Wo er auftaucht, herrscht Hysterie: George Clooney verteilt am Lido Autogramme vor der Premiere seines Films „Suburbicon“ Foto: AFP/Filippo Monteforte

Samuel Maoz präsentiert mit „Foxtrot“ die zweite deutsche Koproduktion im Wettbewerb von Venedig. Von Kritik und Publikum gefeiert werden derweil George Clooney und seine böse Noir-Farce „Suburbicon“.

Venedig - Vom Winde verweht – und sintflutartigen Regengüssen begleitet – wird der Auftritt von Ai Weiwei am Roten Teppich, als er gut gelaunt zur Premiere von „Human Flow“ schlendert. Und als dann zu später Stunde Robert Redford und Jane Fonda über selbigen schreiten, ist es noch feucht und erheblich kühler als die vergangenen Tage. Den Fans, Autogrammjägern und Schaulustigen ist das egal, sie klatschen und kreischen – italienisches Temperament pur! Im Sala Darsena, hinter dem Festivalpalast gelegen, findet zeitgleich eine Pressevorführung statt. Eine Kollegin windet aus ihren klatschnassen Jeans, im schwarzen Spitzenschlüpfer verfolgte sie, Jacke über den Knien, den Film. Ein paar Reihen davor schälen sich zwei athletische junge Männer aus ihren durchweichten T-Shirts – zur Freude vieler Frauen im Saal. Auf der Leinwand gab es beim Filmfestival in Venedig bislang weniger Nackte Haut zu sehen.

Wobei Sex und Beziehungen im Programm natürlich ein Thema sind. Um ein Paar, das auf seine alten Tage zusammenzieht, kreist Ritesh Batras „Our Souls at Night“. Außer Konkurrenz wird die Wohlfühlmär aufgeführt, zu Ehren von Fonda und Redford, die vor Beginn der Vorstellung Goldene Löwen für ihr Lebenswerk bekommen. Nette Unterhaltung mit ein paar Familienproblemen bekommt man geboten, Spaß macht es, den immer noch jugendlich frisch agierenden Hollywood-Stars zuzusehen. Die von Redfords Firma Wildwood Enterprises verantwortete Netflix-Produktion – und im Gegensatz zu Cannes hat man hier in Venedig keine Probleme mit dem Streamingdienst, der Spielfilme finanziert, aber dann unter Umständen nicht ins Kino, sondern nur auf der eigenen Plattform abspielt. Am Lido stellt Netflix auch die Serie „Wormwood“ vor, in der Errol Morris dem mysteriösen Tod eines Militärchemikers nachgeht.

Andrew Haigh rückt die Kehrseite des American Dream in den Fokus

Um amerikanische Familienverhältnisse, allerdings der dysfunktionalen Art, geht es auch in „Lean on Pete“. Basierend auf Willy Vlautins Roman verkörpert Charlie Plummer („The Dinner“) unter der Regie von Andrew Haigh („45 Years“) einen Teenager, der sich nach dem Tod des Vaters auf die Suche nach seiner Tante begibt. Verschiedenste Menschen lernt er kennen, darunter einen bärbeißigen Pferdebesitzer und eine junge Frau (Chloë Sevigny), die für diesen als Jockey tätig ist. Von seiner genauen Beobachtung lebt dieses naturalistische Sozialdrama, das ohne Kitsch, Klischees und Sentimentalitäten auskommt. Die Kehrseite des American Dream rückt der Filmemacher in den Fokus, Gewalt und Drogensucht, Arbeits- und Obdachlosigkeit. Sein Werk ist eine stimmige, maulfaule Milieustudie, Neo-Western und Roadmovie, bevölkert mit groß aufspielenden Charakterköpfen wie Steve Buscemi, Steve Zahn und Travis Fimmel.

Noch einmal Familie, noch einmal Sozialstudie, noch einmal Gesellschaftskritik: „Foxtrot“, nach „Human Flow“ die zweite deutsche Koproduktion im Rennen um den Goldenen Löwen. Schauplatz ist Israel, ein entfremdetes Elternpaar erfährt, dass ihr Ältester gefallen ist. Trauer, Wut und Verzweiflung folgen. Bis sich herausstellt, dass es sich bei dem Todesfall um eine Verwechslung handelt. An diesem Punkt schneidet Samuel Maoz („Lebanon“) zum Sohn, der an einem entlegenen Kontrollpunkt Dienst tut. Mehrfach wechselt der Regisseur in seinen mit unbedingtem Stilwillen umgesetzten Drama die Perspektive, baut eine Zeichentrickpassage ein und erlaubt sich ein paar pointierte, bitterböse Witze, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Eine reflektierte, vielschichtige und verschachtelte Arbeit, die auf gute Resonanz stößt.

Clooneys Film ist eine bitterböse Noir-Farce aufs US-Vorstadtleben

Und doch getoppt – von „Suburbicon“ von George Clooney, der in puncto Fanhysterie am Lido der ungekrönte König ist. Matt Damon und Julianne Moore verblassen neben ihm, dafür trumpfen sie als Protagonisten in Clooneys sechsten Regiearbeit groß auf. Eine bitterböse Noir-Farce aufs US-Vorstadtleben erzählt er nach dem wendungsreichen, blutig-galligen Skript von Joel und Ethan Coen. Damon glänzt als vermeintlich braver Vater, der sich in dem Titel gebenden Städtchen niedergelassen hat und gegen Ende der 1950er-Jahre mit Hilfe seiner Schwägerin (Moore) einen Versicherungsbetrug im Stile von Billy Wilders „Frau ohne Gewissen“ plant. Fortan pflastern Leichen den Weg des Biedermannes, derweil seine Mitbürger wütend dagegen protestieren, dass eine schwarze Familie sich in ihrer Mustersiedlung niedergelassen hat. So treffen „Fargo“, Jim Crow und Rosa Parks aufeinander – temporeich inszeniert, liebevoll ausgestattet, dynamisch gefilmt und von Alexandre Desplat mit einem wuchtigen, schweißtreibenden Score im Stile Bernard Herrmanns versehen. Ein teuflischer, hintersinniger (Polit-)Spaß.

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