gastgeberland ist mit fünf Werken vertreten – ist man auf Paolo Sorrentinos („La Grande Bellezza – Die große Schönheit“) „É stata la mano di Dio“ („Es war die Hand Gottes“) besonders gespannt. Von einer „persönlichen Arbeit“ spricht er, um Liebe und Verlust, Kino, Sport und Diego Maradona soll es gehen. Die Hauptrolle hat er Toni Servillo übertragen, der zudem in Mario Martones „Qui rido io“, ein Biopic über den 1925 verstorbenen neapolitanischen Schauspielers Eduardo Scarpetta, zu sehen ist. Ebenfalls mit (nur) fünf Filmen haben es Regisseurinnen in den Wettbewerb geschafft.
Netflix im Boot als gutes Omen?
Angeführt von der Australierin Jane Campion („Das Piano“), die mit „The Power of the Dog“ einen Neo-Western um die Rivalität zweier Brüder (Benedict Cumberbatch & Jesse Plemons), vorstellt. Von Netflix wird das rurale Drama, wie Sorrentinos Nabelschau, vertrieben. Ein gutes Omen vielleicht, gewann doch Alfonso Cuarón 2018 für sein vom US-Streamingdienst produzierten Beitrag „Roma“ den Goldenen Löwen.
Von der Französin Audrey Diwan stammt „L’événement“, die sich mit dem ewig umstrittenen Thema Abtreibung auseinandersetzt, die populäre amerikanische Oscar-Preisträgerin Maggie Gyllenhaal („Crazy Heart“) legt mit „The Lost Daughter“, eine Adaption von Elena Ferrantes finalem Roman der „Neapolitanischen Saga“, ihr nach eigenem Skript inszeniertes Langfilmdebüt vor. In der Orizzonti-Sektion, die laut Festivaldirektor Alberto Barbera (seit 2011 im Amt) Arbeiten verpflichtet ist, die neue Tendenzen des Weltkinos aufzeigen, laufen 19 Filme.
Im einzigen Serienspecial präsentiert der hochgehandelte israelische Showrunner Hagai Levi („The Affair“) „Scenes From a Marriage“ (HBO) mit Oscar Isaac und Jessica Chastain, ein Update von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“. Nicht zu vergessen, unter Cineasten besonders beliebt, die Reihe Venezia Classici, in der seit 2012 restaurierte Klassiker – aktuell etwa „Serpico“ von Sidney Lumet, „Chronik einer Liebe“ von Michelangelo Antonioni“ oder „Vier im roten Kreis“ von Jean-Pierre Melville – zur Aufführung kommen.
Die Jury
Vorsitz
Bong Joon-ho, Jurypräsident. Der Südkoreaner gewann für „Parasite“ 2019 in Cannes die Goldene Palme sowie drei Oscars (Regie, Originaldrehbuch, Bester Film). Mitglieder
Saverio Costanzo („Hungry Hearts“), italienischer Regisseur und Drehbuchautor. Virginie Efira („Elle“), belgisch-französische Schauspielerin und Moderatorin. Cynthia Erivo, britische Schauspielerin, für ihre Titelrolle in „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ Oscar-nominiert. Sarah Gadon („True Detective“), kanadische Schauspielerin und Produzentin. Alexander Nanau, rumänisch-deutscher Kameramann, Produzent und Regisseur. Oscar-nominiert für den Dokumentarfilm „Colectiv“. Chloé Zhao, chinesische, primär in den USA tätige Regisseurin, Autorin, Produzentin und Cutterin. 2020 für „Nomadland“ mit dem Goldenen Löwen sowie zwei Oscars (Regie, Bester Film) prämiert.