Die bolivianischen Marktfrauen geben den Ton an. Der ehemalige Minenarbeiter Elder arbeitet für sie. Szene aus dem Film „El gran movimiento“ Foto: Cinelatino/Cinelatino

Endlich wieder im Kino: Das spanischsprachige Filmfestival in Stuttgart und Tübingen rückt die indigene Bevölkerung Lateinamerikas in den Mittelpunkt. Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme kommen in diesem Jahr hauptsächlich aus Ecuador, Peru, Bolivien und Spanien.

Gleich zu Beginn ahnt man, es wird ungut. „El gran movimiento“ beginnt inszeniert wie ein Psychothriller mit Kameratotalen, die zu dramaturgisch sich zuspitzender Musik immer näher an Details in der aufgeladenen Metropole La Paz heranzoomen – brachiales Sounddesign trifft auf dokumentarische Aufnahmen. Mittendrin: der ehemalige Minenarbeiter Elder und seine Kollegen, die in der bolivianischen Stadt an Demonstrationen teilnehmen. Die Kamera begleitet die drei bei ihrem Kampf um Arbeit, beim Einkaufen, Ausgehen, ihrem Leben in Armut. Die Männer träumen von guter Arbeit, guten Arbeitsbedingungen, den noblen Häusern mit Hausmädchen, die sie im Vorbeifahren sehen, den schönen Autos – bis sich Elders Gesundheitszustand immer mehr verschlechtert. Ihm bleibt die Luft zum Atmen weg. Die Stadt als Bedrohung. Eine skurrile Figur zwischen Medizinmann und Waldschrat sucht ihn auf, ein weißer Hund erscheint ihm, das Fieber steigt höher. Oder ist doch alles nur sein eigener Wahn?

 

Lebenswelten, Kulturen und Probleme Indigener filmisch näher bringen

„Der bolivianische Regisseur Kiro Russo ist ein großes Talent, wir sind froh, dass wir seinen Film beim diesjährigen Cinelatino zeigen können“, freut sich Paulo de Carvalho, der mittlerweile seit 29 Jahren das spanischsprachige Filmfestival in Tübingen, Stuttgart und Freiburg leitet. Im Fokus stehen dieses Mal indigene Lebenswelten und Protagonisten. Die lateinamerikanischen Länder Peru, Bolivien, Ecuador und Brasilien eint, dass sie zahlreiche indigene Völker beherbergen. Das Festival bietet Zuschauern in diesem Jahr mehr denn je eine wichtige Perspektive auf diesen großen Teil der lateinamerikanischen Gesellschaft und Einblicke in Lebenswelten, in die viele Europäer nur selten nahe vordringen. Fremd und weit entfernt scheinen sie doch vielen nicht nur wegen der geografischen Distanz, sondern aufgrund fehlender Berührungspunkte zu sein. „Wir nennen den Schwerpunkt indigene Stimmen, weil wir ihnen eine Stimme geben wollen. Indigene haben noch mehr als andere Teile der Bevölkerung unter der Pandemie gelitten“, sagt de Carvalho. Seit der Kolonialzeit leiden Indigene in Lateinamerika, die in rund 400 verschiedene Ethnien unterschieden werden können, unter Unterdrückung, Diskriminierung und müssen immer noch für ihre Rechte kämpfen. Ungeachtet bleibt oft ihr enormer kultureller Reichtum, ihr großes tradiertes Wissen und ihre Spiritualität. Das Cinelatino lenkt den Blick mit Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilmen und Gästen wie etwa José Cardoso, dem Regisseur von „Iwianch, el Diablo Venado“ genau dorthin. Cardoso und sein Filmteam haben ein Dorf der Achuar im ecuadorianischen Regenwald besucht, um mehr über die Mythen und Sagen der Region zu erfahren.

Dieter Kosslick zu Gast

Außerdem bekommt das Festival in Präsenz nach zwei pandemiegeprägten Jahren nun auch eine ganze Portion Berlinale-Glamour ab. Eine erste Gelegenheit den diesjährigen Berlinale-Gewinner „Alcarràs“ (katalanisch mit englischen Untertiteln) noch vor dem offiziellen Kinostart zu sehen, bietet sich zur Eröffnung. Außerdem wird Dieter Kosslick, ehemaliger Berlinale-Direktor, zu Gast sein. Er liest aus seinem Buch und gibt zu seiner Filmempfehlung „La teta asustata“ eine Einführung. Die besondere Empfehlung des Cinelatino-Leiters de Carvalho fällt neben den Schwerpunktländern auf die spanischen Spielfilme „Maixabel. Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung“ und „Sis dies corrents“. Wie immer zeigt das Cinelatino: Es gibt viel zu entdecken, und auch wenn es so manche Reise nicht ersetzen kann, macht es ferne Länder und Kulturen auf seine eigene cineastische Weise intensiv erlebbar.

Infos und Highlights

Start
Das Festival findet in Tübingen (Kino Museum) und Reutlingen von 6.-13. April, in Stuttgart (Delphi) und Freiburg vom 7. April-13. April statt. Der Eröffnungsfilm ist der Berlinale-Gewinner „Alcarràs“. Das Programm und alle Termine zu Gästen und Gesprächsrunden gibt es unter https://filmtage-tuebingen.de/.

Rahmenbedingungen
Nach den letzten beiden, coronabedingt hybriden Festivals findet das Cinelatino nun wieder mit hundertprozentiger Auslastung der Kinos in Präsenz statt.